Lykien
 
Lust auf Abenteuer?

Eff-Autor Gero Günther und seine Familie haben in der Türkei viel mehr erlebt als Otto Normaltourist. Sie waren mit ihrer Reisegruppe auch im lykischen Hinterland unterwegs.

Bei Nomaden, Fischern und Schildkröten

Wir hatten\

Was für eine Tafel! Schwarz glänzende Oliven, gefüllte Weinblätter, eingelegte Zwiebeln, gegrillte Auberginen, Fleischbällchen, Joghurt und Salate. Ein so köstliches Essen bringt die Menschen zusammen – und das ist an diesem ersten Abend gerade recht. Denn um den Tisch sitzen 15 fremde Gesichter. Seit Tagen haben unsere Söhne Baptiste, 7, und Thibault, knapp 6, gefragt: "Wie heißen die Kinder, die mit uns fahren? Wie alt sind sie?" Jetzt endlich, in einer kleinen Pension im Dorf Kayaköyü, das in der Ölüdeniz-Lagune liegt, wissen wir es. Zwei Mädchen und vier Jungen zwischen sieben und elf Jahren: Anna, Henriette, Florian, Niklas, Franz und Johannes. Plus die dazugehörigen Eltern. Ob wir uns gut verstehen werden? Schließlich machen wir die nächsten 14 Tage zusammen Urlaub in Lykien, der südwestlichen Ecke der Türkei. Motto: "Bei Nomaden, Fischern und Schildkröten". "Abenteuer garantiert!", verspricht uns Kemal, unser türkischer Reiseleiter.

Das erste erwartet uns am nächsten Morgen. Unser Boot schaukelt wie eine Nussschale auf den Wellen - das verträgt nicht jeder. Die Hälfte der Kinder und Erwachsenen ist ganz grün im Gesicht. Zum Glück ist die Bucht, die wir ansteuern, nicht sehr weit. Wir können den Strand des Naturschutzgebiets von Kabak (knapp 30 Kilometer östlich von Fethiye) sehen. Aber zehn Meter davor ist Schluss - der Kapitän lässt den Anker ins Wasser.

Was nun? Wie man es aus alten Piratenfilmen kennt, springen wir Männer ins Wasser und bilden eine Kette: Koffer, Rucksäcke und Taschen wandern von einem zum andern an Land. Ziemlich anstrengend, wenn einem die Wellen gegen die Brust schlagen. Und dann geht's samt Gepäck 150 Meter einen Hang hoch. Wir hatten's schon bequemer - aber keiner jammert. Alles viel zu aufregend, vor allem für die Kinder. Sie plappern und albern herum, und in einer kleinen Verschnaufpause fällt ihnen plötzlich auf, dass da etwas ziemlichen Krach macht. "Was ist das für ein Lärm?" "Das sind die Zikaden", klärt Kemal auf. Ich liebe dieses Geräusch. Es passt perfekt zur Hitze, zu den Kiefer- und Pinienwäldern, zum Gelb des trockenen Grases - und zu dem Schweiß auf meinem Rücken.

Start im Kabak-Tal

Da finde ich es wunderbar, dass zu dem einfachen Hüttencamp, in dem wir untergebracht sind, ein kleiner Pool gehört. Aber ehe einer von uns Erwachsenen drin ist, haben ihn schon die Kinder besetzt. Also Zeit zum Ausruhen, Quatschen, Kennenlernen - schön ist das, im Schatten der Olivenbäume.

Von den vier Elternpaaren und drei allein erziehenden Müttern haben einige schon Erfahrungen mit organisierten Familiengruppenreisen (im Gegensatz zu Christelle und mir). Nicht nur positive. Dagmar, die Mutter der achtjährigen Anna, erzählt: "Es reicht ein Querulant, und die Stimmung in der Gruppe kippt."

Ob wir auch so einen dabeihaben? Über die beiden Wanderungen, die Kemal und die Leute vom Camp vorschlagen, meckert jedenfalls keiner. Und es kneift auch keiner.

Die erste Tour führt zu kühlen Gumpen, das sind kleine Seen oben in den Bergen, die das enge Kabak-Tal umschließen. Durch Bachbetten steigen wir empor, kraxeln über steile Felsen, die Kinder stets von zwei Führern abgesichert. Einer von ihnen hat ein Tuch auf dem Kopf. Wir nennen ihn nur "der Pirat"."„Schaut euch diese geile Landschaft an", schwärmt Kerstin. "Geil sagt man nicht!", rufen die Kinder. Alle lachen.

Auch die zweite Tour an einer Klippe entlang zu einer Grotte hat's in sich. Besonders für Albert, der nicht schwindelfrei ist, eine Mutprobe. Doch sobald er zögert, ist einer zur Stelle, um ihm unter die Arme zu greifen. Der Einstieg in die Grotte ist noch einmal schwierig, aber dann! Wir gleiten ins Wasser und schwimmen in den dunklen Raum hinein - um uns tiefes Blau wie aus dem Aquarellmalkasten.

"Allaha ismarladik! Auf Wiedersehen!" Was - schon vorbei? Nach drei Tagen der erste Aufbruch: Mit unserem Gepäck steigen wir zum Dorf Kabak hinauf, wo der Kleinbus wartet, der uns ins Landesinnere bringt. Zu unserem nächsten Ziel, besser, in die Nähe davon. Für die letzten Kilometer vom Städtchen Gömbe auf die Hochebene Subasi-Yayla im Taurusgebirge steigen wir um auf einen Traktor. Erst schlichten wir das Gepäck auf den Anhänger, dann krabbelt die Mannschaft auf die Ladefläche.

Türkische Gastfreundschaft auf 2.000 Meter Höhe

Und für jeden ein Glas Cay

Über eine Schotterstraße rumpeln wir immer weiter nach oben. "Das gibt sicher blaue Flecken", vermutet Kosmos, der Vater von Florian. Egal. Spaß macht die Holperfahrt trotzdem. Oben auf über 2000 Meter ist die Landschaft karg. Trotzdem kommt die türkische Großfamilie jeden Sommer aus ihrem Dorf hier hoch. Auf den Weiden der Alm finden ihre Ziegen und Schafe frisches Futter. Und es gibt einen Bach, der auch im August nicht austrocknet.

Wir schlagen unsere Zelte direkt neben der Hütte unserer Gastgeber auf. Darin treffen wir uns später auch zum Abendessen. In zwei Kreisen setzen wir uns auf den Boden des Koch-, Wohn- und Schlafraums. Eine der Frauen breitet ein großes buntes Tischtuch über unsere Knie aus und stellt in die Mitte einen Topf Reissuppe mit Ziegenfleisch, Brot, gegrillte Paprika, selbst gemachten Schafskäse und für jeden ein Glas ay, schwarzen Tee mit viel Zucker. Die Kinder langen kräftig zu. Komisch, sonst sind sie oft so mäkelig. Aber vielleicht wollen sie sich vor Hatiye, 6, und ihrem zehnjährigen Bruder Mehmet nicht blamieren.

"Die Jungs riechen ganz schön nach Ziege", stellt Christelle fest, als wir spät in der Nacht in unsere Schlafsäcke kriechen. "Bald werden sie nach Fisch stinken", vermute ich. Denn von der Hochebene geht’s übermorgen wieder hinunter ans Meer nach Üagiz, einem ehemaligen Fischerdorf 30 Kilometer östlich des Küstenstädtchens Kas. Hier wollen wir die nächsten drei Tage hauptsächlich im und auf dem Wasser verbringen.

Johannes ist der Erste, der bei der Bootstour durch die Inselwelt von Kekova von Bord hüpft. Platsch, platsch, platsch folgen die anderen. Ein fröhlicher Schwarm schwimmt durch das smaragdgrüne Wasser den Fischen hinterher. Ein paar große Exemplare bekommen wir mittags frisch gegrillt auf den Teller.

"Ich möchte auch Fische fangen", sagt Thibault. Kein Problem. In der kommenden Nacht dürfen die Kinder mit Yussuf, unserem Kapitän, auf seiner Barke hinausfahren. 200 Meter lang ist das Netz, das der alte Mann und sein Sohn auslegen. Doch der Mond scheint zu hell - die Beute fällt mager aus.

Schildkrötenbabies und Olympos

Zu nachtschlafender Zeit aufzustehen lohnt sich in irali, unserer vierten Station, schon mehr. Im Juli und August schlüpfen hier fast jede Nacht Baby-Caretta-Caretta-Meeresschildkröten aus den Eiern, die von den Muttertieren ein paar Wochen zuvor im Sand abgelegt wurden. Ob wir heute Nacht Schildkröten-Babys sehen? Aufgeregt laufen wir mit den Kindern im Morgengrauen zu den Drahtkörben, die Tierschützer über die Nester gestülpt haben. Hurra! Gleich ein ganzes Dutzend ist aus den Eischalen gekrochen. Schwarze, streichholzschachtelgroße Winzlinge, die einen zehn Meter breiten Kiesstreifen durchqueren müssen, um zum Meer zu gelangen. Wie unüberwindbar müssen die Steine aussehen, wenn man so klein ist? Aber die Tiere sind unbeirrbar. Die Sonne steht inzwischen weit über dem Horizont. Die Tierschützer zeigen uns, wie man die kleinen Körper mit Wasser aus Plastikflaschen benetzt. Und dann haben es die Ersten geschafft. Die Schildkrötenkinder sind im Wasser und die Menschenkinder glücklich.

Henriette, 8, findet die kleinen Schildkröten so süß, dass sie jeden Tag in aller Früh an den Strand will. "Woher sie bloß die Energie nimmt?", fragt sich Annette, ihre Mutter. Nicht mal bei der Besichtigung der Ruinenstadt Olympos, die am anderen Ende des Strands von irali liegt, macht sie schlapp.

Während wir über den Plattenweg laufen, erzählt uns Kemal, dass Olympos über 2000 Jahre alt ist und einst eine wichtige Hafenstadt war. Lykier und Griechen haben hier gelebt, Piraten benutzten die Stadt als Stützpunkt. Heute schlingen sich Wurzeln um die umgestürzten Säulen, Bäume wuchern aus den Trümmern der alten Bäder, Tempel und Häuser. Magisch. Der letzte Ferientag ist da, das letzte gemeinsame Essen – schwarz glänzende Oliven, Schafskäse, frisches Brot –, und wieder löchern uns die Kinder mit Fragen: "Können wir Johannes in Wien besuchen?" "Wann verreisen wir mal mit Anna?"

Infos und Preise


Die 14-tägige Eltern-Kind-Rundreise Bei Nomaden, Fischern und Schildkröten durch die Naturparks der Südtürkei wird von Karaburun Tours zweimal im Sommer 2008 angeboten: 19.07.-02.08.08 und 02.08.-16.08.08. Die Reise ist gedacht für abenteuerlustige Familien mit Kindern im Schulalter, die Land und Leute kennen lernen wollen.


Sie kostet für Erwachsene 1 550 Euro pro Person, für Kinder 790 Euro (6–11 Jahre) bzw. 890 Euro (12–17 Jahre). Inklusive Linienflug Frankfurt-Dalaman/Antalya-Frankfurt, innertürkische Gruppentransfers mit Bus oder Schiff, Übernachtungen in Zelten im Kabak-Tal(zwei Nächte), in 2-3 Personenzelten auf dem Yayla (zwei Nächte) und in einer Familienpension bzw. -hotel; Halbpension (zehn Nächte), Halbpension (auf der Hochebene Yayla auch Vollpension), deutschsprachige Reiseleitung.


Die vier verschiedenen Unterkunftsorte ("Natural Life"-Campingplatz in Kabak, Yayla-Hochebene bei Gömbe, Fischerdorf Üagiz, irali im Olympos-Nationalpark) liegen jeweils nicht mehr als 100 Kilometer voneinander entfernt (= pro Strecke max. drei Stunden Fahrzeit). Näheres bei Karaburun Tours, Tel. 0 56 05/9 48 70, E-Mail: info@karaburun.de oder im Netz: www.karaburun.de.