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Kolumne "Dietz & Das" Empathie statt Vorurteile: Schluss mit Schablonen!

Mann liegt mit müdem Gesicht im Bett
André Dietz 
© Ben Hammer
Es ist 3:26 Uhr, Tag 10 der Quarantäne. Mari ist seit einer Stunde am Schreien und hat bereits ihre beiden Schwestern geweckt. Shari hat ihr, wie jede Nacht, bereits Schmerzmittel und etwas zur Beruhigung gegeben. Es bringt nichts. Mir läuft der kalte Schweiß herunter, offenbar eine Omikron Nebenwirkung. Ich bin jetzt durchgehend seit drei Wochen krank. Erkältung, Lungenentzündung, Covid. Keine Erholung. Unsere Arbeit ist nicht zu schaffen, Nebenwirkungen, Psyche: Hölle, Haushalt, Hunde, Homeschooling, Mari pflegen, Kinderbespaßung, nicht in Ruhe kacken, duschen, ESSEN. Keine Pausen, nicht mal nachts...

Bitte kein Mitleid!

Das war vor über sieben Wochen. Wir haben ein Abbild unserer Situation in den sozialen Medien geteilt und neben vielen „Ihr schafft das“ und Mutmach-Kommentaren, kam immer wieder: „Jaaaa, aber Ihr habt ja wenigstens ein großes Haus und einen Garten und Geld und Möglichkeiten. Jetzt stellt Euch mal vor, Ihr müsstet in einer 2 Zimmer Wohnung…“ – Ist ja gut. Wir haben es gerafft und zur Kenntnis genommen. Wir antworten auf so etwas nicht mehr, denn solche Diskussionen auf Social-Media Kanälen zu führen, ist wie Selbstbefriedigung: das Gefühl ist kurz mal da, aber es ist einfach nicht „dasselbe“.

Kann man denn eigentlich Leid, Schmerz und Stress vergleichen?

Liebe schon. Bei Liebe schreit jeder: Kenn ich! Habe ich! Hatte ich! Außerdem gönnt man Liebe viel leichter. Aber bei Leid? „Das kann man mit Eurer Situation natürlich nicht vergleichen, aber mir ging es in dieser bestimmten Situation auch schlecht“,  höre ich so oft von Menschen, mit denen ich mich wirklich tiefgründig unterhalte. Doch! Kann man vergleichen. 

Manchmal fällt es mir schwerer, wenn mir Leute Dinge erzählen, die sie nerven, stressen oder aufreiben und ich denke mir: „Ey, Du weißt doch was bei uns los ist! Du erzählst mir jetzt ernsthaft, dass Du drei Tage Schnupfen hattest?!“ – Dennoch versuche ich immer öfter auch diese Wahrheit zu verstehen, die Perspektive zu wechseln, ohne einen emotionalen Eiertanz aufzuführen und sage: „Wenn es Dir damit schlecht geht, nehme ich das Ernst.“. Empathie ist Trumpf und bestimmt auch ein Grund für meine Resilienz. Für die Tatsache, dass ich ein Stehaufmännchen bin. Empathie schafft eben Empathie.

Probleme zu vergleichen, mindert weder den Schmerz des einen noch des anderen

Shari sagte in einem unserer ersten Gespräche über den Tod meiner Eltern: "Ich habe dieses Gefühl des Verlusts durch den Tod bisher nur einmal erlebt, als mein Hund gestorben ist. Aber das kann man nicht vergleichen!“. Doch. Kann man. Meinem Gefühl, mit dem was man selbst erlebt hat, nahe zu kommen, ist doch ein guter Ansatz. Das ist der Versuch etwas zu verstehen. Der Schmerz ist vielleicht objektiv nicht vergleichbar, aber wenn die einzige Referenz das bisher Erlebte sein kann, ist das eben so.

"Ihr habt da diese Strukturen und deswegen hat Euer Leid keine Berechtigung!", ist kein Versuch etwas zu verstehen und bringt mich in diesem Moment auch nicht dazu, die Perspektive zu wechseln. Probleme zu vergleichen, mindert weder den Schmerz des einen, noch des anderen. Das Darstellen eines unangenehmen Zustandes kann allerdings anderen Leuten helfen. Sei es durch die bloße Feststellung, dass wir auch nur mit Wasser kochen (was übrigens stimmt) oder eine ehrliche Äußerung, dass es denjenigen gerade ähnlich oder sogar genauso geht.

Ja! Unser Leid ist nicht gleich dem der Menschen in der dritten Welt, Menschen, die hungern, unterdrückt werden, vor Krieg flüchten. Auch nicht vergleichbar mit Menschen, die in diesem Land in Armut und Krankheit leben und sterben. Aber dennoch ist auch dieses Gefühl echt und es ist da. Jetzt und in diesem Moment.

Glück ist das Einzige was sich verdoppelt, wenn man es teilt. Empathie wird aber auch nicht kleiner.

Wenn ich kann, wird meine Empathie und auch meine Bereitschaft zu helfen wieder erwachen. Und, wer weiß, vielleicht kann ich Glück dadurch viel mehr wahrnehmen. Und sollte ich durch das Leid anderer in die Denkweise kommen „Hey, mir geht es ja gar nicht so schlecht?“, werde ich mich nicht schämen. Denn nur wenn ich einigermaßen zufrieden und glücklich bin, kann ich empathisch und – ich habe echt noch Probleme mit dem Begriff – achtsam sein. Das ist dann nicht von oben herab, sondern ein Zufrieden-sein mit dem, was man hat.  Es gibt diesen beliebten Hochzeitsspruch: "Glück ist das Einzige, was sich verdoppelt, wenn man es teilt." – Abgelutscht, aber wahr. Empathie wird allerdings auch nicht kleiner, wenn man sie vernünftig verteilt. 

Mit Bauchgefühl und gesundem Menschenverstand gegen den Frust

Dieser, vor allem im Netz sehr gegenwärtige Frust, der immer wieder versucht, Dinge abzuwerten, kommt von Menschen, die auf alles Schablonen anlegen. Und irgendwie ist unser ganzes Leben ja geprägt von Schablonen und der Sehnsucht nach einfachen Erklärungen. Die Überschrift „Ein Glas Rotwein am Abend schützt vor Krebs“ hat mich schon dazu gebracht, mir jeden Abend gleich zwei Flaschen davon in den Kopf zu knallen. Doof, ja. Aber so schön easy! 

Ich, für meinen Teil, glaube nicht an Schablonen, ich glaube an differenzierte Denkweisen. Ich versuche ständig all die Artikel über Erziehung, Ernährung, Gesundheit, all die Diäten, Lebenshilfen, Ratgeber, Religionen, die eine Allgemeingültigkeit für sich beanspruchen, in einen Raum in meinen Kopf zu sperren und ihn von den beiden Türstehern „Menschenverstand“ und „Bauchgefühl“ bewachen zu lassen. Die Jungs dürfen dann immer nur für die Individuelle Situation „gekleidete“ Infos reinlassen.

Vergesst Schablonen und Vorurteile – die tun niemandem gut

Wie oft habe ich Leute erlebt, die ihren gesunden Menschenverstand nicht mehr bedienen konnten, weil sie 80 Bücher über Kindererziehung gelesen haben, bevor das Kind zur Welt kam. Wie oft habe ich Väter und Mütter – und wir gehörten und gehören auch noch dazu – erlebt, die ihr Bauchgefühl in einer Pro und Contra-Liste abgefackelt haben, während sich das Kind bereits die Finger verbrannt hat. Sich von Schabloben und Vorurteilen freizumachen, ist nicht immer leicht. Aber garantiert einen Versuch wert.


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