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Zwillingsbeziehungen 5 Dinge, die Zwillingseltern unterstützen können

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© Olya Komarova / Adobe Stock
Zwillingsbeziehungen sind besonders: Nicht selten spricht man von dem unsichtbaren Band, das Zwillinge verbindet. Das kann sehr schön, aber auch belastend sein. Wie Eltern von Zwillingen schon von Anfang an einen Unterschied in der Erziehung machen können, erklärt uns die Zwillingsexpertin und Coachin Ilka Poth.

Zwillingsbeziehungen harmonieren bei weitem nicht immer. Oftmals gibt es in ihnen auch viel Druck, Streit, Konkurrenzdenken, zu wenig eigenen Spielraum – das kann zu einer großen Herausforderung für die Eltern werden.

Die große Herausforderung: Individuen sehen

Oft werden Zwillinge als eine Einheit gesehen – unter anderem auch von ihren Eltern. Das zeigt sich zum Beispiel durch gleiches Anziehen, Aussehen oder durch Ansprechen mit 'die Zwillinge' und 'die Beiden'. Das kann für eine Zwillingsbeziehung schnell belastend werden, weil sie so nur schwer herausfinden können, wer sie ohne den anderen sind. Ilka Poth findet, dass dies für Zwillinge sowieso schon schwer ist, da Zwillinge zwei Identitäten haben. Sie haben eine gemeinsame, die bereits im Mutterleib entsteht. Wenn sie auf die Welt kommen, müssen sie dann ihre eigene Identität entwickeln und festigen."

Und genau darin liegt die größte Herausforderung für die Eltern: "Wenn sie versäumen, eine adäquate Mutter-/Vater-Kind-Bindung aufzubauen, indem sie sich zum Beispiel mit jedem Zwilling einzeln beschäftigen und dadurch die eigene Identität bekräftigen, kann es sein, dass die Zwillingsidentität die eigene Identität übersteigt. Das kann sich sehr ungesund auf die Zwillingsbeziehung auswirken."  

Ganz oft zeigen sich die Probleme erst ab der Pubertät, wenn die Frage nach dem 'Wer bin ich?' größer wird und gegebenenfalls bewusst wird, dass man über sich selbst gar nicht viel weiß, wie zum Beispiel 'Was macht mich aus? Wer bin ich ohne meinen Zwilling? Was mag ich eigentlich?' Das kann den natürlichen Abnabelungsprozess erschweren und die heranwachsenden Zwillinge vor gravierende Herausforderungen stellen: So können sich manche Zwillinge schlecht bis gar nicht trennen – oder einer mehr als der andere. Das hat Poth selbst auch erfahren müssen.

Die Krux liegt ihrer Ansicht nach darin, "dass die Kindheit für die meisten Zwillinge sehr schön ist. Die war auch bei mir schön, weil wir die Gemeinsamkeit, die uns ja auch Schutz und Sicherheit gibt, sehr intensiv in der Kindheit erleben. Herausforderungen wie Vergleiche, die wir alle hassen, reflektieren wir dann noch nicht. Wir kennen es nicht anders. Wir nehmen es zwar auf und haben Gefühle dazu, können sie aber noch nicht benennen und einordnen. Später, wenn wir uns als Erwachsene trennen, wird dann oft für uns alles anders. So gucken wir meist ein Leben lang auf diese harmonische Beziehung aus der Kindheit zurück und sehnen uns danach."

Was Ilka Poth hier immer wieder hört, ist, dass es Geschwisterkindern, die nur ein bis zwei Jahre auseinander sind, doch ähnlich gehen würde. Dem widerspricht sie jedoch ganz klar und erklärt, "dass viele Einlingsgeschwister zwar ebenfalls eine enge Bindung haben und auch Konkurrenz, Eifersucht, Vergleiche, etc. kennen. Allerdings haben sie nur eine Identität und keine zwei wie Zwillinge. Das ist einer der wesentlichen Unterschiede."

So begleitet ihr eure Zwillingskinder individuell

Poth warnt davor, die Kinder zu früh voneinander zu trennen. Gerade in den ersten zwei Jahren rät sie Eltern, dies nicht zu tun – im schlimmsten Fall könnte dies traumatische Auswirkungen für die Kinder haben. Immerhin bedeutet der andere Zwilling "enorme Sicherheit und Geborgenheit". Jede Zwillingsbeziehung muss deswegen ganz individuell betrachtet werden. "Da gibt es kein Gießkannenprinzip. Auch die Frage nach Kindergarten- und Schultrennungen, ist leider nicht so einfach zu beantworten. Man muss schauen, was haben die Kinder für eine Beziehung zueinander, welche Abhängigkeiten bestehen, gibt es einen dominanten Zwilling unter dem der andere leidet, etc."

Ihr Appell an alle Zwillingseltern: Die große, besondere Aufgabe ist, die Zwillinge schon von klein auf, also wirklich von Anfang an, behutsam in dem Trennungsprozess zu begleiten: "Das bedeutet nicht, dass man sie nicht zusammenlassen darf oder sie nicht zusammenspielen dürfen – ganz im Gegenteil. Vielmehr, dass man ihre Eigenständigkeit und Individualität fördert, indem man sie beispielsweise in kleinsten Schritten daran gewöhnt, auch mal Dinge getrennt voneinander zu tun. Wie: einer macht etwas mit Mama und einer mit Papa."

Einer der wichtigsten Punkte: Die Unterschiede ohne Wertung zu betrachten, denn jeder Zwilling ist gut so wie er: sie ist. Das ist nämlich ein weiterer Knackpunkt: Dieses Klischee, das Zwillingseltern oft hören 'die sind doch genau gleich' – stimmt nicht. Auch eineiige Zwillinge sind nicht komplett gleich. Wir haben verschiedene Charaktere und unsere DNA ist schon nach der Geburt nicht mehr gleich. Wir sind einfach verschieden. 

Besonders wichtig ist also, den Fokus auf die wahren Unterschiede der Zwillinge zu richten: "Was für einen Charakter, welche Fähigkeiten und Interessen hat jeder von ihnen." Sehr wichtig dabei (aber auch schwierig): Die Kinder ganz wertfrei beobachten und keine Unterschiede schaffen. Das passiert manchmal ganz beiläufig, erklärt Poth, in dem man beispielsweise gegensätzliche positiv-negativ-Bewertungen sagt wie: 'der:die eine ist sportlicher oder unsportlicher, lieb-frech, laut-leise.' 

Damit kreiere man Unterschiede – was meist unbewusst passiert – um die Kinder voneinander unterscheiden zu können. Und genau das brenne sich bei den Kindern irgendwann ein und sie werden diese Rolle als Zwillinge nicht mehr los. Und auch das kann die Zwillingsbeziehung auf Dauer kaputt machen. Das passiert unter anderem auch deswegen, weil man als Kind alles aufnimmt und erst einmal noch nicht filtert. Gerade dann ist alles, was Mama und Papa sagen, wahr und wird geglaubt.

Von Eltern-Urteilen wieder wegzukommen ist sehr schwer. "Auch das kann sich auf Dauer negativ auf die Zwillingsbeziehung auswirken – wie beispielsweise die Förderung des Wettbewerbs unter Zwillingen, der unter ihnen ohnehin schon vorhanden ist, oder dass sie sich selbst ständig miteinander vergleichen. Solche antrainierten Verhaltensweisen aus der Kindheit halten ein Leben lang und können nur schwer wieder unterdrückt werden. Auch als Erwachsene stehen wir noch im Wettbewerb zueinander, es sei denn, wir wurden entsprechend erzogen."

5 Dinge, die Zwillingseltern wirklich helfen können 

1.    Zwillinge von Anfang als Individuen zu sehen und nicht im Doppelpack: Ihre Interessen und Fähigkeiten wahrnehmen und diese fördern. Das Schlimmste, das Zwillingen passieren kann, ist, als eine Person wahrgenommen zu werden. 

2.    Quality-Time mit jedem Kind allein verbringen – nur so finden Eltern heraus, was ihre Kinder genau unterscheidet, was sie bewegt und wie sie ticken. Poth erklärt das so: "Bei Zwillingen, wie auch bei Einlingskindern, muss sich eine Mutter-Kind- oder Vater-Kind-Bindung entwickeln. Und das geht nicht, wenn man beide Kinder immer zusammen hat. Das geht am besten in der Interaktion mit einem Kind. Dadurch wird gleichzeitig auch die eigene Identität der Kinder gefördert."

3.    Die Zwillinge ganz langsam daran gewöhnen, dass es normal ist, wenn zum Beispiel das eine Kind mal im anderen Zimmer spielt, ohne dass sie sich vermissen müssen, sodass es für sie normal wird. Dabei den Kindern unterstützend zur Seite stehen, wenn eines Probleme dabei hat oder traurig ist. Dadurch wird es ihnen später weniger schwerfallen sich zu trennen. 

4.    Gegenüber den Kindern Vergleichsäußerungen vermeiden und Unterschiede nicht hinterfragen. Die Kinder wertfrei betrachten und ihre Talente und Fähigkeiten nicht gegeneinander aufwiegen oder ausspielen.

5.    Vergleiche auch in der Schule vermeiden: "Sehr hoher Leistungsdruck (und Anspruch an sich selbst) sowie Perfektionismus sind oft die Folge bei Zwillingen. Denn meist herrscht eine gewisse Erwartungshaltung bei Eltern und Lehrern vor, dass sie aufgrund der Genetik und des gemeinsamen Aufwachsens gleich gut sein müssten. Dabei ist der versteckte Wettbewerb ohnehin immer da, der auch krank machen kann." Also auch hier den Druck herausnehmen, achtsam und wertfrei beobachten, was jedes Kind braucht oder besonders gut kann.

Ilka Poth ist Coachin und Beraterin und auch selbst ein Zwilling. Sie beschäftigt sich mit Zwillingsbeziehungen und coacht Zwillinge und Zwillingseltern auf dem Weg zu einem besseren Verständnis für ihre besondere Beziehung zueinander. Mehr Infos findet ihr unter ilkapoth.de.

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