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ELTERN-Studie 2022 Wie können Menschen Krisenzeiten meistern, Frau Dr. Isabella Helmreich?

ELTERN-Studie 2022: Glückliche Familie
© Svitlana / Adobe Stock
Dr. Isabella Helmreich, Wissenschaftlerin am Leibniz-Institut für Resilienzforschung, über einen guten Umgang mit den Widrigkeiten des Lebens.

ELTERN: Frau Dr. Helmreich, ist die Spezies Mensch gut gegen Krisen gewappnet?

Dr. Isabella Helmreich: Das sind wir in jedem Fall. Aus der Forschung wissen wir, dass bis zu 85 Prozent der Personen, die potenziell traumatischen Lebensereignissen ausgesetzt waren, eine solche innere Stärke besitzen, um mit diesen Situationen gut umzugehen. Resilienz ist also nichts Seltenes, sondern, wie es die amerikanische Entwicklungspsychologin Ann Masten formuliert: "Ordinary Magic" – Magie des Alltags.

Was genau bedeutet Resilienz?

Der Begriff kommt eigentlich aus der Materialkunde. Ich vergleiche es gerne mit einem Schwamm: Den kann man zusammenpressen, auf den Boden schmeißen oder treten – er kehrt immer wieder in seine Form zurück. Resilienz heißt also, dass zwar Widrigkeiten auf uns eintreffen, wir aber aufgrund unserer Ressourcen unsere psychische Gesundheit wieder zurückgewinnen können.

Kommen wir schon resilient zur Welt?

Etwa 30 bis 50 Prozent sind genetische Veranlagung. Der kanadische Forscher Thomas Boyce spricht von Orchideen-Kindern und Löwenzahn-Kindern. Die Löwenzahn-Kinder sind genetisch ein bisschen robuster gegen Stress, die Orchideen-Kinder etwas sensibler. Wenn aber das soziale Umfeld gut auf die Kinder eingeht, können auch die Sensibleren sich zu ganz resilienten, kreativen Menschen entwickeln. Es ist also immer ein Zusammenspiel zwischen Genen und der Umwelt.

Die Hälfte der von uns befragten Eltern macht sich mehr Sorgen als noch vor zwei, drei Jahren – die andere Hälfte nicht. Warum reagieren wir Menschen so unterschiedlich auf Krisen?

Das hängt mit den Lernerfahrungen zusammen. Es gibt die sogenannte Stress-Impfung. Viele Studien konnten zeigen, dass Menschen, die gelernt haben, mit Widrigkeiten im Leben umzugehen, auch für die nächste Krise besser gerüstet sind.

Stärkt es Kinder also sogar, wenn sie mit Krisen aufwachsen, als wenn alles immer nur glatt läuft?

Wir wünschen uns alle eine ideale Welt, in der jeder lustig vor sich hinleben kann. Aber so ist das Leben einfach nicht. Nur wenn Kinder lernen, dass Widrigkeiten zum Leben dazugehören und dass Scheitern nichts Schlimmes ist, können sie auch lernen, mit den kritischen Ereignissen im Laufe des Lebens umzugehen. Und die werden kommen, weil sie immer Teil unseres Lebens sind – und weil wir sie brauchen, um uns weiterzuentwickeln. Oft sehen wir im Rückblick, dass es die schwierigen Situationen im Leben waren, in denen wir am meisten über uns und andere gelernt haben.

Was sind gute Strategien, um mit Krisen umzugehen?

Manchmal kann so eine kurzfristige Verdrängung ein sinnvoller Mechanismus sein. Aber auf lange Sicht ist das nicht gut für die psychische Gesundheit. Besser ist es, sich damit auseinanderzusetzen. Man kann sich Grübelzeiten einräumen, in denen man sich mit negativen Gedanken auseinandersetzt. Dann sollte man aber auch wieder den Blick auf das Positive richten. Es geht um die Balance: Das Leben ist nicht immer nur rosarot, aber eben auch nicht immer nur schwarz.

Wie können wir mit unseren Kindern Resilienz trainieren?

Emmy Werner, die Pionierin der Resilienz-Forschung, hat gezeigt: Kinder können sich unter den widrigsten Umständen resilient entwickeln, wenn sie mindestens eine Person haben, die an sie glaubt. Soziale Unterstützung ist also ein wichtiger Faktor. Auch wichtig zu verstehen: Resilienz ist kein Schutzschild, an dem alles abprallt. Es bedeutet, gut für sich selbst zu sorgen, auf sich und die eigenen Grenzen zu achten. Und Resilienz ist auch nicht nur etwas Individuelles. Es geht auch darum, dass die Gesellschaft uns gute Bedingungen zur Verfügung stellt, um Resilienz zu steigern.

Wie können Eltern jetzt resilient mit diesen Krisen umgehen?

Einerseits ist es sehr wichtig, sich zuzugestehen, dass es schwierige Phasen im Leben gibt und auch unangenehme und belastende Emotionen eine Daseinsberechtigung haben. Zugleich sollten wir aber auch im Rahmen der eigenen Möglichkeiten aktiv werden, zum Beispiel, indem wir Resilienzfaktoren bewusst anwenden und stärken. Wir können zwar nicht das Klima verändern oder den Krieg lösen, aber wir können unseren kleinen Teil dazu beitragen, die Welt ein wenig besser zu machen: Müll vermeiden, demonstrieren oder spenden zum Beispiel. Statt sich zu fragen, was das denn nützen soll, ist es viel hilfreicher, sich klarzumachen: Jeder Schritt oder jede Tat zählt – ganz im Sinne des afrikanischen Sprichworts: "Viele kleine Leute an vielen kleinen Orten, die viele kleine Schritte tun, können das Gesicht der Welt verändern."

ELTERN

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