Großfamilie
 
Die Leinthalers haben 10 Kinder – so sieht ihr Leben aus

"Da fehlt noch eins!" – Das haben Andrea und Hans-Peter Leinthaler nach jedem Kind irgendwann gedacht – bis es zehn waren, das älteste heute 24, das jüngste vier. Auf einem Hof im Allgäu improvisiert sich die Familie mit viel Gelassenheit durch den Alltag, in dem auch die nächste Generation herzlich willkommen ist.

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iStock, lisegagne (Symbolfoto)
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Die 17-jährige Paula braucht gar nichts zu sagen. Ganz selbstverständlich geht ihr Freund Luca zur Anrichte und wuchtet mit beiden Händen eine ordentliche Ladung Besteck auf den langen Küchentisch. Mittagessen für zehn: die Eltern Andrea und Hans-Peter, sieben der zehn Leinthaler-Kinder und Luca. "Man packt automatisch mit an, wenn man hier ein und aus geht", sagt Andrea. "Risotto – wie wär das?", hatte sie in den Raum geworfen, und das Anpacken geht los: Fritz, 11, raspelt gelbe Rüben, Fridolin, 4, schiebt Teller an die richtigen Plätze, Thea, 15, rührt in einem riesigen Topf. Ihr Baby Theo, 3 Monate alt, döst in einem Tragetuch auf ihrem Rücken.

Man könnte meinen, Andrea und Hans-Peter hätten nie etwas anderes gewollt als so eine große Familie. Aber so ist es nicht. "Kinder gehören für mich zum Leben dazu", sagt Andrea. "Aber wir sind keine Leute, die einen festen Plan im Kopf haben und den dann durchziehen", ergänzt ihr Mann.

10 Kinder und ein Hof

Andrea, aufgewachsen in der Stadt, träumte schon als Kind vom Landleben. 28 Jahre ist es her, dass die heute 51-Jährige und ihr zwei Jahre älterer Mann sich beim Studium der Agrarwissenschaft kennenlernten. "Gegen Ende des Studiums haben wir einen Einödhof gemietet, hatten Hühner, bauten Gemüse an", sagt Andrea. Sie war 27, als sie schwanger wurde. Jakob, ihr Ältester, ist heute 24.

Viele bewegende Erinnerungen hat Andrea an die Zeit mit dem ersten Kind: "Auf dem zwei Kilometer langen Waldweg bis zum Briefkasten hat Jakob das Laufen gelernt. Morgens schauten wir den Wildgänsen beim Landen am Fluss zu." Aber sie wolle nicht romantisieren: "Hans-Peter hatte gerade das Studium beendet, sein erster Arbeitstag war der Tag nach Jakobs Geburt."

Therese kam, da schrieb Andrea gerade an ihrer Diplomarbeit. Kurz darauf sahen sie diese Anzeige: ein 300 Jahre altes Bauernhaus, auf tausend Meter Höhe in einem Weiler im Oberallgäu gelegen. Heruntergekommen, aber erschwinglich. Heute haben sie Pferde, im Nebenerwerb eine kleine Zucht alpiner Steinschafe. "Andere schauen abends Serien, das interessiert mich sowieso nicht", sagt Andrea. Und dass sie mit Freundinnen statt ins Café schließlich auch zu den Schafen könne: "Der Weg rauf zu den Weiden ist zum Reden wunderbar."

Die Kinder der Großfamilie

Sie sind es gewohnt, dass die Leute tuscheln. Wissen die nicht, wie Verhütung geht? Haben die keine anderen Hobbys? Ob ihr christlicher Glaube Grund sei für die Kinderschar, wurden die Leinthalers schon öfter gefragt. Alles Blödsinn, sagt Andrea. Woher nimmt man den Mut zu so einer großen Familie? Da verweist Andrea gleich mal auf den "süßen Geruch" eines Babys. Und, immer wieder, dieses Gefühl: "Da fehlt noch eins!"

Dynamik – das Wort benutzt Andrea oft. "Ein neues Kind ist ja nicht einfach etwas, das dem Bestehenden hinzugefügt wird. Es bricht das Bestehende auf." Therese, heute 22, hat mit ihrer Geburt dafür gesorgt, dass Andrea nicht mehr so auf Jakob fixiert war. Ida, inzwischen 20, machte aus dem zwei plus zwei eine Gruppe: Vieles war jetzt kaum noch planbar. Mit Leni, heute 18, wurden sie von der großen zur Großfamilie.

"Die Karten werden ständig neu gemischt, die wechselnden Allianzen halten das Miteinander lebendig", sagt Hans-Peter. Emil, 13, zum Beispiel gehörte bis vor Kurzem noch zu den "Jüngeren", jetzt will er viel für sich sein. Dafür hat Fritz, 11, die Verantwortung übernommen, wenn Greta, 8, Fridolin, 4, und er wie nach dem Mittagessen draußen "arbeiten". "Los, rüber zur Hecke, die ist viel zu hoch", ruft er und schleppt eine riesige Astschere an. Jeder darf sie mal halten und zudrücken. Aber als die beiden Jüngeren dann lieber mit Steckenpferden ums Haus galoppieren, ist das auch okay. "Manchmal reiten die Kinder bis rauf zum Wald", sagt Andrea. Ob sie keine Angst hätte, den Überblick zu verlieren? "Ich hab mich vom Gedanken gelöst, alles kontrollieren zu können", sagt sie. Und dass "Helikoptern" für sie das Gegenteil sei von Vertrauen.


Die Logistik

Um 12 Uhr fährt Andrea die steile Straße runter zum Dorf, um die beiden "Kleinen" von Kindergarten und Schule abzuholen. Haben Fridolin und Greta gegessen, bleiben sie einen Moment allein, das können sie schon. Der Schulbus, mit dem Paula, Leni und Emil ankommen, hält um viertel vor zwei im Dorf, wieder geht’s vier steile Kilometer runter und rauf.

Kaum hat Andrea die "Mittleren" zu Hause abgeladen, muss sie noch mal los, Fritz holen. Der geht auf eine weiter entfernte Montessori-Schule und kommt mit dem Zug am acht Kilometer entfernten Bahnhof an. An Tagen, an denen keiner Nachmittags- oder Musikunterricht hat, war es das mit der Fahrerei. Solche Tage gibt es aber praktisch nicht. "Das Mama-Taxi bin ich oft leid", sagt Andrea.

Gern denkt sie an die Zeit zurück, als sich das Familienleben zwischen Hof, Wiesen und Stall abspielte. Früher gab es drei Zimmer für sieben Kinder. Heute verteilen sich die sieben, die noch zu Hause wohnen, auf fünf Räume. "Mit dem ersten Freund kommt das Privileg des Privaten", sagt Hans-Peter, der immer wieder am Aus-, Um- und Anbauen ist. "Schade" findet die 15-jährige Thea es, wenn Eltern meinten, schon Zweijährige bräuchten eigene vier Wände: "Die können sich dann vor dem Einschlafen ja gar keine Geschichten erzählen."

Kino ist nicht drin? Stellen sie eben einen Beamer auf und projizieren einen Blockbuster an die Wohnzimmerwand. Klamotten? Weitergeben oder teilen tut’s oft genauso wie shoppen zu gehen. "Manchmal kommen einem so modisch sogar die besseren Ideen als im Laden", sagt Therese, 22, der Nachhaltigkeit wichtig ist. Einmal im Jahr geht’s für eine Woche in die Toskana, mit allen, auch Freunde der Kinder dürfen mit. Für zehn ist das Ferienhaus ausgelegt. Mit ein paar mitgenommenen Luftmatratzen aber lässt es sich "mit ganz viel Leben füllen", die Vermieter kennen das schon.

Die Ängste

Wird man allen gerecht? Emotional? Und auch: materiell? Die älteren Kinder studieren, BAföG macht’s möglich. Aber wie geht es weiter? Wird Jakob nach dem Studium mit Freundin und Kind eine Wohnung finden? "Zukunftssorgen schieb ich weg, dann überrollen sie mich wieder", sagt Andrea. "Am schlimmsten war es, als Hans-Peter vor vier Jahren überraschend arbeitslos wurde." Da war sie mit Fridolin schwanger, mit 47. "Ich habe mich komplett zurückgezogen, mir einen Schutzraum gebaut, bloß nicht dieses Gerede über Risiken. Wir wissen ja so schon manchmal nicht, wie wir über die Runden kommen sollen." Gut 2000 Euro Kindergeld, das klingt nach viel. "Aber wenn alle zwei Jahre ein Kind den Führerschein macht, jedes ein Instrument spielt, man über 1000 Euro für Essen und fast noch mal so viel für Strom und Gas ausgibt, sind solche Beträge schnell relativ." Inzwischen arbeitet Hans-Peter, diplomierter Agraringenieur, "fach-fremd" als Integrationsfachkraft für Jugendliche.

"Zuversicht ist definitiv etwas, was ich von zu Hause mitbekommen habe", sagt Therese, die es nervt, wenn die Leute beim Thema Großfamilie reflexartig an Verzicht denken: "Für mich ist es das Gegenteil." Schöner, freier, reicher könne Kindheit nicht sein, bestätigt Paula. "Zwischen einen Tick zu gechillt und einen Tick zu getrieben treffen wir uns, mein Mann und ich", lächelt Andrea.

Der Halt

Der elterliche Hof ist für die Leinthaler-Kinder wie ein sicherer Bienenstock. "Wir schwärmen aus und kommen wieder zurück", sagt Therese, die als Au-pair in Washington war und jetzt in Augsburg studiert. Oft steigt sie freitags nach der Vorlesung ins Auto und fährt los. So wie Ida, die in Ulm lebt. Oder Jakob, der mit Freundin und Kind aus Freilassing anrückt. Zusammen am langen Holztisch in der Küche zu sitzen, das ist herrlich normal – und gleichzeitig sehr besonders. Denn diese unbedingte Unterstützung, die gibt es nur hier.

Letztes Jahr wurde Thea ungeplant schwanger. "Nicht jeder muss Kinder haben, und schon gar nicht so früh" – zunächst sei es ihr wichtig gewesen, der Tochter das mitzugeben, sagt Andrea. Irgendwann aber war klar: Thea hatte sich längst entschieden. "Wir haben das Kinderkriegen wohl vergleichsweise unkompliziert vorgelebt", meint Andrea.

Alle Kinder ab Nummer vier hat sie zu Hause bekommen: "Immer mal wieder kam jemand ins Bad, um zu sehen, wie es läuft." Ihr sei noch sehr präsent gewesen, wie sie vier Jahre zuvor den kleinen Fridolin getragen und ihm die Stoffwindeln gewechselt habe, sagt Thea. "Auch deswegen hat mich die Schwangerschaft wohl nicht so geschockt." Nur wenige Wochen um die Geburt herum ist sie nicht zur Schule gegangen. Ihre Schwester Paula, seit einem Schulwechsel in derselben Klasse, hat sie mit Unterrichtsmaterialien versorgt. Und jetzt? "Schaukele ich eben ein Kind auf dem Rücken, während ich Hausaufgaben mache."

Theo ist der Sonnenschein der Familie. Noch vor einem guten Jahr hat Andrea voller Sehnsucht gedacht: "Bald hab ich wieder Zeit für einen Ausritt." Jetzt betreut sie ihren Enkel, wenn Thea in der Schule ist. "Es gibt doch nichts Schöneres als ein Baby im Haus", sagt sie. Eines, das jeder mal wickelt, füttert, hält. Eines, das einfach noch gefehlt hat.

Kinderreiche Familien

In etwa 947000 Haushalten in Deutschland wachsen drei oder mehr minderjährige Kinder auf, das sind fast zwölf Prozent aller Familien. In nur knapp einem Prozent der Familien leben fünf oder mehr minderjährige Kinder. Bereits im frühen 20. Jahrhundert ging der Anteil an kinderreichen Familien in Deutschland deutlich zurück, seit Einführung der Pille in den 1960ern dann noch mehr. In Ostdeutschland ist die Zahl kinderreicher Familien deutlich kleiner als im Westen.

Dieser Artikel ist zuerst erschienen bei BRIGITTE.de.

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