Heimweh
 
So genießen Kinder den Urlaub ohne Eltern

Keine Sorge: Ein wenig Heimweh ist ganz normal, wenn der Nachwuchs zum ersten Mal alleine verreist - genau wie Ihre Sehnsucht nach Ihrem Kind. Damit das Herzweh nicht zu groß wird, haben wir ein paar Tipps zusammengestellt.

Heimweh - erst schlimm, dann schnell vorbei

Heimweh: So genießen Kinder den Urlaub ohne Eltern

Kinder, die das erste Mal ohne ihre Eltern in Urlaub fahren, werden beinahe ohne Ausnahme davon heimgesucht: Heimweh. Und auch für Mama und Papa ist es nicht leicht, ihr Kind in der Ferne zu wissen, betreut von fremden Menschen. Werden die auch gut aufpassen? Können sie auf die Bedürfnisse des Kindes eingehen, wo sie doch seine Eigenheiten und Vorlieben noch gar nicht kennen?
Keine Sorge: Solche Gefühle sind ganz normal. Damit die Sehnsucht auf beiden Seiten aber nicht zu groß wird und den Reisegenuss schmälert, haben wir nützliche Infos und Tipps für Sie zusammengestellt. Wichtig: Die meisten Weichen zur Vermeidung stellen Sie bereits vor der Abreise!

Vor der Abreise


Ab wann sind Kinder überhaupt reif genug, um ohne die Eltern zu verreisen?

Rein rechtlich gesehen, dürfen Kinder alleine wegfahren, sobald ihre Eltern es erlauben. Minderjährige sollten aber immer ein Schreiben der Eltern dabei haben, in dem diese ihr Einverständnis erklären. Darin angegeben sein sollten außerdem Dauer und Ziel der Reise und wo man die Eltern erreichen kann.
Wenn Sie unsicher sind, ob Ihr Kind tatsächlich schon einen Urlaub ohne Sie verbringen kann, sollten Sie sich folgende Fragen stellen:

  • Hält es sich zuverlässig an Absprachen?
  • Erkennt es Autoritäten an und befolgt es Anweisungen?
  • Kann es mit Geld haushalten?
  • Begibt es sich nicht leichtfertig in Gefahr?
  • Lässt es sich nicht von anderen zu Dummheiten verleiten?

Wenn Sie diese Fragen bejahen können, spricht nichts dagegen, wenn Ihr Nachwuchs auf eigene Faust die große weite Welt erkundet. Weitere Punkte nennt Jessica Roberts, die während ihres Pädagogikstudiums lange Jahre als Betreuerin für Jugendreisen gearbeitet hat: "War das Kind bisher nur mit vertrauten Personen wie Oma und Opa unterwegs oder auch schon auf Klassenfahrt? Hat es schon oft bei Freunden alleine übernachtet? All das sind keine Voraussetzungen, aber nützliche Hinweise."

Wie weit soll die Reise gehen?

Auch das hängt natürlich von Ihrem Kind ab - sowie von vielen weiteren Faktoren: Wohin möchte es gerne fahren? Was gibt das Familienbudget her? Grundsätzlich raten Experten jedoch, bei einem Kind unter zehn Jahren das Reiseziel so nah zu wählen, dass sie es innerhalb eines Tages wieder abholen können, falls es das Heimweh trotz der Beherzigung aller Tipps gar nicht mehr aushält.

Auch sollte die Reise nicht zu lange dauern. "Eltern sollten Kinder unter zehn Jahren nicht zu lange auf eine Freizeit schicken. Maximal acht bis zehn Tage beim ersten Mal", empfiehlt Jessica Roberts - und hat gleich noch einen Tipp parat: "Am besten reist das Kind dabei gemeinsam mit einem Freund."

Das Heimweh ist groß, weil die Reise nicht den Erwartungen entspricht - lässt sich das im Vorfeld verhindern?

Manchmal gibt's im Urlaub leider böse Überraschungen - diese können schnell dazu führen, dass das Kind nur noch eines will: am liebsten sofort zurück nach Hause. Deshalb rät Jessica Roberts als erfahrene Betreuerin: "Eltern sollten ihre Kinder unbedingt in die Urlaubsplanung einbeziehen, mit ihnen Kataloge anschauen und gemeinsam eine Reise aussuchen - auch wenn es sinnvoll ist, eine Vorauswahl zu treffen."
Bei dieser Vorauswahl sollten Sie als Eltern die Angebote an Kinder- und Jugendreisen genau prüfen: Seriöse Veranstalter für Kinderreisen geben Ihnen gern nähere Auskünfte über die Unterbringung und die Zahl der Betreuer - mehr als acht Kinder sollte ein Betreuer nicht zu beaufsichtigen haben. Beim Essen sollten die Kleinen Urlaub aus mehreren Gerichten wählen können. Genauso wichtig ist es für die Zufriedenheit der jungen Reiseteilnehmer, wenn sie die die Möglichkeit haben, das Programm mitzubestimmen beziehungsweise stets aus mehreren Freizeitangeboten auswählen können - dann haben sie nicht das Gefühl, zu etwas gezwungen zu werden, auf das sie gar keine Lust haben.
Sinnvoll ist es, sich bei anderen Eltern zu erkundigen, deren Kinder schon einmal eine Jugendreise gemacht haben. So erfahren Sie aus erster Hand, ob eine Reise empfehlenswert ist und was es dabei noch zu beachten gilt.
Allerdings gilt auch: Wenn Ihr Kind partout nicht mit einer Kinder- oder Jugendgruppe verreisen möchte, sollten Sie es nicht dazu zwingen. Es mag gut gemeint sein, das Kind bei seinem Weg in die Selbstständigkeit ein wenig vorwärts zu schubsen - in den meisten Fällen geht der Schuss jedoch nach hinten los!

Was sollten Eltern vorher mit dem Veranstalter klären?

Im Vorfeld der Reise einige Dinge mit dem Veranstalter abzuklären erspart Ihrem Kind vor Ort mögliche Unannehmlichkeiten - und damit auch den Wunsch, zurück in die heimische Geborgenheit zu flüchten. Ganz wichtig ist es, den Veranstalter beziehungsweise die Betreuer über chronische Krankheiten, Allergien, Reisebeschwerden und benötigte Medikamente des Kindes zu informieren. Sollte Ihr Kind noch Probleme mit Bettnässen haben, sollten Sie das ebenfalls vorher mitteilen - selbstverständlich in einem diskreten Rahmen und mit der Bitte um absolute Vertraulichkeit.
Auch sollten Sie vorher absprechen, inwieweit nicht nur mögliche Nahrungsmitteallergien und -unverträglichkeiten, sondern auch besondere Essenswünsche Ihres Kindes berücksichtig werden können. Kommen die erst beim gemeinsamen Abendessen mit der Gruppe heraus, kann es schnell passieren, dass Ihr Kind ausgelacht wird, weil es die von allen anderen so begehrten Hähnchenkeulen verweigert - einfach, weil es kein Geflügel mag.
Ein weiterer Punkt ist das Taschengeld: Existiert bei dem Veranstalter eine Richtschnur zu seiner Höhe? Falls ja, sollten Sie darauf verzichten, Ihrem Kind mehr Taschengeld mitzugeben - selbst wenn die genannte Summe Ihnen als zu niedrig erscheint. Doch alles andere führt nur zu Neid und Prahlerei. Fragen Sie auch nach, ob es Möglichkeiten gibt, Taschengeld und Wertsachen zu verwahren. Denn bestohlen zu werden löst in jedem Fall ein tiefes Gefühl von Verlorenheit aus - und damit auch Heimweh.
Ob MP3-Player, Gameboys oder Handy erlaubt sind, ist vor allem bei Reisen für jüngere Kinder zu klären - bei Teenagern lässt es sich ohnehin kaum verhindern. Bitten die Veranstalter darum, diese Dinge daheim zu lassen, so sollten Sie sich möglichst daran halten. Keine Sorge: In so gut wie allen Unterkünften gibt es Telefone, so dass Ihr Kind Sie nach seiner Ankunft am Urlaubsort auf jeden Fall anrufen kann, damit Sie wissen, dass es die Fahrt wohlbehalten überstanden hat.
Und wie steht es mit einem extra-großen Reiseproviant an Süßigkeiten? Das ist zwar bei den meisten Veranstaltern nicht verboten, wird aber nicht gerne gesehen. Denn: Ein solcher Vorrat an Leckereien versetzt das Kind in eine Gönnerposition, die ihm nicht gut tut. Im schlimmsten Fall kann es sogar zu kleineren Diebstählen kommen.

Sollte man vor der Abreise mit dem Kind über mögliches Heimweh sprechen?

Vor der Abreise sollten Sie in jedem Fall ein paar Punkte mit Ihrem Kind durchgehen: Übergeben Sie ihm wichtige Dokumente wie seinen Ausweis oder Reisepass sowie die Kopie der Auslandskrankenversicherung, falls das Ziel der Reisegruppe nicht in Deutschland liegt. Machen Sie ihm klar, dass diese Unterlagen wichtig sind und es gut darauf aufpassen soll.
Daneben sollten Sie ihm wichtige Telefonnummern mitgeben und - falls erlaubt - ein Handy mit Prepaid-Karte. Reden Sie aber unbedingt darüber, wie viele Anrufe zuhause okay sind. In dem Zusammenhang können Sie auch das Thema "Heimweh" ansprechen. Machen Sie Ihrem Kind klar, dass es okay ist, wenn es in der Ferne auch einmal Sehnsucht nach zuhause verspürt - dass das aber meist wieder vergeht, sobald eine neue spannende Unternehmung ansteht. Erklären Sie ihm, dass Sie es deshalb nicht sofort wieder abholen werden, wenn es einmal kurzzeitig traurig ist, und dass die Regeln der Veranstalter keine allzu häufigen Telefonate erlauben. Stellen Sie jedoch in jedem Fall klar, was zu tun ist, wenn das Kind krank wird - und dass Sie natürlich ihm helfen, wenn es sich überhaupt nicht wohl fühlt.

Die Reise hat noch nicht einmal begonnen, und mein Kind hat schon Heimweh - ist das normal?

Ja, das ist ganz normal. Betreuerin Jessica Roberts hat die Erfahrung gemacht: "Fast alle Kinder schlafen kurz vor der Reise nicht, viele haben Bauchweh und Kopfschmerzen. Kaum sitzen sie zusammen im Bus, ist meist alles wie weggeblasen, weil die Kleinen sehen: Die Leute sind nett zu mir."
Oft hilft auch, das Lieblingskuscheltier einzupacken. Das bleibt bei älteren Kindern zwar oft im Koffer sitzen, weil es ihnen vor den anderen Reiseteilnehmern peinlich ist - doch allein die Gewissheit, dass Teddy mit in der Ferne ist, beruhigt ungemein. Ein Foto von der Familie im Brustbeutel ist ebenfalls eine gute Möglichkeit, sich seinen Lieben nah zu fühlen, auch wenn sie gerade viele Kilometer entfernt sind.

Während der Reise


Wann haben die meisten Kinder Heimweh?

Nach ihren vielen Reisen als Betreuerin weiß Jessica Roberts: "Die Tränen kommen meist am Abend, wenn die Rituale mit Mama und Papa fehlen." Doch weil die Betreuer das wissen, nehmen Sie sich dann besonders viel Zeit für die Jüngeren, indem sie etwa eine gemeinsame Vorlesestunde abhalten.

Sollten Eltern von sich aus anrufen?

"Auf keinen Fall!", warnt Roberts. Oft fielen dabei Sätze wie "Ohne dich ist das Haus so leer" oder "Du fehlst uns". So verständlich es ist, dass auch Mama und Papa sich ohne ihr Kind alleine fühlen - wenn es so deutlich spürt, wird es gleich noch trauriger. Selbst relativ eigenständige Kinder fangen deshalb manchmal an zu weinen, wenn ein Elternteil am Telefon ist. Daher soll so eine Reise doch gerade dazu beitragen, dass die Kinder selbstständiger werden und lernen, auch einmal ohne ihre Familie zu sein.
Kontrollanrufe der Eltern oder gar Einmischungen untergraben zudem die Autorität der Reisebetreuer. Und für die Zeit der Reise haben Sie denen nun einmal die Verantwortung für Ihr Kind übertragen. Selbstverständlich werden diese sich sofort bei Ihnen melden, sollte es tatsächlich ein Problem geben.
Eine gute Alternative ist übrigens der klassische Brief. Wetten, dass Ihr Kind sich riesig freut, wenn es ein paar Zeilen von daheim erhält? Und falls Sie auch gerne Post hätten: Geben Sie Ihrem Kind bereits adressierte und frankierte Briefumschläge mit.

Darf ich mein Kind abholen, wenn das Heimweh zu stark ist?

Natürlich sollten Sie nicht gleich am ersten Abend ins Auto stürzen, wenn Ihr Kind Heimweh hat und in den Telefonhörer schluchzt. Vor aller Augen einzuknicken und von den Eltern abgeholt zu werden, untergräbt das Selbstbewusstsein des Kindes und wird von ihm wahrscheinlich bei aller Erleichterung als Schmach empfunden. Auch wenn Ihnen selbst das Herz bei einem solchen Anruf blutet, sollten Sie ihm daher zunächst gut zureden, es doch noch ein Weilchen zu probieren. Versichern Sie ihm zugleich, dass Sie zu ihm kommen, wenn es gar nicht anders geht - und dass weder sie noch die Betreuer in dem Fall böse wären.
Meist ist das Heimweh nach dem ersten gemeinsamen Ausflug ohnehin verflogen. "Die erste Reise ist für alle Kinder etwas ganz Wichtiges", sagt Betreuerin Jessica Roberts. "„Wie nie zuvor merken sie: Ich kann etwas ganz alleine. Und auch wenn mal Tränen fließen, ist es für die Kinder insgesamt doch ein Riesenspaß!" Lassen Sie sich aber zur Sicherheit im Anschluss an das Gespräch mit Ihrem Kind noch einmal einen Betreuer geben. Bitten Sie ihn, das Kind ein wenig im Auge zu behalten, ihm aber keine Vorhaltungen la "Nur Babys weinen nach ihrer Mama" zu machen und auch die anderen Kinder davon abzuhalten.
Bessert sich die Situation jedoch weiterhin nicht und sind auch die Betreuer für einen Abbruch der Reise, dann dürfen Sie ihr Kind natürlich abholen. Auch in diesem Fall sollten Sie mit den Betreuern vor Ort sprechen um eine Situation zu schaffen, in der nicht unbedingt alle Mitreisenden mitbekommen, wie Ihr Kind seine Koffer packt und mit Ihnen nach Hause fährt.
Ganz wichtig: Machen Sie Ihrem Kind keinen Vorwurf. Weder Sätze wie "Deinem Bruder hat es im Zeltlager immer gefallen" oder "Du stellst dich aber an", noch Drohungen wie "Komm' bloß nicht auf die Idee, nächstes Jahr wieder mit einer Gruppe verreisen zu wollen - wir sehen ja, dass das nicht klappt" sind jetzt erlaubt. Machen Sie Ihrem Kind stattdessen klar: Es ist in Ordnung, dass es sich auf der Reise nicht wohl gefühlt hat. Und wenn es in den nächsten Ferien noch einmal probieren möchte, ohne die Eltern zu verreisen, kann die Situation schon eine ganz andere sein - wer weiß, vielleicht möchte es dann ja gar nicht wieder nach Hause?