VG-Wort Pixel

Entwicklungshilfe Mosambik - Ein Land im Aufbau


Wie leben eigentlich Kinder in einem afrikanischen SOS-Kinderdorf? Die 14-jährige Franziska aus dem bayerischen Wiesent und die zwölfjährige Myriel aus Hamburg haben ihre Altersgenossen in Maputo besucht, der Hauptstadt Mosambiks. Eltern.de-Redakteurin Jennifer Litters hat die beiden begleitet.

Zwei Mädchen aus Deutschland zu Gast in einem SOS-Kinderdorf in Mosambik

Entwicklungshilfe: Mosambik - Ein Land im Aufbau

"Ihr müsst euch im Kreis aufstellen und dann den Ball gegenseitig zuwerfen!" Geduldig macht Franziska Bartoli y Eckert die Bewegung mit dem Basketball vor, dazu vollführt sie mit dem Finger kreisende Bewegungen, um ihre Absicht zu verdeutlichen. Außer solchen Gesten haben die ganze Schar dunkelhäutiger Kinder in ihren leuchtend-gelben Poloshirts und das große, blonde Mädchen keine gemeinsame Sprache: Die Kinder leben in einem SOS-Kinderdorf in Maputo, der Hauptstadt des südostafrikanischen Landes Mosambik, Franziska dagegen stammt aus einem bayerischen Städtchen in der Nähe von Regensburg. Die einen sprechen Portugiesisch, die offizielle Sprache Mosambiks, die andere spricht Deutsch, Englisch und ein wenig Spanisch.

Aber weder die jüngeren Kinder noch die Teenager brauchen Vokabeln oder gar einen Übersetzer: Sie haben ihre Gesten, ihre Hände und Füße - und sie haben ihre Spiele! So zeigt Franzi, wie die 14-Jährige in ihrer Heimat genannt wird, ihren neuen Freunden zunächst ein paar Basketball-Tricks - schließlich spielt sie zuhause im Verein, ist dort trotz ihres jungen Alters schon Mitglied in der U17-Mannschaft. Anschließend erklären die SOS-Kinder ein paar traditionelle mosambikanische Gesellschaftsspiele.

Immer dabei ist Myriel Mathez. Wie Franzi, so ist auch die Zwölfjährige aus Hamburg, die nach dem Basketballturnier mit den älteren Kindern des SOS-Kinderdorfes noch eine Extrarunde Fußball einlegt, mit ihrer Mutter zu Besuch in dem SOS-Kinderdorf. Der Grund: Die Mütter der beiden Mädchen, Petra Bartoli y Eckert und Cornelia Manikowsky, sind Schriftstellerinnen, haben schon mehrere Kinder- und Jugendbücher veröffentlicht - Petra und Franzi haben sogar gemeinsam ein Buch über ein Flüchtlingskind geschrieben (Petra und Franziska Bartoli y Eckert: Glück riecht nach Hundefell. Schenk, 7,90 Euro).

Beide Mütter wurden bei dem im vergangenen Jahr von den SOS-Kinderdörfern in Deutschland und Österreich erstmals ausgeschrieben Kinder- und Jugendliteraturpreis ausgezeichnet (hier können Sie sich die beiden Siegertexte herunterladen). Ihr Preis: eine zweiwöchige Reise nach Mosambik. Hier besuchen sie einige der insgesamt fünf SOS-Kinderdorf des Landes, erhalten Einblick in die Arbeit von "SOS-Kinderdörfer weltweit" (SOS) und in den Alltag der Menschen dort.

Vor der Abreise hat Franzi beim Charity-Lauf ihrer Schule extra noch Geld für das SOS-Kinderdorf eingesammelt. Das bringt sie jetzt ebenso mit wie neue Fußbälle und Basketbälle. Außerdem in Franziskas Gepäck: die Videokamera ihres Onkels. Mit der hält der Teenager jetzt eifrig alle Eindrücke fest, um später den Mitschülern von ihrer Reise zu berichten.

Kindheit im SOS-Kinderdorf

Das SOS-Kinderdorf in Maputo ist die erste Station der Reisegruppe. 1992 wurde es gegründet - im gleichen Jahr, in dem der grausame Bürgerkrieg nach 16 furchtbaren Jahren endlich vorbei war. Das Kinderdorf liegt inmitten von "Laulane", einem Viertel, in dem sich während der Kriegswirren Flüchtlinge ansiedelten. Legal sind die unzähligen kleinen Häuser, die sich zu beiden Seiten der von metertiefen Schlaglöchern durchzogenen Lehmstraßen drängen, noch immer nicht - doch es ist die einzige Heimat, die die Menschen hier haben. Die Behörden dulden sie, versorgen das Viertel nach und nach sogar mit Strom und fließendem Wasser - wenn Geld dafür übrig ist.

Wenn man über das Gelände des Kinderdorfes spaziert, vorbei an den älteren, beige geklinkerten Wohnhäuser, die beinahe wirken wie italienische Ferienbungalows, zu den neueren, pinken Häusern, durch das üppige Grün und vorbei an dem Abenteuerspielplatz, der wie ein riesiges Schiff aussieht, aber geschlossen werden musste, weil das Holz im feuchten Tropenklima so schnell morsch wurde - dann erscheint es leicht zu glauben, dass die Gruppen von Kindern jeden Alters, die überall auf dem Gelände herumtollen, eine ganz normale Kindheit verbringen.

Aber was heißt schon normal? 153 Kinder leben hier zurzeit, in ganz Mosambik betreut SOS derzeit 622 Kinder und 123 Jugendliche. Fast alle sind Waisen, viele wurden direkt nach ihrer Geburt ausgesetzt. Bis sie etwa 16 Jahre alt sind, bleiben die Kinder bei ihren SOS-Müttern im Dorf. Dann ziehen sie in eines der Jugendhäuser - das der Mädchen befindet sich hinter der Mauer des gut bewachten Kinderdorfes, das der Jungen außerhalb. Hier können sie die Schule beenden, eine Ausbildung absolvieren oder sogar studieren. Eine genaue Statistik gibt es nicht, doch die SOS-Mitarbeiter vor Ort schätzen, dass mehr als zwei Drittel der ehemaligen Dorfkinder es schaffen, sich ein eigenes Auskommen zu sichern.

"Die Dorfkinder und wir haben uns sofort gemocht", freut sich Franzi nach dem gemeinsamen Spiel. "Wir haben uns alles gegenseitig beigebracht, indem wir es einfach vorgemacht haben." "Anfangs hatten wir noch einen Erwachsenen aus dem SOS-Kinderdorf als Dolmetscher dabei", ergänzt Myriel, "aber die Verständigung über Gesten klappte besser!"

Maputo: Metropole voller Gegensätze

Wenn die beiden Mädchen aus Deutschland, die sich schon während des Fluges nach Mosambik angefreundet haben, nicht durchs SOS-Kinderdorf stromern, geht es mit ihren Müttern auf Erkundungstour: Die freundlichen SOS-Mitarbeiter präsentieren ihnen nur zu gern die Sehenswürdigkeiten der Hauptstadt mit ihrer wilden Mischung aus einst prachtvollem, portugiesischem Kolonialstil und schräger DDR-Ästhetik. Gut abgeschirmt vor den leider allgegenwärtigen Taschendieben, lotsen sie ihre deutschen Gäste durch das Getümmel auf dem Markt, besichtigen gemeinsam das von dem schwedischen Autoren Henning Mankell gegründete "Teatro Avenida" und zeigen ihnen das einstige Prunkstück der Stadt, den von Gustave Eiffel konzipierten Bahnhof im schönsten viktorianischen Stil.

Daneben lernt die kleine Gruppe aus Deutschland aber auch die Arbeit von SOS kennen - und zwar nicht nur im SOS-Kinderdorf. Gleich am ersten Tag geht es mit dem Jeep in das angrenzende Viertel. Mit der "SOS-Familienhilfe" unterstützt die Organisation hier insgesamt 350 Familien. Drei bis fünf Jahre lang erhalten diese Familien beispielsweise dringend benötigte Medikamente. Oder sie bekommen Waren zur Verfügung gestellt, mit denen sie ein kleines Geschäft aufbauen können.

Für den Besuch aus Deutschland öffnen einige dieser Familien jetzt bereitwillig die Türen zu ihren oft kargen, und doch mit so viel Liebe und Sorgfalt eingerichteten Hütten. Der erblindete Familienvater etwa, der zu DDR-Zeiten als Textilarbeiter in einer Chemnitzer Fabrik schuftete, und dessen 14-jährige Tochter Gertrudis genau wie die Kinder im SOS-Kinderdorf nur ein Lächeln braucht, um sich mit Franziska auf Anhieb zu verstehen. Oder die Witwe, die dank der Familienhilfe nicht nur die nötigen Medikamente bekommt, um trotz HIV-Infektion gesundheitlich stabil zu sein, sondern ihren kleinen Laden nach anfänglicher Starthilfe jetzt sogar alleine betreiben kann. Voller Stolz erzählt sie: "Bevor SOS mir geholfen hat, hatte ich oft nicht eine Mahlzeit am Tag für mich und meine drei Kinder. Jetzt haben wir jeden Tag zwei Mal etwas zu essen."

"So viele Leute, denen es schlecht geht - viel zu viele, als dass allen geholfen werden könnte." Franzi ist nach den Besuchen bei den Familien sichtlich bewegt. Myriel die bereits seit Jahren bei Greenpeace aktiv ist, ergeht es nicht anders: "Man schämt sich richtig, wenn man mit der Kamera in der Hand in die Häuser dieser Familien eindringt."

Alltag in Mosambik: Zwischen Optimismus und Schicksalsergebenheit

Und doch: Mosambik ist ein Land im Aufbau - das ist wörtlich zu nehmen: In Laulane etwa fungiert gleich eine ganze Straße als "Baumarkt": Der eine Straßenhändler verkauft Abflussrohre, der nächste Hammer und Sägen, dessen Nachbar wiederum hat Armaturen im Sortiment. In der Innenstadt von Maputo finden sich reihenweise kleine Geschäfte für Zement oder Werkzeuge und im Gewerbegebiet locken Fachgeschäfte die Neureichen mit edlem Interieur fürs Bad. Kräne bestimmen das Stadtbild, überall wachsen neue Häuser in den afrikanischen Himmel - und schon an den Rohbauten hängen die übergroßen Werbebanner der Mobilfunkanbieter.

Doch noch immer gilt: Alles, was die Menschen sich heute aufbauen, kann morgen wieder vom Schicksal zunichte gemacht werden. Auch wenn der Internationale Währungsfonds (IWF) dem in Südostafrika gelegenen Staat mit seinen über 20 Millionen Menschen im vergangenen Jahr ein Wirtschaftswachstum von sieben Prozent prognostizierte, lebt doch noch immer mehr als die Hälfte der Mosambikaner in absoluter Armut. Das jährliche Pro-Kopf-Einkommen lag im Jahre 2010 bei gerade einmal 440 US-Dollar. Krankheiten wie Malaria oder AIDS sind weit verbreitet. Naturkatastrophen, wie zuletzt die verheerende Flut von 2002, treffen zuerst und am heftigsten die ganz Armen.

So können Sie die SOS-Kinderdörfer in Mosambik unterstützen:

Seit 1955 errichtet die von dem österreichischen Medizinstudenten Hermann Gmeiner gegründete Organisation "SOS-Kinderdörfer weltweit" überall auf der Welt Kinderdörfer, in denen vernachlässigte oder alleingelassene Kinder ein neues Zuhause finden. Mittlerweile wurden in mehr als 130 Ländern solche Dörfer errichtet, dazu gibt es zahlreiche weitere Projekte und Hilfsangebote wie die SOS-Familienhilfe, die SOS-Jugendhilfe oder die SOS-Beratungszentren. In Krisensituationen beteiligen sich die SOS-Kinderdörfer außerdem an der Verteilung von Hilfsgütern und dem Wiederaufbau.

Die Arbeit der SOS-Kinderdörfer können Sie auf vielfältige Art und Weise unterstützen: Sei es durch eine Patenschaft für ein SOS-Kind (weitere Infos unter www.sos-kinderdoerfer.de) oder mit einer Spende:

SOS Kinderförfer weltweit
GLS Gemeinschaftsbank
Konto-Nr. 22222 00000
Bankleitzahl 430 609 67

Noch mehr Eindrücke aus dem SOS-Kinderdorf in Maputo erhalten Sie übrigens in der neuen Ausgabe von ELTERN Family, die seit dem 11. April 2012 im Zeitschrifthandel erhältlich ist.


Neu in Familie & Urlaub