Familienleben
 
Einseitiger Verlust: Warum Mütter immer nur einen Handschuh verlieren

Ja, Kinder verlieren dauernd Handschuhe. Aber Mütter (und Väter) auch! Doch warum immer nur einen? Wieso ärgert uns das mehr, als wenn gleich beide weg sind? Und wie genau verliert man typischerweise EINEN Handschuh? Das haben wir uns von einer Handschuh-Expertin erklären lassen – und viel gelernt.

verlorener Handschuh im Schnee
iStock, al_1033

Er war wie ein guter Freund. Schokoladenbraun, anschmiegsam und immer für mich da. Na ja, genau genommen nur für meine rechte Hand. Denn er war mein rechter Handschuh – und jetzt ist er verschwunden. Das letzte Mal gesehen habe ich ihn gestern Morgen, als ich ins Auto stieg. Als die Heizung warm wurde, habe ich die Handschuhe ausgezogen. Und jetzt? Im Auto ist er nicht, auch nicht in meiner Tasche, im Mantel oder zu Hause. Sein Gegenstück immerhin habe ich im Fußraum gefunden. Aber das macht die Sache eher schlimmer. Denn ich spüre ganz deutlich, was er mir sagen will: „Wage es nicht, mich wegzuwerfen! Wenn Du das tust, taucht der andere wieder auf!“ Ich glaube ihm sofort.

"Handschuhverlieren hat immer mit Ablenkung zu tun“, sagt die Expertin

Dann kommt mir eine Idee: Die beiden sind schließlich von einer deutschen Traditionsfirma, die seit über 170 Jahren feine Handschuhe herstellt und inzwischen die halbe Welt damit versorgt. Vielleicht hat man dort ja doch ein Einsehen und verkauft mir einen einzelnen rechten Handschuh? Ingrid Gebele, Storemanagerin der Hamburger Niederlassung, bedauert. „Wir werden oft danach gefragt, aber das ist nicht möglich, weil unsere Handschuhe immer paarweise aus demselben Stück Leder genäht werden. Das Ersatz-Exemplar würde also nie wirklich passen.“ Sie versucht, mich damit zu trösten, dass ich mit meinem Verlust nicht allein bin: „Handschuhe werden generell ständig verloren, von Männern genauso wie von Frauen. Im Winter hören wir das hier im Laden bestimmt sechs Mal am Tag. Und meistens ist es nur einer – wie bei Ihnen“.
Gut, ich bin eine von vielen. Aber was machen wir alle falsch?! „Handschuhverlieren hat immer mit Ablenkung zu tun“, sagt Ingrid Gebele und zählt routiniert die typischen Situationen auf:

Beim Spaziergang: Man stopft beide Handschuhe in die Manteltasche. Irgendwann zieht man einen heraus, dabei fällt der zweite unbemerkt zu Boden. Durch irgendetwas abgelenkt bemerkt man den Verlust er viel zu spät …

Auf der Spielplatz-Bank: Man zieht einen Handschuh aus und legt ihn neben sich, etwa, um seinem Kind die Nase zu putzen oder das Handy zu zücken. Dann fällt das Kind von der Rutsche, man eilt hin und vergisst alles andere …

Im Auto: Man steigt ins Auto, zieht dort einen oder beide Handschuhe aus und legt sie auf den Schoß, denn man will sie ja gleich wieder anziehen. Beim Aussteigen ist das längst vergessen, so dass die Handschuhe unbemerkt neben dem Auto in den Schneematsch fallen …

Auf dem Markt: Auch hier zieht man mindestens einen Handschuh aus, um zu bezahlen. Meist hält man ihn dann in der anderen, behandschuhten Hand und fühlt nicht, wie er fällt. Jetzt noch schnell zum Käse-Stand …

Und was mache ich jetzt mit meinem Einzelhandschuh? Wegwerfen?

Wer sein Lieblingspaar länger als einen Winter behalten will, sollte es deshalb nie irgendwo hinlegen, sondern immer in die Tasche oder den Rucksack packen, mahnt die Fachfrau. Ein frommer Wunsch.
Aber was mache ich nun mit meinem Einzelhandschuh? Den kann ich doch nicht einfach wegwerfen? Frau Gebele: „Wenn Sie ihn behalten, wird er Sie immer an den Verlust erinnern. Beerdigen Sie ihn deshalb im Geiste. Ja, er hat Sie lange begleitet. Aber jetzt müssen Sie den Kopf freibekommen für etwas Neues.“
Seufzend gebe ich ihr Recht. Zum Glück hat sie mein Modell noch vorrätig, denn ich möchte, wie die meisten Handschuhverlierer, das gleiche Paar noch einmal haben. Ich bezahle leicht zähneknirschend und ziehe es gleich an. Zuhause werfe ich den rechten Einzelhandschuh – nein, nicht in den Müll, sondern ganz hinten in die Garderobenschublade. Man kann ja nie wissen: Vielleicht taucht der andere ja doch noch mal auf. Oder ich verliere den linken. Ich glaube, das hätte irgendwie auch was Schönes.