Glosse
 
Schöner scheitern beim Versuch, zu erraten, was mein Kind will

Unsere Autorin Christiane Stella Bongertz dachte immer, sie verfüge über Einfühlungsvermögen und eine gute Allgemeinbildung. Aber ihre Tochter sorgt dafür, dass sie sich nicht überschätzt ...

Gerade will ich unter die herrlich warme Dusche steigen, als die Badezimmertür aufgestoßen wird. „Mami, ich will das Wigora-Lied, wie geht das nomma? Der Papa weiß das nich!“ Marthas Ton lässt keinen Zweifel: Sie ist sicher, dass Mami den Durchblick hat. Aber die hat leider nicht den leisesten Schimmer: Wigora-Lied? Was zum Teufel ... Ich weiß, wenn ich jetzt nicht liefere, gibt’s Ärger. Und mein Image als Wissensinstanz bekommt den nächsten Kratzer.

Als Martha ein Baby war, bildete ich mir noch ein, für das, was mein Kind will, eine untrügliche Intuition zu besitzen: frische Windel, Milch, Bäuchleinmassage – alles easy. Aber ich ahne, dass ich damals nur immer ratzfatz alle Möglichkeiten durchgecheckt habe. Die sind ja anfangs noch relativ überschaubar. Außerdem hatte ich seinerzeit den Joker in der Bluse: Stillen ging (fast) immer.

Schöner scheitern beim Erraten, was mein Kind will
©Mieke Scheier

Danach wurde es für eine Weile sowieso unmissverständlich, denn als meine Tochter zwar noch nicht sprach, aber häufig wollte, was sie sah, zeigte sie mit einem „Eeeeh!“ erst auf sich, dann auf das Gewünschte. Irgendwann fing sie allerdings an, Sachen zu begehren, die sie nicht direkt vor der Nase hatte. Für Eltern in dieser Lage gibt es eine gute Nachricht: Entwicklungspsychologen attestieren deinem Spross jetzt Objektpermanenz! Jippie! Und eine schlechte: Es kann zu Spannungen kommen, falls du als Mama oder Papa nicht telepathisch veranlagt bist.
Beispiel: Eines Tages erklärte Martha nachdrücklich irgendwas von „Head-Siff!“ Reflexartig überprüfte ich meine Haare und wunderte mich kurz, dass sie a) über einen englischen Wortschatz verfügt und b) lange vorm Teenageralter schon eine Meinung zu meiner Frisur hat. „Will Head-Siff!“, forderte Martha noch deutlicher. Erst nach längerem Trial-and-error stellte sich raus: Sie suchte ihre Handpuppe Hedwig.

Hirnfolter war auch die Frage: „Was ist das für ein Instrument?“, als im Radio gerade ein großes Orchester zum Schlusscrescendo ansetzte. Sogar Sätze, die ganz verständlich klingen, haben ihre Tücken. Als Martha beim Frühstück „Mami, ich will Bier!“ sagte, fiel mir fast die Tasse aus der Hand. „Was willst du?“ „Bier!“, beharrte sie, aber präzisierte dann: „Heidelbier!“ „Ach so, Heidelbeer ...“
Dabei ist das Entschlüsseln ja nur der erste Schritt. Während man zum Stillen von Säuglings- bedürfnissen meist alles griffbereit hat, sind Kleinkind-Anliegen nicht immer ohne Weiteres umsetzbar. Weil man Heidelbeeren gerade nicht im Haus hat etwa. Oder weil die auf einem Foto wiederentdeckte (aber längst verschenkte) Spielbogen-Decke plötzlich ein Herzenswunsch ist. Oder weil es jetzt! sofort! aufhören soll zu regnen. Oder weil Mami etwa um drei Uhr nachts nicht in den Keller will, um nachzusehen, ob das Rutschauto wirklich noch da ist.

Ob das „Wigora-Lied“ zu den erfüllbaren Wünschen gehört, kann ich gerade noch nicht sagen. „Meinst du „Auf der Mauer, auf der Lau- er’?“ – „Nee!“ – „Tante aus Marokko?“ Tränenausbruch. Der eingangs so unterschätzte Papa versucht es mit: „Vielleicht das mit „Gloria Victoria‘?“  Ein geschluchztes „Ja-ha!“ lässt mich erleichtert anstimmen: „Ein Mann, der sich Columbus nannt, widewidewi...“ „Mamiiii! Neiiiin! Nicht du sollst das singen! Ich will die Kinder-CD!“ Mein Image ist offenbar noch ramponierter, als ich befürchtet habe.