Wir digitalen Eltern
 
Früher ging’s doch auch ohne Handy – zwischen Erleichterung und latent schlechtem Gewissen

Mein erstes Kind kam in der Steinzeit zur Welt. Zumindest kommt es mir heute so vor. Wir hatten ja nichts: kein Instagram, kein WhatsApp, keinen Still-Tracker in der Hosentasche. Unvorstellbar fühlt sich das heute für mich an.

Eine Mutter sitzt mit ihrem Sohn auf dem Schoß auf einer Schaukel und macht ein Foto mit dem Handy
iStock, wundervisuals
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Denn mein Smartphone ist in meinem Mama-Alltag längst mein unverzichtbarer Begleiter. Ich nehme es bestimmt 1000-mal täglich in die Hand: um zu lesen, zu fotografieren, einzukaufen, Kinderarzttermine zu machen, mich mit meinen Freundinnen auszutauschen. Es ist mein Wecker, mein Kalender, mein Adressbuch, meine Einkaufsliste – und mein mobiles Kleinkind-Unterhaltungs-Programm. Wird mein dreijähriger Sohn an der Straßenbahnhaltestelle quengelig, gucken wir darauf gemeinsam Bilderbücher an oder sortieren Bauernhoftiere in den für sie vorgesehenen Stall. Dafür haben wir schon so manches Mal verächtliche Blicke und Kommentare eingefangen: Typisch, diese Smartphone-Mamis von heute. Früher ging’s doch auch ohne Handy.

Als Mutter, die zwei Kinder vor und zwei Kinder nach Beginn der Smartphone-Ära bekommen hat, kann ich dazu nur sagen: Klar haben wir das Leben mit kleinen Kindern auch ohne Handy hinbekommen. Manches war damals sicher auch einfacher. Und trotzdem bin ich so froh darum, wie mir das Telefon in meiner Hosentasche heute mein Leben erleichtert! Ich erinnere mich nämlich noch, wie es vorher war: an die Langeweile oder die endlosen To-do-Listen, die neben aller Freude und aller Liebe für meine Kinder immer auch Teil meines Alltags waren. Mutter kleiner Kinder zu sein bedeutete bis vor wenigen Jahren schließlich, einen Großteil des Tages kaum mit anderen erwachsenen Menschen Kontakt zu haben.

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Waren wir nicht gerade in der Krabbelgruppe oder beim PEKiP, hockten wir mit unseren Babys oft allein in unseren Drei-Zimmer-Wohnungen, gefangen im immergleichen Kreislauf aus Stillen, Schuckeln und Schlafen. Heute ist das anders, schließlich sind all meine Mama-Freundinnen nur eine Nachricht entfernt. Während wir unsere Babys versorgen, schicken wir uns Bilder und aufmunternde Grüße hin und her, tauschen uns aus und sind uns nah – allein das ist schon Gold wert.

Dazu kommt die Unterhaltung, die mein Smartphone mir ermöglicht: Ist meine jüngste Tochter mal wieder auf mir eingeschlafen, kann ich Podcasts hören, Videos gucken, Blog-Artikel lesen – und all das, ohne mich auch nur einen Millimeter von dort wegzubewegen, wo ich gerade bin. Und schließlich: Die ganz konkrete Entlastung im Familienalltag.

„Ein Klick, und 30 Minuten später klingelt der Pizzabote"

Klar gehe ich mit meinen Kindern gern mal in den Supermarkt, lasse sie winzige Einkaufswagen schieben und stolz eine eigene Brezel kaufen. Doch den Großeinkauf erledigen wir per App und lassen die Einkäufe liefern, was nicht nur Zeit, sondern auch Nerven spart. Und wenn ich besonders erschöpft bin, gibt’s sogar das Abendessen per Knopfdruck: Ein Klick, und 30 Minuten später klingelt der Pizzabote.

Wie ungefähr jede Mutter, die ich kenne, habe ich bei aller Erleichterung trotzdem ein latent schlechtes Gewissen, weil ich so oft mein Handy in der Hand halte. Schließlich will ich ja eine liebevolle, aufmerksame, präsente Mama sein, die die kostbare Baby- und Kleinkindzeit ganz bewusst genießt. So wie all die achtsamen Familien auf Instagram eben, da haben die Mütter auf den Fotos auch nie das Handy in der Hand.

Eine Mutter hockt vor dem Küchentisch und telefoniert, ihr Sohn manscht mit seinem Essen
iStock, filadendron

Der Vergleichsdruck hat zugenommen, seit wir Eltern ständig online sind, das merke ich ganz deutlich. Habe ich mich früher vor allem über die besten Stillpositionen und die frustrierende Suche nach guter Kinderbetreuung ausgetauscht, begegnet mir in den sozialen Netzwerken heute vor allem eine Bilderflut: wunderschöne Schwangerenbäuche, in weiche Decken gehüllte Neugeborene, glückliche Babys in teuren Tragehilfen. Die Grenze zwischen Zeigen und Werben verschwimmen immer mehr, für viele Insta-Moms ist Product Placement auf Kinderbildern zu einem lukrativen Geschäft geworden – wer das eigene Familienleben als authentische Mama-Marke aufbaut, kann mit einer einzigen Kooperation leicht vierstellige Summen verdienen. Und auch, wer nichts verkaufen will, zeigt sich im Netz meist im besten Licht, teilt vor allem die ästhetisch ansprechenden Glücksmomente, denn die geben die meisten Likes.

„Dann bestimmt das Handy unseren Alltag"

Und obwohl wir digitalen Eltern dieses Spiel nicht nur durchschauen, sondern auch selbst mitspielen, hat der ständige Blick in das scheinbar perfekte Leben der anderen Einfluss darauf, wie wir uns selbst, unsere Kinder und unser Leben wahrnehmen. Das eigene chaotische Schlafzimmer wirkt umso schwerer erträglich, je mehr scheinbar zufällige Einblicke wir in die stylischen Wohnungen anderer bekommen. Der bunte Klamottenmix in unserem Kleiderschrank fühlt sich plötzlich schäbig an angesichts der Bilder glücklich spielender Kinder in abgestimmten Pastelltönen des neuen Berliner Öko-Start-ups.

Unsicherheit und Scham, Schuldgefühle und das permanente Gefühl, nicht gut genug zu sein – das ist die andere Seite des Elternseins in Zeiten von Smartphones und sozialer Netzwerke. Dass uns das nicht guttut, spüren wir meist selber. Uns davor zu schützen fällt uns trotzdem ungeheuer schwer. Unaufhörlich aktualisieren wir unsere Timelines, gucken Story um Story und können uns kaum losreißen vom Leben der anderen – manchmal selbst dann, wenn direkt vor uns ein Kind unsere Aufmerksamkeit sucht. Smartphones können uns nicht nur das Leben etwas erleichtern, sie können auch süchtig machen. Dann hilft uns unser Handy nicht mehr, selbstbestimmt unseren Alltag zu leben – es bestimmt unseren Alltag. Und das ist ein Problem. An besonders anstrengenden Tagen ertappe ich mich manchmal selbst dabei, nahezu sekündlich nach dem Telefon in meiner Hosentasche zu tasten, rastlos meinen Twitter-Feed zu aktualisieren, meine Augen fest auf den kleinen Bildschirm in meiner Hand gerichtet, während die Kinder am Horizont verschwimmen.

Eine Mutter stillt ihr Baby und spielt dabei mit dem Handy
iStock, playb

Ein Alarmsignal. Jetzt ist etwas aus dem Lot. Der Stress wächst mir über den Kopf, und in meinem Handy verliere ich mich aus einem diffusen Fluchtimpuls heraus. Spätestens dann wird es Zeit, gegenzusteuern. Alle Benachrichtigungen auf lautlos stellen, Handy in die Schublade packen. Die Augen schließen, atmen, die Augen wieder aufmachen. Und mich an das erinnern, was ich von meinen klugen Mit-Müttern im Internet gelernt habe: Kinder brauchen keine perfekten Eltern, und ob ihr Zimmer instagramable ist, ist ihnen piepegal. Was sie brauchen, ist ein aufmerksames Gegenüber im Hier und Jetzt. Eine Mama, der es gut geht. Mit ihnen. Wo sie ist.

Also übe ich mich in Balance: Habe mein Handy zwar fast immer bei mir, aber im „Bitte nicht stören“-Modus. Trage wieder eine Armbanduhr. Und ziehe mein Smartphone beim Stillen erst dann aus der Tasche, wenn meinem Baby ohnehin die Augen zufallen. Von einem bildschirmfreien Alltag, wie er vor vielen Jahren nach der Geburt meines ersten Kindes mein Ideal war, sind wir trotzdem meilenweit entfernt. Kann sich das überhaupt noch jemand vorstellen? Kein Fernsehen für Kinder unter drei? So lautete damals die offizielle Empfehlung, und weil ich eine gute Mutter sein wollte, versuchte ich streng, mich daran zu halten. Zehn Jahre später wusste mein kleiner Sohn schon mit anderthalb, wie man Fotos mit den Fingern vergrößert und wo es auf Papas Handy zu den Maus-Clips geht. Heute ist er drei und navigiert selbstbewusst durch seinen eigenen Netflix-Account.

„Und stimmt es eigentlich wirklich, dass von frühkindlichem Medienkonsum das Gehirn schrumpft?"

Eine Mutter sitzt auf dem Boden und öffnet eine App, ihr Kleinkind krabbelt auf sie zu
iStock, NoSystem images

Ist das gut? Ist das schlecht? Es ist vor allem: anders. Babys und Kleinkinder wachsen heute in einer Welt auf, in der Smartphones allgegenwärtig und Eltern immer online sind. Das ist nicht per se schlimm, hat aber natürlich Folgen. Auch für die Medienerziehung. Die ist nämlich viel komplizierter geworden: Mussten unsere eigenen Eltern uns höchstens ermahnen, nach der Sesamstraße den roten Aus-Knopf zu drücken und nicht die teure Telefonnummer bei „Wetten, dass..?“ zu wählen, stehen wir mit unseren Kindern vor der Herausforderung, irgendwie die permanente Verfügbarkeit einer unerschöpflichen Auswahl von Kindersendungen und -apps zu handeln, die kein natürliches Ende kennt. Wo nach einer Folge der Lieblingssendung sofort die nächste anspringt, ist Abschalten schwieriger geworden. Setzen wir dabei auf feste Regeln, oder entscheiden wir je nach Situation? Darf unser Kind selbst entscheiden, wann Schluss ist, oder ist das unsere Verantwortung? Und stimmt es eigentlich wirklich, dass von frühkindlichem Medienkonsum das Gehirn schrumpft?

Wie groß die Angst vor den kleinen Bildschirmen ist, erlebe ich im Alltag immer wieder: Die nettesten Eltern können nämlich ganz schön ungemütlich werden, sobald ihr Kind ihrer Ansicht nach zu viel Zeit im Internet verbringt. Da werden Tablets weggesperrt, WLAN-Passwörter geändert, radikale Verbote verhängt – alles aus Sorge natürlich. Hat nicht neulich ein Hirnforscher im Fernsehen gesagt, moderne Spiele-Apps wirkten wie Heroin?

Angesichts solcher Schreckensszenarien ist es kein Wunder, dass Kontroll-Technologien zur punktgenauen Überwachung des kindlichen Medienkonsums boomen. Dann schaltet sich das Handy nach 20 Minuten ohne Diskussion einfach von allein aus, das Tablet schickt über jede Aktivität eine Meldung ans elterliche Smartphone, und selbst Chatverläufe und Suchhistorien auf Kinderhandys können über das Master-Passwort auf einem anderen Gerät mitgelesen und nachverfolgt werden. Klingt genial einfach – hat aber einen Haken: So überwacht zu werden, vermittelt Kindern schnell das Gefühl, Mama und Papa würden ihnen nicht vertrauen. Wofür bräuchten sie sonst all die Technik?

„Wir lassen unsere Kinder mit der Mediennutzung nicht allein"

Mit unseren Kindern setzen wir deshalb auf einen anderen Weg: Sie dürfen weitgehend selbst entscheiden, wie lange sie welche Medien nutzen wollen – aber wir lassen sie dabei nicht allein, sondern begleiten sie. Das kann durchaus auch mal bedeuten, dass wir einen ganzen Nachmittag lang mit unserem dreijährigen Sohn die Maus-App erkunden. Wir würden ihn sich aber nicht allein von einem YouTube-Video zum nächsten klicken lassen. Haben wir das Gefühl, dass unsere Kinder zu viel am Handy hängen, sprechen wir mit ihnen darüber. Bereitet uns ihr Minecraft-Konsum Sorgen, suchen wir gemeinsam nach einer Lösung. Und lässt sich unser Kleiner von seiner Lieblingsserie kaum noch loseisen, drücken wir nicht einfach auf den Aus-Knopf, sondern setzen uns dazu, reden mit ihm über das spannende Geschehen da auf dem Bildschirm und locken ihn dann behutsam aus der Serienwelt zurück in unsere Wirklichkeit: „Komm, wir gehen die Kaninchen füttern!“

Vertrauen statt Angst – das ist unser Medien-Motto. Ja, manchmal sitzen unsere Kinder länger vorm Bildschirm, als es für ihr Alter empfohlen wird. Und dann gibt es wieder Tage, da bleiben alle Geräte aus: weil das Wetter so gut ist, das neue Laufrad so spannend und das gemeinsame Grillen im Garten so viel verlockender als jede App. Und beides ist okay.

Ein Kleinkind sitzt auf der Schaukel und lacht ausgelassen
iStock, SonerCdem

Mehrere aktuelle Untersuchungen aus den USA legen sowieso nahe, dass an den Unkenrufen von den furchtbaren Folgen der modernen Mediennutzung für die kindliche Entwicklung wenig dran ist. Die wichtigste stammt von Dylan B. Jackson von der Universität Texas (2018) und besagt: Es gibt zwar tatsächlich Hinweise darauf, dass intensiver Medienkonsum für Kleinkinder ungesund sein kann – doch das gilt vor allem in Kombination mit anderen problematischen Faktoren. Zugespitzt: Ein Kind, das ohne Gespräche, ohne Kuscheln, ohne Vorlesen, ohne Spielen und ohne Naturerfahrung quasi allein vor nicht kindgerechten Sendungen aufwächst, hat ein echtes Problem. Ein Kind hingegen, das in einem liebevollen, kommunikativen Elternhaus mit vielfältigen Sinneserfahrungen groß wird, also im Alltag jede Menge spielt und liest und singt und lacht und buddelt und backt und rennt, kann kaum so viel Bobo Siebenschläfer gucken, als dass ihm das schaden könnte.

Auf die Mischung kommt es an: Medienkonsum – auch relativ viel Medienkonsum an einzelnen Tagen – schadet Kindern nicht, wenn sie insgesamt ein von Spiel und Spaß erfülltes Leben haben. Problematisch wird es, wenn vor lauter Gucken und Wischen auf glatten Bildschirmoberflächen keine Zeit mehr zum Matschen, Toben und Dreckigmachen bleibt.
 
Das deckt sich mit meinen eigenen Erfahrungen: Klar wachsen meine Kinder mit modernen Medien auf, aber wir finden auch viel Zeit, um uns Geschichten und Geheimnisse zu erzählen. Wir gehen zusammen einkaufen oder zum Spielplatz und teilen uns eine Riesenpizza. Und egal, ob wir gerade zusammen Fernsehen schauen oder Plätzchen backen: Wir vertrauen einander und sind uns nah. „Und das ist es doch, was zählt.“ Sagt meine erste Tochter. Das Kind, das in der Steinzeit zur Welt kam. Sie ist mittlerweile 13 und hat längst ein eigenes Smartphone. Ohne Internet zu leben kann sie sich nicht vorstellen. Trotzdem liegt ihr Handy oft stundenlang unbeachtet in der Ecke. Es hat für sie weder den Reiz des Neuen noch des Verbotenen. Jederzeit ins Netz zu können ist für sie schlicht normal. „Mama, jetzt chill doch mal dein Leben“, sagt sie, wenn ich mich mal wieder sorge, ob wir in unserer Familie doch zu viel am Bildschirm hängen. „Es ist doch egal, wer wie oft aufs Handy guckt. Hauptsache, wir sind alle happy.“ Und wie zum Beweis schickt sie mir ein Selfie von sich und ihrer lachenden Baby-Schwester, umringt von bunten Herzen.