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Aus der Hölle Wenn Kindergeburtstage eskalieren

Kindergeburtstage
© Evgeniy pavlovski/shutterstock
Diese Woche schreibt unsere Autorin Lea Kästner über die Geburtstagsfeste ihrer Kinder und weshalb sie jedesmal heilfroh ist, wenn sie endlich wieder vorüber sind.

Hilfe, es geht wieder los. In einigen Wochen feiern meine Kinder ihre nächsten Kindergeburtstage. Ja, erst in ein paar Wochen und trotzdem fange ich bereits jetzt innerlich an zu leiden und zu rotieren. Schon jetzt gehe ich im Geiste Wunsch- und Einkaufslisten durch, überlege mir Spielchen und hoffe insgeheim, dass es schnell wieder vorüber geht.

Eines vorweg: Ich liebe meine Kinder und ich liebe es, wenn sie morgens mit strahlenden Augen ihren Geburtstagstisch sehen, mit ungeduldigen Fingerchen ihre Geschenke auspacken und sich freuen. Wenn sie schon ein Dreivierteljahr im Voraus beginnen, ihre Geburtstagsfeier minutiös zu planen, bin ich begeistert, wie intensiv kindliche Vorfreude sein kann.

Für meine Kinder gehe ich durch die Hölle

Doch damit sie sich freuen, muss ich jedes Jahr erneut durch den Vorhof der Hölle spazieren. Das ist teilweise selbst verschuldet. Muss ich einfach zugeben. Zum Beispiel habe ich leider aus freiem Willen und ohne Vorahnungen angefangen, aufwändige Geburtstags-Torten zu backen. Es fing relativ harmlos mit einem Feuerwehrauto-Kuchen für meinen Sohn und einer Prinzessinnen-Torte für meine Tochter an. Die Begeisterung war dann blöderweise jedoch so groß, dass nun bereits Monate jeweils vor dem Tag der Tage, die Wünsche für unglaublich komplizierte Tortenmotive bei mir eingehen. So musste ich unter anderem schon Torten in Formen wie Gruselschloss, Einhorn, Piratenschiff, Fledermaus oder Zebra erschaffen. Aus der Nummer komm ich nicht mehr raus … schließlich hab ich ja damit angefangen. Bei jedem neuen Tortenmotivwunsch wird mir erstmal schwindelig, doch am Ende schaffe ich es meistens – mit viel Schweiß und Tränen – eine halbwegs ordentliche Geburtstagstorte zusammenzukleistern. Man wächst ja mit seinen Aufgaben.

Acht Kinder, die mich schocken

Das Tortenthema steht allerdings nur auf Platz zwei der Schnappatmungs-Verursacher rund um Kindergeburtstage. Höhepunkt meines Stresspegels (hoher Puls, rote Flecken im Gesicht) ist die Kindergeburtstagsfeier, wenn acht Kinder durch unser Haus fegen und alles dafür tun, damit mir jede Minute mindestens einmal der Atem stockt.

Ich erinnere mich noch gut – das haben Traumata so an sich – an einen ganz typischen Jungsgeburtstag vor ein paar Jahren. Die Party lief erst drei Minuten und es waren noch nicht mal alle Jungs anwesend, da tauchte plötzlich ein riesiger, spitzer Stock im Wohnzimmer auf, mit dem eines der Kinder wild um sich schlug. Den ersten leicht Verletzten gab es in Minute 9 – nicht durch den Stock. Die Mordwaffe hatte ich selbstverständlich sofort vernichtet. Die Ursache für die Verletzung ließ sich nicht finden, zu viel Geschrei und Geweine … und es wurde an dem Nachmittag nicht besser.

Überall flogen Körper

Wie in einem Action-Movie sah ich alle paar Minuten kleine Jungskörper durch die Gegend fliegen. Die wilden Testosteronbomben liefen wie blind gegen Glastüren, stolperten über Teppichkanten oder flogen über die Sofalehnen. Einen fatalen Treppensturz konnte ich in Minute 46 gerade noch verhindern, als sich zwei Gäste kloppend am Rande unserer steilen Kellertreppe ineinander verknotet hatten.

Als wir endlich für eine Schnitzeljagd draußen waren, wollte ich aufatmen, aber auch hier liefen die Kinder unkoordiniert und grundlos in alle Richtungen, fielen in Gebüsche und verhakten sich mit den Füßen in Gullydeckeln. Es war, als hätte man ihnen Drogen gegeben, die sie hyperaktiv, aber völlig orientierungslos machten. Zwischendurch fiel mein Blick immer wieder auf die Uhr: Noch zwei Stunden, noch eineinhalb, … und hoffentlich leben am Ende noch alle.

Schließlich hatte ich die Verantwortung und ich wollte die Kinder unbedingt wieder so zurückgeben, wie ich sie bekommen hatte – ohne Platzwunden und gebrochene Gliedmaßen. Ich sah mich in Gedanken immer wieder mit einem oder mehreren der Jungs in der Notaufnahme, bereits gekürt als Unmutter des Jahres. Bis zum Ende der Veranstaltung raste mein Herz und mein Shirt wurde immer nasser.

Ein Programm, das hilft?

Um den Jungs ein Programm zu bieten, das sie von allzu wilden Eskapaden abhält, haben wir uns in den letzten Jahren tolle Sachen überlegt.  So errichteten wir im vergangenen Jahr eine kleine Geisterbahn in unserer Garage (unser Sohn ist Halloween-Fan). Auf durch Decken voneinander abgetrennten Wegen konnten die Kinder serpentinenmäßig durch die Garage laufen und sich von riesigen Gummispinnen und Gruselskeletten erschrecken lassen. Eine Nebelmaschine und unheimliche Geistermusik sorgten zusätzlich für Gänsehaut. Die Kinder waren restlos begeistert. Doch abgesehen davon, dass der Aufbau der Geisterbahn ziemlich aufwändig war, hat es an der Gesamtdynamik der Feier nicht viel verändert. Wieder flogen Körper wie Geschosse durch den Garten, es wurde geboxt, gekämpft und in alle Richtungen ausgeschwärmt. Und ich betete, dass alles und alle heile blieben. Und wieder: Ich war am Ende so durchgeschwitzt, dass ich meine Klamotten wechseln musste.

Nach solchen Geburtstagen schwören wir uns regelmäßig, nie, nie, nie wieder und auf gar keinen Fall zu Hause zu feiern, sondern die nächste Feier, so wie es viele Eltern tun, einfach in irgendeinem Indoorspielpark mit viel schützenden Matten und Polstern stattfinden zu lassen. Ganz gemächlich bei einem Latte gucken, was die Kleinen da so machen und anschließend entspannt wieder in das aufgeräumte Zuhause fahren. Dieser Traum ist bisher noch nicht wahr geworden. Unsere Kinder wollen dringend immer wieder daheim feiern, weil die letzten Geburtstage zu Hause doch soooo megacool waren. Vielleicht schaffe ich es bis zum 18. Geburtstag meines Sohnes ja auch noch cool zu werden. 

Bereits erschienen Kolumnen "Lieber echt als perfekt" von Lea Kästner:


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