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Nach unserer großen Kampagne Studie zeigt: So verbreitet ist Eltern-Diskriminierung am Arbeitsplatz

Rainer Stocker: eine Familie hat die Hände aufeinander gelegt
© StockMediaProduction / Adobe Stock
Vor einem Jahr starteten wir zusammen mit dem Magazin ELTERN und der Initiative #proparents die Kampagne #GleichesRechtfürEltern. Jetzt liefert eine erste große Studie dazu eindrucksvolle Zahlen – und zeigt, wie dringend nicht nur Eltern mehr Rechte am Arbeitsplatz brauchen.

Dieser Artikel erschien ursprünglich bei Brigitte.

Brigitte: Herr Stocker, Sie haben die Studie für die Antidiskriminierungsstelle des Bundes konzipiert und begleitet. Wie dramatisch ist die Lage für Mütter und Väter am Arbeitsplatz wirklich?

Rainer Stocker: Dass es Probleme gibt, war uns klar. An die Antidiskriminierungsstelle wenden sich ja regelmäßig Mütter und Väter, die Beratung suchen. Wie groß das Ausmaß ist und welche bedrückenden Erfahrungen die Eltern gemacht haben, hat uns aber schon überrascht. Fast jede zweite Mutter und fast jeder dritte Vater hat sich nach eigenem Empfinden aufgrund der familiären Fürsorgepflichten schon einmal am Arbeitsplatz diskriminiert gefühlt. 48 Prozent der Mütter mit befristeten Arbeitsverträgen verloren sogar ihre Jobs.

Wann finden die meisten Diskriminierungen statt?

Auffallend viele Fälle gibt es beim Wiedereinstieg in den Job. Mit Expert:innen haben wir für unsere Umfrage eine Reihe von negativen Erfahrungen zusammengetragen, die Eltern möglicherweise machen. Die Befragten wurden dann gebeten, anzugeben, ob sie so etwas schon mal erlebt haben. Gerade nach der Rückkehr aus der Elternzeit häufen sich die "Ja"-Angaben. 69 Prozent der Mütter und 48 Prozent der Väter haben hier schon Unschönes erlebt. Ihnen wurde zum Beispiel von ihren Vorgesetzten weniger zugetraut, flexible Arbeitszeiten oder Teilzeitstellen wurden verweigert oder Gehaltserhöhungen gestrichen.

Gibt es weitere kritische Phasen?

Bei Frauen wäre ganz klar die Zeit der Schwangerschaft zu nennen – da berichten 72 Prozent von mindestens einer diskriminierenden Erfahrung. Ihnen werden zum Beispiel gegen ihren Willen Verantwortlichkeiten entzogen oder eigentlich geplante Beförderungen auf Eis gelegt. Männer erfahren auffallend viele Benachteiligungen, wenn sie ihre Elternzeit anmelden. Jeder fünfte gibt etwa an, er sei unter Druck gesetzt worden, gar keine oder eine kürzere Elternzeit zu nehmen.

Das klingt fast so, als herrsche in vielen Unternehmen die Vorstellung, wenn Frauen Mütter werden, hätten sie automatisch kein Interesse mehr an ihrem Job. Und Vätern müsse der Beruf stets wichtiger sein als die Familie.

Den Eindruck hatten wir auch. Wir fänden daher Schulungen für Führungskräfte sinnvoll, bei denen sie lernen können, solche Stereotype zu hinterfragen. Auch im Betrieb bekannte und gut erreichbare Ansprechpersonen für Eltern und Pflegende könnten helfen, die Lage zu verbessern. Bislang wehren sich nämlich nur wenige Betroffene gegen die Diskriminierung. Aus unseren Interviews mit Expert:innen wissen wir: Oft hat das damit zu tun, dass es in den Firmen keine passenden Anlaufstellen gibt. 

Das sind jetzt alles betriebliche Maßnahmen. Sollte nicht auch die Politik aktiv werden?

Ja. Sinnvoll wäre zum Beispiel eine Ausweitung des elternzeitbedingten Kündigungsschutzes. Am wichtigsten wäre es aber, die gesetzlichen Schutzlücken zu schließen: "Familiäre Fürsorgeverantwortung" sollte als Diskriminierungsgrund ins Allgemeine Gleichbehandlungsgesetz aufgenommen werden. Die Unternehmen wären dann verpflichtet, Rücksicht zu nehmen, wenn sich ihre Mitarbeitenden um Kinder oder Angehörige kümmern müssen. Und die Betroffenen hätten bessere Möglichkeiten, gerichtlich gegen Diskriminierungen vorzugehen.

Rainer Stocker: fünf Frauen sitzen an einem Tisch
Im Juni 2021 trafen die Chefredakteurinnen von ELTERN und BRIGITTE (1. und 3. v. r. ) gemeinsam mit Sandra Runge (2. v. r.) die damalige Bundesjustizministerin Christine Lambrecht in Berlin.
© Clemens Porikys / BRIGITTE

Mit unserer Kampagne forderten wir ebenfalls eine Erweiterung des Allgemeinen Gleichbehandlungsgesetzes, allerdings um das Merkmal "Elternschaft". Warum ist es besser, von "familiärer Fürsorgeverantwortung" zu sprechen?

Weil nicht nur Eltern Diskriminierung im Job erfahren, sondern auch Menschen, die Angehörige pflegen. In unsere Studie haben wir diese Personen deshalb bewusst miteinbezogen. Die Zahlen sind ähnlich alarmierend: 48 Prozent geben an, mindestens eine negative Erfahrung am Arbeitsplatz gemacht zu haben. Das reicht von mangelnder Rücksichtnahme bei der Arbeitszeitgestaltung bis zu gestrichenen Beförderungen.

Mehr als 50 000 Menschen haben unsere Petition im vergangenen Sommer unterzeichnet und wollen, dass das Allgemeine Gleichbehandlungsgesetz geändert wird. Im Koalitionsvertrag wurde es vereinbart, die Antidiskriminierungsstelle empfiehlt es nun auch – wann ist es denn endlich so weit?

Sagen wir es so: Der Zeitpunkt ist so günstig wie nie. Bis August muss nämlich die "Work-Life-Balance-Richtlinie" der EU, die die Rechte von Eltern und pflegenden Angehörigen stärken soll, in deutsches Recht umgesetzt werden. Und eigentlich kommen wir dann an einer Erweiterung des Gesetzes nicht vorbei. Das legt zumindest das Rechtsgutachten nahe, das wir zeitgleich mit der Studie anfertigen ließen.

Bis August? Das könnte ganz schön knapp werden …

Ja. Aber ein bisschen Druck ist ja manchmal nicht schlecht.

Rainer Stocker: zwei Frauen mit einem Dokument in den Händen
Mit ihrer Initiative #proparents haben die Aktivistinnen Sandra Runge (l.) und Karline Wenzel das Thema auf die politische Agenda gebracht und Tausenden Mut gemacht.
© Clemens Porikys / BRIGITTE

Der lange Weg zu mehr Fairness

Schluss mit der Elterndiskriminierung im Job! Das war die Forderung der großen Kampagne, die wir vor einem Jahr zusammen mit der Initiative #proparents und dem Magazin ELTERN gestartet haben. Mehr als 50 000 Menschen unterschrieben die Petition und forderten, Elternschaft ins Allgemeine Gleichbehandlungsgesetz (AGG) aufzunehmen. Hunderte mailten uns ihre Erfahrungen. Tatsächlich landete unser Anliegen im Koalitionsvertrag: Die Regierung verspricht dort, das AGG zu überprüfen und Schutzlücken zu schließen. Doch bislang ist nichts passiert. Umso wichtiger ist die PrognosStudie zu diesem Thema, die die Antidiskriminierungsstelle des Bundes nun veröffentlicht hat. 2500 Eltern mit kleinen Kindern und 504 Personen, die regelmäßig Angehörige pflegen, wurden befragt. Was sie berichten, macht klar: So kann es nicht weitergehen. Bundesjustizminister Marco Buschmann, Bundesfamilienministerin Lisa Paus: Ändern Sie jetzt das Gesetz!


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