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Corona-Tagebuch einer Mutter Familien als Stress-Hotspot der Nation: „Wo ist unsere Corona-Notbremse???“

Mutter hat ihr Baby auf dem Arm und lehnt müde in der Küche
© Jelena Stanojkovic / shutterstock
Die Inzidenzen steigen mal wieder – und mit ihnen der Stresspegel in den Familien. Unsere Autorin hält wie alle Mütter seit über einem Jahr durch. Aber lange wird das so nicht mehr funktionieren. 

Ich sitze mit müden Augen vor der Tagesschau. Eine Notbremse auf Bundesebene ist also die  neueste Errungenschaft auf dem Weg in eine bessere Welt. Ab einer Inzidenz 100 greifen bestimmte Maßnahmen, damit das Gesundheitssystem nicht überlastet wird. Während der Wettervorhersage schweife ich gedanklich ab und lasse meinen Tag Revue passieren. Die Sorge um mein sonst immer so ausgeglichenes 9-jähriges Mädchen, das seit ein paar Wochen so viel Bitterkeit in sich trägt und Sätze sagt wie: „Ich wünschte, ich würde in einer anderen Zeit leben und nicht jetzt.“. Der Streit mit dem Teenie, der nicht so eskalieren sollte, wie er es heute wieder mal getan hat. Die Tränen des Erstklässlers, weil seine Freunde alle in der anderen Gruppe des Wechselunterrichts sind und dann das Baby, das heute seit Wochen endlich mal wieder von einem fremden Menschen angefasst wurde – zum Impfen. Mir wird ganz schwindelig von all den Gedanken und eine Frage dröhnt in meinem Kopf: Wo ist UNSERE Notbremse? Welche Maßnahmen greifen für Familien, wenn die Belastung zu groß wird? Wann dürfen Familien endlich mal in einen Stress-Lockdown, in dem sie aufatmen können von der riesigen Belastungs-Inzidenz?

Man muss seine Tankstelle kennen

Ich halte meine Familie als Konstrukt und jede einzelne Person von uns für sehr resilient. Wir haben schon viel gemeinsam durchgestanden und immer Strategien gefunden, alleine und gemeinsam gesund und glücklich zu bleiben. Wenn jeder für sich seine eigene „Tankstelle“ kennt und man gemeinsam schöne Momente genießt, dann kann so viel gar nicht schiefgehen. So empfand ich das bisher jedenfalls immer, aber ich hatte nie darüber nachgedacht, was passiert, wenn all unsere Tankstellen schließen und so in den gemeinsamen Momenten sechs überspannte Menschen aufeinandertreffen. Schön sind diese Momente dann oft nicht mehr. Jeder versucht, irgendwie mit dem Kopf über Wasser zu bleiben, mit Familien-Qualitytime hat das leider oft wenig zu tun. Früher haben wir im Auto zusammen gesungen, heute mosert mindestens einer, dass er Kopfweh hat und seine Ruhe will. Früher haben wir so viel gelacht, heute sind wir schon froh, wenn grad mal keiner weint oder meckert.

So viele Überlebensstrategien wie Menschen in einem Haus

Ich habe mich letztens mit einem Familientherapeuten unterhalten und er hat das Problem gut auf den Punkt gebracht: „Wenn Menschen gestresst sind, fallen sie immer in ihre ureigensten Muster. Im Stress ist es sehr schwer, bewusst und sinnvoll zu agieren. Man fährt seine ganz persönliche Überlebensstrategie, selbst wenn sie völlig bescheuert ist und man das genau weiß.“ Ich fürchte, er hat Recht. Je unterschiedlicher die Menschen unter einem Dach also sind, desto verrückter wird es, wenn einfach ALLE gestresst sind. Bei uns sieht das dann ungefähr so aus: Das Baby weint, der Erstklässler findet alles und jeden gemein und fängt deshalb an, alles und jeden zu ärgern. Die 9-Jährige wird hysterisch, weil sie geärgert wurde, das Teeniemädchen verfällt in pfauenartige, unantastbare Arroganz, der Mann mutiert zum Oberfeldmarschall und ich falle in ein tiefes Loch des Selbstmitleids, aus dem ich dann irgendwann zeternd und schimpfend wieder hochkrieche. Das klingt ziemlich kaputt, doch die Wahrheit ist: Diese Alle-sind-völlig-drüber-Momente kennt nach über einem Jahr Corona ganz sicher jede Familie.

Was Familien wirklich brauchen

Als das erste Corona-Kindergeld ausbezahlt wurde, haben wir noch gedacht: „Ach komm, das muss doch nicht. Alles gut! Andere brauchen es dringender!“ Heute lache ich über den Betrag, denn der ging schon längst für Strom und Homeschooling-Equipment drauf. Aber mehr Geld ist trotzdem nicht das, was die meisten Familien gerade brauchen. Was wir viel dringender bräuchten sind geöffnete Schulen und Kitas mit guten Hygienekonzepten. Wir bräuchten geimpfte Großeltern, die uns unter die Arme greifen können und Kontaktbeschränkungen, die uns nicht die letzten Unterstützungsmöglichkeiten verwehren. Wir bräuchten flexible Notbetreuung, die man mal kurzfristig in Anspruch nehmen kann, wenn die Nerven völlig blank liegen und wir bräuchten mal eine Perspektive, wann Eltern geimpft werden. Momentan sind die meisten von uns als Letzte dran. Aus Erfahrung kann ich aber sagen: Corona zu haben und gleichzeitig völlig abgeschottet von der Außenwelt auf Kinder aufzupassen, verlangt nahezu übermenschliche Superkräfte!

Jeder Aufzug hat mehr Rechte als Eltern

Wenn dieses Land also weiter auf gesunde Menschen aus gesunden Familien bauen möchte, dann sollte dieses wertvolle Konstrukt „Familie“ endlich mal in den Fokus rücken. Es kann nicht sein, dass Homeoffice-Pflicht zu viel verlangt ist, aber Kinder und Eltern teilweise monatelang von zuhause aus lernen, lehren und arbeiten müssen. Dass das zumutbar erscheint, ist mir ein Rätsel. Jeder Aufzug, jedes Auto und jede Brücke hat eine festgeschriebene Belastungsgrenze, die nicht überschritten werden darf. Bei Familien sieht es nicht anders aus, nur dass uns diese Grenze nicht auf der Stirn steht. Vielleicht wäre das aber ganz gut, denn lasst euch eines gesagt sein: „Unendlich“ stünde dann ganz sicher bei niemandem! Auch wenn die Welt das seit März 2020 zu denken scheint.


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