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Corona-Tagebuch einer Mutter Corona-Mom und stolz drauf: „Wir sind verdammte Helden!“


Vergesst Spiderman, Catwoman und Paw Patrol... die wahren Superhelden sind ja wohl all die Eltern da draußen, die jeden Tag in dieser Pandemie weitermachen und weitermachen und weitermachen. Unsere Autorin hat den Stolz darauf als mentalen Rettungsring entdeckt.
Mütter sind Heldinnen – gerade in Coronazeiten
© beornbjorn/shutterstock

5.30 Uhr. Das Baby sieht sehr niedlich aus, wenn es grausam ist. Es strahlt mit zwei schneeweißen Zähnchen und gluckst begeistert, wenn ich es mit einem gequälten Stöhnen aus dem Bettchen hebe und nach unten ins Wohnzimmer trage, damit der Rest der Bande bloß nicht völlig unausgeschlafen in den Tag startet. Reicht, wenn ich das tue. Müde Menschen und Homeschooling – das ist eine explosive Mischung.
Wo ist der Kaffee? Jetzt bitte einfach nur Kaffee! Nein, Baby, nicht weinen, nur weil ich mal kurz zwei Hände brauche. Ach, komm schon! Jetzt ehrlich mal... Na gut, Kaffee machen kann man auch mit Baby auf dem Arm. Genau wie Mathe erklären, Essen machen, Brei pürieren, Uno spielen, die Notwendigkeit eines Bauchnabelpiercings zum 15. Geburtstag diskutieren, Arbeitsblätter ausdrucken und SOS-Meditationen gegen die Angst vor der Harry-Potter-Schlange machen. Eine Runde Selbstmitleid? Ach nein, heute mal nicht.
 

Ich feier mich

Seit März beneide ich nun schon meine Eltern um ihre Rentner-Leben-Ruhe, Kate Middleton um ihre zwanzig Kindermädchen (die zum Haushalt gehören) und manchmal auch einen beliebigen Gartenstuhl, einfach nur, weil grade keiner was von ihm will. Weiter gebracht hat mich das jetzt aber nicht so wirklich. Neid macht wütend und Wut macht noch wütender. Ist unschön, so viel habe ich verstanden. Meine neueste Taktik im Kampf gegen Lockdown-Laune: Ich feiere mich ab. Und zwar so hart, dass die selbstherrlichsten Bachelor-Kandidatinnen mich zu ihrem Guru ernennen sollten. Ich feiere mich für die Fünf auf dem Wecker, für die Würde, mit der ich meine grauen Strähnchen auf dem schlecht frisierten Kopf trage, für jedes verdammte Mal Spülmaschine ausräumen und für jedes nette Wort, das ich trotz all dem Mist noch für meinen Mann oder meine Kinder aufbringe. Für den rausgebrachten Müll, jeden aufgesaugten Krümel, jede geführte Diskussion und für die gewonnenen doppelt. Ich bringe abends oft nicht mehr nur vier Kinder ins Bett, sondern auch ein Ego, das mich manchmal fast aus dem Bett schmeißt, so verdammt groß ist es geworden.
 

Man kann sich nur selbst glücklich machen

Ok, ich übertreibe, ganz so einfach ist es manchmal nicht, das mit dem Riesenego. Ich bin normalerweise wie vermutlich die meisten Menschen eher so der „Ich-bin-meist-schon-ganz-ok“-Typ, was ja grundsätzlich auch etwas realitätsnäher ist. Aber jetzt im Lockdown – zumindest an den Tagen, an denen man die Kraft dafür aufbringt – kann ich die Überdosis Weihrauch über dem eigenen Haupt nur empfehlen. Weil sie alles erträglicher macht und eigentlich auch ehrlicher ist. Denn wenn wir uns über die aktuellen Zumutungen für Familien aufregen, unseren Partnern vorwerfen, unsere Anstrengungen nicht zu würdigen oder wenn wir sagen, dass wir schon lange am oder über unserem Limit sind, dann sind all das doch nur andere Worte für: „Eigentlich wissen wir, dass wir Helden sind und nach der Pandemie goldene Trophäen, eine eigene Tropeninsel und mindestens fünf Monate Wellnesshotel verdient haben für all das, was wir aktuell leisten. Weil wir das verdammt gut machen alles. BÄM!“ Ich meine, wenn wir uns sonst schon ok finden, bleibt uns für unsere unglaublich krass leistungsfähige Lockdown-Version doch fast nur das Abfeiern, oder?
 

Ego für Anfänger: Sei nett zu dir, auch wenn du es nicht verdient hast!

Ich weiß, es ist leichter gesagt als getan, sich selbst dreisterweise einfach mal unfassbar toll zu finden und das auch noch zuzugeben. An Tagen, an denen das nicht gelingt, tut es ja aber vielleicht auch schon der ungebrochene Wille, wenigstens nicht das Gegenteil zu tun. Na klar machen wir Fehler in all diesem Durcheinander! Das tun wir wirklich alle! Wir verlieren die Geduld, wenn wir es nicht sollten, wir sagen in unserer Genervtheit, was niemandem weiterhilft und wir haben zwischendurch ungerechte Gedanken. Wer all das nicht kennt, kann mit seinem Zen-Heiligenschein meinetwegen unverhohlen für die Weltherrschaft kandidieren. Für alle anderen kann nur gelten, was Jens Spahn gesagt hat, als der Wahnsinn begann: „Wir werden einander viel verzeihen müssen.“ Zumindest in diesem Punkt wird der Gesundheitsminister Recht behalten, komme was wolle. Wir werden einander verzeihen müssen. Aber zuallererst, da bin ich mir sicher, müssen wir uns einmal selbst verzeihen, wenn etwas nicht ganz so gut gelaufen ist. Tag für Tag und vor allem immer wieder und sofort. Vielleicht werde ich mir irgendwann verzeihen müssen, ein bisschen zu selbstherrlich gewesen zu sein. Das macht aber nichts. Denn wenigstens ging es mir in meiner Selbstherrlichkeit gut und das ist vielleicht unsere schwierigste und wichtigste Aufgabe als Eltern in all dem Chaos.
 
 


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