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Dr. Mai Thi Nguyen-Kim Die Chemie des Elternseins

Dr. Mai Thi Nguyen-Kim: Dr. Mai Thi Nguyen-Kim
© Sven Simon / imago images
Dr. Mai Thi Nguyen-Kim, 34, ist Deutschlands coolste Aufklärerin: Egal ob Pandemie oder Künstliche Intelligenz – mit viel Witz und lockeren Sprüchen hilft sie ihrem Fernseh- und Youtube-Publikum, sperrige Wissenschaft zu verstehen. Mit uns sprach sie über die Faszination des Alltäglichen, langweilige Schulstunden und die Chemie des Elternseins

ELTERN: Mai Thi, in deinem ersten Leben warst du Weltmeisterin im Formationsstepptanz. Dann hast du eine andere Karriere eingeschlagen und bist Chemikerin geworden. Warum hast du dich so für die Wissenschaft begeistert?

Dr. Mai Thi Nguyen-KimDer Funke ist durch meinen Papa übergesprungen, der auch Chemiker ist. Mein Papa kann zum Beispiel super geil kochen. Und ich liebe das auch. Das ist wie im Labor: Warum wird die Soße dick? Warum macht man Zucker an Fleisch? Das hat mir mein Papa immer erklärt. Wir sind auch durch die Drogerie gelaufen und haben Inhaltsstoffe geschmökert und zum Beispiel überlegt, was die Spülung zur Spülung und das Shampoo zum Shampoo macht. Das sind alles lebensnahe Sachen. Darum war für mich Chemie immer Teil des Alltags.

Die Begeisterung kam also nicht in der Schule?

Nein. Und ich kann verstehen, wenn man in der Schule Chemie hatte und nie wieder etwas davon hören will. Ohne meinen Papa wäre ich auch nicht auf die Idee gekommen.

Was würdest den Lehrkräften gern zurufen?

Kinder und Jugendliche begeistern sich eher für Chemie, wenn ihnen klar wird, dass Chemie überall drinsteckt. Chemie ist total nützlich! Zum Beispiel, weil ich dann einen besseren Kuchen backe. Und sie hilft, die Welt besser zu verstehen, zum Beispiel den Anfang des Lebens. Und Chemie bedient die Neugier, die offenbar grundmenschlich ist, weil jedes fünfjährige Kind den ganzen Tag fragt: warum? Da hat die Wissenschaft ganz viele Antworten. Begeisterung ist der Schlüssel. Dann schleppen sich die Schüler auch durch ein paar Stunden Formeln-Lernen.

Sollte man Mädchen gezielter für Wissenschaft begeistern?

Man darf auch nicht übertreiben mit Sätzen wie: "Du als Mädchen kannst das auch!" Denn Mädchen sind ja nicht dumm. Die merken ja an der Formulierung, dass das anscheinend nicht "normal" ist. Ich bin ganz selbstverständlich als Wissenschaftlerin vor der Kamera und thematisiere das nicht groß. Ich versuche zu vermitteln, dass Wissenschaft einfach ein menschliches Interesse ist. Aber Repräsentation durch Frauen ist schon wichtig, darauf versuch ich auch zu achten, wenn ich Fachleute zu mir vor die Kamera einlade.

War das bei dir nie Thema?

Mein Vater hat meinen Bruder und mich gleich behandelt. Ich habe erst sehr spät den Alltagssexismus gemerkt. Doch genau das ist wahrscheinlich der springende Punkt. Als Kind habe ich nie gedacht: "Ich bin ein Mädchen, kann ich das?" Sondern es war immer klar: "Wieso sollte ich das nicht können?"

Die zweite Staffel deiner Wissenschaftsshow von "MaiThinkX" geht in diesen Tagen an den Start. Schon in der letzten Staffel war das Themenspektrum immens: von Meinungsfreiheit bis Übergewicht. Hast du eigentlich Lieblingsthemen?

Ich beschäftige mich gern mit Streitthemen. Mein Ziel ist es immer, eine Versachlichung in die Diskussion zu bringen. Am Anfang hatte ich Angst, dass Dinge wie Methodik – also was genau wurde in einer Studie gemacht? – zu trocken und langweilig sein könnten, auch wenn ich sie selbst super spannend finde. Jetzt traue ich meinem Publikum da viel mehr zu. Ich will nicht, dass man mir vertrauen muss, weil ich jetzt die weise Chemikerin bin, sondern weil ich darlegen kann, warum die Wissenschaft zu bestimmten Erkenntnissen kommt.

Seit zwei Jahren gibt es ein weiteres Thema in deinem Leben: Du bist Mutter. Hat sich deine Arbeit seither verändert?

Total. Das ist ja so eine leere Phrase, wenn man noch keine Kinder hat. Wenn man aber Kinder hat, merkt man: Es ist so wahr! Es ändert sich einfach alles!

Was genau ist jetzt anders?

Früher ist es mir schwergefallen, Nein zu sagen. Ich bin Freiberuflerin, und ich liebe meine Arbeit. Das ist einerseits ein totales Glück, es kann aber auch gefährlich sein. Man weiß nie, wo man anfängt und wo man aufhört.

Und jetzt sagst du häufiger Nein?

Seit meine Tochter da ist, fällt es mir plötzlich so leicht, statt eine Dienstreise zu machen lieber Zeit mit meinem Kind zu verbringen. Gerade in den ersten Jahren wächst das Kind auch einfach so schnell. Dieses Bewusstsein dafür, wie wertvoll diese Zeit ist, die ja auch nicht mehr zurückkommt, hilft mir sehr dabei, die Arbeit zu priorisieren.

Es kam anders, denn die letzten zwei Jahre waren für dich super erfolgreich. Hattest du trotzdem auch mal Sorge, die Mutterschaft könnte dich von der Überholspur kicken?

Ja, auf jeden Fall. Ich denke, das geht allen so, die arbeiten. Wenn dein Beruf dann noch damit zusammenhängt, mit deinem Gesicht vor der Kamera zu stehen, ist es klar, dass du da jetzt nicht ewig weg sein kannst.

Gut drei Monate hattest du Pause …

Im Nachhinein sage ich einerseits, ich hätte mir eine längere Pause nehmen sollen. Und sollte ich noch ein Kind bekommen, werde ich das bestimmt auch machen. Gleichzeitig konnte ich ja nicht mit Corona rechnen. Die wissenschaftlichen Zusammenhänge wurden oft missverstanden und ich hab mich schon ein wenig verantwortlich gefühlt. Nach einem Video konnte ich dann oft besser schlafen.

Hast du so einen inneren Auftrag gespürt, etwas zur Pandemiebekämpfung beizutragen?

Wir kennen doch alle dieses Gefühl der Machtlosigkeit. Da ist dieses Virus und alles, was man tun kann, ist so passiv. Zu Hause bleiben zum Beispiel. Und da hat mir die Arbeit geholfen, denn ich dachte: Ich kann meinen kleinen Teil dazu beitragen, indem ich Aufklärung beisteure. Und klar ist auch: Natürlich geht das nur, weil mein Mann die Elternzeit genommen hat.

Die Öffentlichkeit ist nicht unbedingt ein kuscheliger Ort. Du wirst auch viel angefeindet, zum Beispiel von Impfgegnern. Hattest du schon mal den Wunsch nach einem Rückzug ins Heimelige?

Total. Ich bin einfach froh, eine Familie zu haben. Das hilft mir sehr, mit dem ganzen Rummel umzugehen. Und diese Hasskommentare werden zum Glück sehr gut von meinem Team abgeblockt. Es tut mir sehr leid für alle, die sich daran abarbeiten, aber ich kriege ihre Kommentare einfach nicht mit. Auch das Positive ist irgendwann zu viel. Es ist nicht gesund, sich so viel mit sich selbst zu beschäftigen. Ich glaube, eine Familie und damit auch einen emotionalen Rückzugsort zu haben, ist da super wertvoll.

Bist du denn auch so eine Nerd-Mom und kennst alle Papers zu Entwicklungspsychologie und Erziehungswissenschaften?

Grundsätzlich schon. Natürlich habe ich mich viel damit befasst und komme daher eher zu dem Schluss, mir nicht so einen Kopf darum zu machen.

Tatsächlich? Was lässt dich so gelassen sein?

Stichwort Methodik: Vieles, was es an Wissenschaft darüber gibt, wie man sein Kind erziehen sollte, ist methodisch schwach, weil man zum Beispiel keine systematische Studie mit Test- und Kontrollgruppe machen kann. Darum lasse ich mich nicht so schnell beeindrucken von wissenschaftlichen Tipps oder Konzepten, wo drinsteht: So muss man es machen! Ich weiß einfach, dass es nicht so wissenschaftlich ist, wie es klingt. Mein Mann, der ja auch Chemiker ist, und ich, wir sind da eher entspannt.

Wer dir zuhört, denkt: Wahnsinn, die Mai Thi hat immer Ahnung. Aber Elternschaft ist oft so wenig eindeutig und birgt ganz viele Unsicherheiten. Wie gehst du damit um?

Dass ich so wirke, als hätte ich immer einen Plan, ist vielleicht meiner guten Strukturierung geschuldet, die Wissenschaft mitbringt, oder meiner Präsentationsart. Aber man kann nicht Wissenschaftlerin sein, ohne Unsicherheit aushalten zu können. Darum bin ich als Wissenschaftlerin vielleicht sogar geübter darin, mit diesen Unsicherheiten umzugehen. Und klar, beim Elternsein hat man oft überhaupt keinen Plan! Dann fragt man sich: Wie kann das sein, dass ich die Verantwortung für ein Leben haben darf?

Pandemie, Klimakrise – das erlebst du jetzt nicht nur als Wissenschaftlerin, sondern auch als Mutter. Wie blickst du in Zukunft?

Natürlich gucke ich auf die Klimakrise emotional noch mal anders. Aber da weiß ich, dass es theoretisch gute Tools gibt, um die anzugehen — wenn die Politik da endlich mal durchgreifen würde. Es gibt aber zwei Sachen, die mir Sorgen machen. Da ist einmal diese Informationskrise, die wir gerade haben. Selbst zu so etwas Spezifischem wie Virologie gibt es überall echte und falsche Experten. Wie erkennen wir da Wahrheit noch? Das zweite ist der Empathieverlust, den Social Media mit sich bringt. Diese zwei Dinge finde ich deshalb so schlimm, weil sie jede beliebige Krise um ein Vielfaches verstärken. Und anders als bei der Klimakrise bin ich hier ratlos, was man dagegen machen könnte.

Gelingt es dir denn, neben dieser erschütternden Sorge doch einen gewissen Optimismus zu haben?

Es ist ein Zwangsoptimismus. Die letzten Sätze in meinem Buch lauten: "Ich hoffe, dass es besser wird. Ich hoffe, dass meine Tochter irgendwann dieses Buch liest und mich fragt, warum wir damals eigentlich so seltsam waren." Ich hoffe einfach, dass wir später auf unsere Gegenwart gucken, wie wir jetzt aufs Mittelalter schauen. Und anstatt zu sagen: "Damals haben die ja Hexen verbrannt, waren die bescheuert …", dann zu sagen: "Damals haben die so viel Zeit verschwendet, mit Pseudo-Experten auf Twitter zu diskutieren, wie bescheuert!"

Mai Thi Nguyen-Kim

Dr. Mai Thi Nguyen-Kim: Buchcover
© PR

Mai Thi Nguyen-Kim ist promovierte Chemikerin mit Forschungsaufenthalten am Massachusetts Institute of Technologie (MIT) und der Harvard University. Im Jahr 2015 ging sie mit ihrem ersten Youtube-Kanal "The Secret Life of Scientists" an den Start. Seither bereitet Mai Thi ganz unterschiedliche wissenschaftliche Themen für ein breites Publikum auf, z. B. im Netz auf ihrem Kanal maiLab, im Fernsehen und als Buchautorin ("Die kleinste gemeinsame Wirklichkeit", Droemer Verlag, 20 Euro). Für ihre Arbeit als Wissensschaftsjournlistin erhielt sie 2020 das Bundesverdienstkreuz. Im selben Jahr kam ihre Tochter zur Welt.

Auf Sendung

"MaiThinkX" – unter diesem Titel ist Mai Thi jetzt wieder auf ZDFneo zu sehen. In ihrer Show erklärt sie auf humorvolle Art und mit prominenter Unterstützung wissenschaftliche Themen, die in unserer Gesellschaft durchaus kontrovers diskutiert werden. In der ersten Staffel ging es unter anderem um Bio-Landwirtschaft oder Zeitumstellung. Die zweite werde ein ähnlich spannendes Themenspektrum bieten, verspricht Mai Thi.

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