Trennung ohne Vorwarnung
 
Was in Männern vorgeht, die einfach so gehen

Liebe ist die Antwort auf alle Fragen? Nicht ganz. Sie stellt auch ziemlich viele. Psychologe und Paartherapeut Oskar Holzberg beantwortet sie alle.

Scheidung
iStock, fizkes
Artikelinhalt

Sie würden nicht gehen müssen, wenn sie so konfliktfähig wären, dass sie "vorwarnen" könnten. Natürlich gibt es darauf nicht die eine Antwort. Männer sind keine Eier, bei denen eins wie das andere sein soll. Wenn ein Mann ohne Warnung seine Partnerin verlässt, kann es sein, dass sie ihm im Grunde immer schon egal gewesen ist. Er hat nie wirklich in der Beziehung gelebt, da er gar keine Beziehungen leben kann. Ihm fehlen dafür Empathie und Mitgefühl. Doch waschechte Psychopathen sind glücklicherweise ziemlich selten.

Eine andere Möglichkeit wäre, dass der Mann jeden Konflikt so sehr fürchtet, dass er heimlich verschwindet. Weil er niemals den Mut hätte zu gehen, wenn seine Partnerin sich dem widersetzen würde. Oder weil er sich schon allein bei dem Gedanken, seiner Partnerin wehzutun, so extrem schuldig fühlt, dass er sich nur leise verdrücken kann. Sonst würden ihn seine Schuldgefühle einholen und unauflösbar festhalten.

Fehlender Respekt

Doch in den meisten Fällen bietet sich eine Erklärung an, die in der Dynamik von Beziehungen liegt. Nehmen wir an, Eva fühlt sich von Adam nicht respektiert. Sie ist verletzt und verärgert, und sie wirft Adam seinen fehlenden Respekt vor. Adam fühlt sich angegriffen. Nun wehrt er sich entweder vehement und wird ebenfalls wütend. Oder er verteidigt sich, zieht sich aber dabei schon innerlich betroffen zurück. Beide Reaktionen sind für Eva unbefriedigend. Deshalb wird sie ihr Anliegen noch einmal mit mehr Nachdruck vorbringen. Worauf Adam mit entweder noch mehr Wut oder noch mehr Rückzug reagiert. Und schon sind Eva und Adam in einem Kreislauf gefangen, der sich immer weiter selbst verstärkt.

Klar: So etwas kann auch zwischen Eva und Eva oder Adam und Adam passieren. Aber bei Beziehungen zwischen Eva und Adam ist es ein Muster, das in dieser typischen Weise oft leichter entsteht. Denn vielen Männern fällt der Umgang mit Gefühlen immer noch schwerer als Frauen, weil sie tendenziell immer noch ein wenig wie Gefühlstrottel erzogen werden. "Er spricht nicht darüber?" – "Er ist eben ein Junge!"



Werden dann erwachsene Männer auf ihre Gefühle angesprochen, bekommen sie im schlimmsten Fall "nicht mal mehr Atmen und Reden gleichzeitig hin", wie es eine irritierte Partnerin formulierte. Sie fühlen sich emotionalen Auseinandersetzungen nicht gewachsen. Sie ziehen verbal den Kürzeren und verkriechen sich in sich selbst, wofür sie sich gleich noch mehr Kritik einhandeln. Wenn es schlecht läuft, erscheint es ihnen irgendwann so, als würde es, egal was sie tun, ihrer Partnerin nie reichen. Sie fühlen sich ungenügend.

Falls sie dann jemanden treffen, von dem sie sich geschätzt fühlen, werden sie das natürlich auch verschweigen. Denn jetzt verhalten sie sich ja tat sächlich so falsch, wie sie sich schon die ganze Zeit fühlen. Sie bleiben sprachlos, und irgendwann sind sie ganz überraschend ausgezogen. Sie sind Gefangene ihres emotionalen Rückzugs, in den sie in der Beziehung geraten sind. Wertlosigkeitsgefühle hüllen sie ein wie eine unsichtbare Wolke.

Es scheint nur so, dass sie ohne Vorwarnung aus der Beziehung entschweben. Denn tatsächlich sind sie schon lange vorher verschwunden. Ihr Verstummen war die Vorwarnung, die nicht zu hören war.
singlePlayer