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Die neue Vaterrolle "Manche Väter wollen für das Vatersein gelobt werden"

Neue Vaterrolle:  Autor Julian Witzel spricht über die großen Veränderungen des Vaterseins
Neue Vaterrolle:  Autor Julian Witzel spricht über die großen Veränderungen des Vaterseins.
© Ben Klöden / PR
Der Vater von heute kann auch zu Hause arbeiten. Nicht nur das verändert seine Rolle massiv – womit nicht alle zurechtkommen, wie Autor Julian Witzel im Interview verrät.

Der Vater, der morgens um 7 Uhr das Haus verlässt und abends um 8 Uhr nach Hause kommt, ist eher eine Figur aus den 80er Jahren des letzten Jahrhunderts. Gerade in der heutigen Zeit, in der Home-Office für viele Menschen eine Selbstverständlich- oder auch Notwendigkeit wurde, hat sich die Rolle des Vaters enorm gewandelt. Für manche Väter sind diese teils massiven Veränderungen ein Segen, für andere der blanke Horror, weil sie sich zuvor nicht wirklich mit ihrem Verständnis des Vaterseins auseinandergesetzt haben - oder sich nicht damit auseinandersetzen mussten. In seinem Buch "Junge weiße Männer - Was ich als Mann zur neuen Männlichkeit zu sagen habe. Gender-Storys eines Millenial-Hetero-Mannes in woken Zeiten", das am 17. Mai 2022 erscheint, stellt Autor Julian Witzel sich und allen Männern die Frage: Was macht einen guten, modernen jungen Mann aus? Welche Auswirkungen die Anforderungen an den Mann – und Vater – von heute haben, erzählt Witzel im Interview.

ELTERN: Herr Witzel, wie sieht die moderne Vaterrolle aus?

Julian Witzel: Für mich ist das ein sehr aktuelles Thema, weil ich einen Sohn habe, der eineinhalb Jahre alt ist und ich bald ein weiteres Kind bekomme, eine Tochter. Was ich in meinem Buch beobachte und was ja gar nicht von der Hand zu weisen ist, ist, dass sich die Rolle des Vaters verändert hat und damit auch die Anforderungen, die an ihn gestellt werden. Einmal geht es darum, dass der Vater von heute stärker involviert in die Erziehung ist, beispielsweise durch das Zurückstecken karrieretechnischer Wünsche. Das führt dann automatisch dazu, dass anderen in der Erziehung beteiligten Menschen, beispielsweise der Mutter, mehr Freiräume eingeräumt werden. 

Wieso sollte nicht von allen an der Erziehung beteiligten Personen weiterhin auf Augenhöhe verhandelt werden, wer beispielsweise die berufliche Selbstverwirklichung angehen kann?

Und dann ist es ja auch so, dass es viele Männer gibt, die eine lange Zeit unter der alten Vaterrolle – der Rolle des arbeitenden und abwesenden Vaters, den sie vielleicht auch selbst in ihrer Kindheit so kannten – gelitten haben. Für die ist es ja eine gute Nachricht, dass es Teil eines neuen Männlichkeitsverständnisses ist, dass es gesellschaftlich nicht unbedingt als Schwäche betrachtet wird, weniger zu arbeiten. Oder dass im Home-Office beides kombiniert werden kann, dass ich nämlich nicht morgens um 8 Uhr das Haus verlasse und abends um 11 Uhr mit einem Aktenkoffer zurückkomme, sondern zu Hause bin und arbeite. Das ist definitiv eine Veränderung und das ist auch gut so und es kann auch nicht mehr anders sein. Ich bin manchmal ganz entsetzt, dass es immer noch Menschen gibt, die glauben bzw. sich wünschen, dass sich diese Entwicklung zurückdreht und frage mich dann: Wieso sollte nicht von allen an der Erziehung beteiligten Personen weiterhin auf Augenhöhe verhandelt werden, wer beispielsweise die berufliche Selbstverwirklichung angehen kann?

Nehmen denn alle Menschen, insbesondere Väter, diese Entwicklung so freudig auf?

Es gibt Menschen in meinem Umfeld, die tatsächlich gar nicht damit klarkommen, in diese neue Rolle – auch von der Gesellschaft – geschoben zu werden. Die waren einfach wahnsinnig überfordert von vielen Aspekten. Das hat dann teilweise einen sehr bösen Ausgang genommen, mit Scheidungen, Zerwürfnissen und psychischen Problemen. Hier setzt meine Grundthese im Buch an.

Welche wäre das?

Dass der Mann über das Mannsein reflektieren muss. Er sollte sich nicht nur immer darüber beschweren, dass man von ihm in Bereichen wie Erziehung, sozialem Verhalten und Hobbys Dinge fordert, sondern sich in einen Reflexionsprozess begeben. Er muss ein Verständnis dafür entwickeln, wie er für sich selbst das Mannsein definiert. Das passiert allerdings nicht, Sie müssen nur Männer in ihrem Umfeld fragen, wie sie sich selbst als Mann beschreiben würden. Da werden Sie oft hören: "Keine Ahnung, da habe ich noch nie drüber nachgedacht."

Und das zeigt sich dann auch in der Vaterrolle?

Ja, diese Männer haben sich gar nicht richtig bewusst auf das eingelassen, was die Gesellschaft gerade als Vaterrolle entworfen hat, nämlich die des Vaters, der involviert ist. Im Idealfall wären solche Dinge, wie sie meinem Freund passiert sind, dann vielleicht nicht passiert, wenn man sich vorher überlegt hätte: Wo stehe ich überhaupt? Begreife ich, was ich hier mache? Oder mache ich es einfach nur, weil die Gesellschaft das von mir möchte?

Wie ist es bei Ihnen zu Hause?

Wir haben zusammen ein Modell gefunden, das noch etwas klassisch daherkommt, nach dem ich aktuell noch mehr arbeite als meine Frau, aber das war eine gemeinsame Entscheidung, die sich aus verschiedenen Komponenten zusammensetzt. Und ich sage immer, sobald es irgendwo eine Verschiebung der Prioritäten gibt, bin ich sofort bereit, beruflich alles so einzurichten, dass ich die Hauptperson in der Betreuung sein kann und das mache ich aus Überzeugung.

Die grundsätzliche Frage, wer denn nun die Person ist, die arbeiten geht, die ist bei uns nicht vorgegeben durch das Geschlecht.

Ich könnte es intellektuell überhaupt nicht verargumentieren, warum ich mich dagegenstellen würde, wenn meine Frau sagen würde: "Weißt du was, ich habe mir überlegt, ich möchte den Job annehmen. Das würde bedeuten, dass ich mehr arbeiten müsste als du. Können wir das machen?" Und natürlich geht es in solchen Dingen auch um wirtschaftliche Fragen, um Prioritäten und viele andere Aspekte. Aber die grundsätzliche Frage, wer denn nun die Person ist, die arbeiten geht, die ist bei uns nicht vorgegeben durch das Geschlecht. Durch das Homeoffice kann ich nun viel mehr Zeit zu Hause verbringen und das tut mir und meiner Familie wahnsinnig gut, dass ich eben nicht mehr der abwesende Vater bin, der morgens verschwindet und abends wiederkommt. So war es bei meinem eigenen Vater, ein klassischer "80er Jahre Business Dad". Ich arbeite zwar mehr in unserer Konstellation, aber eben die ganze Zeit zu Hause, was mir wahnsinnig viel Spaß macht.

Allerdings ist das nicht für jeden Vater die Realität, schließlich kommt die Kinderbetreuung on top zu den zu leistenden Arbeitsstunden.

Ja, es ist sicherlich fordernd und mit zwei Kindern wird es höchstwahrscheinlich noch viel fordernder, aber ich kann nur für mich persönlich sprechen. Ich bin wahnsinnig dankbar, dass es sich für uns so ergeben hat und dass ich eben keine Elternzeit nehmen musste, über die man ja oft sagt, in dieser Zeit würden Väter ihre Kinder überhaupt erst kennenlernen. Das klang für mich immer schon sehr gruselig und das bleibt bei uns aus, weil wir uns jeden Morgen sehen und mittags gehen wir spazieren und abends, wenn ich den Rechner zuklappe, ist sofort mein Kind dran. Für mich hatte das wirklich nur Vorteile, aber natürlich möchte ich hier auch keine Schwarz-Weiß-Malerei betreiben. Natürlich muss man das ernst nehmen, wenn es einem Vater zu viel wird und vor allem muss man darüber reden. Es gilt dann, gemeinsam eine Lösung zu finden, denn man kann nicht dauerhaft mit einem Fuß am Wickeltisch stehen und mit dem anderen am Schreibtisch. 

In Ihrem Buch erwähnen Sie auch Männer, die auf Instagram Applaus dafür einfordern, wenn sie Fischstäbchen in die Pfanne werfen. Begegnen Ihnen solche Väter auch im echten Leben? Wie gehen Sie mit denen um?

Also man weiß natürlich nie, was dahintersteckt. Vielleicht sind das auch alles ganz aufrichtige und nette Jungs, die solche Fotos posten. Aber ich beobachte trotzdem diesen Trend, dass Männer genau das tun, was gesellschaftlich gerade für sie entworfen wird und diese Vaterrolle ganz exzessiv ausüben – aber eben auch nur, weil sie dafür gelobt werden wollen. Das ist natürlich eine Verfehlung des Grundgedankens, denn darum geht es doch gar nicht. Wir machen die Dinge doch nicht, weil andere Menschen das gerne sehen. Wir müssen sie tun. Wir Männer müssen sie tun, weil wir selbst dahinterstehen, weil wir es selbst fühlen, weil wir es verstanden haben.

Diese "Fischstäbchen-Moment"-Posts sind nicht die Lösung.

So ist es auch im ersten Absatz meines Buches zusammengefasst: Ich möchte die Dinge tun, weil ich sie selbst für richtig halte, nicht weil irgendjemand mich darum bittet, denn alles andere wäre auf sehr wackeligem Grund gebaut. Diese "Fischstäbchen-Moment"-Posts sind nicht die Lösung, in solchen Momenten sind wir noch nicht in der neuen Männlichkeit angekommen. Ich will nicht ausschließen, dass ich nicht irgendwann auch mal ein Fischstäbchen poste, aber ich habe es nicht vor. [lacht]

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ELTERN

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