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Ab dem zweiten wird’s entspannter Was ich gerne schon beim ersten Kind gewusst hätte

Entspannter ab dem zweiten Kind: Mutter mit ihren zwei Kindern
© Anna Kraynova / Shutterstock
ELTERN-Autorin Nora Imlau ist Mama von vier Kindern zwischen 1 und 14 – und würde manchmal gern in einer Zeitmaschine zurückreisen, um ihrem jüngeren Ich zu sagen: Alles wird gut!

Als ich mit 23 zum ersten Mal Mutter wurde, war ich eine Baby-Perfektionistin. Schließlich hatte ich gerade das tollste Kind der Welt bekommen. Da konnte ich mir doch keine Fehler erlauben? So kam es, dass ich mit meinem Baby zwar sehr glücklich war. Aber oft auch sehr gestresst. Ich wünschte wirklich, ich hätte damals schon ein paar Dinge gewusst, die ich dann später mit Baby Nummer 2, 3 und 4 gelernt habe.

Zum Beispiel:

Stillen ist anfangs ein Vollzeitjob

Während meiner Schwangerschaft hatte ich mir ums Thema Stillen wenig Gedanken gemacht. Ich ging davon aus, dass es vor allem unheimlich praktisch sein würde: Kind hungrig, Brust raus, Problem gelöst. Umso überwältigter war ich, als sich in den ersten Lebenswochen meiner Tochter nahezu alles ums Stillen drehte. Erst musste ich die richtige Anlegetechnik rauskriegen, dann fiese Schmerzen in den Griff bekommen, dann die Sache mit dem Stillen im Liegen lernen – und während ich das alles tat, hatte mein Baby immer schon wieder Hunger und wollte schon wieder an die Brust, obwohl ich doch wirklich gerade erst schon gestillt hatte. Stunde um Stunde saß ich wie auf dem Sofa festgeklebt und konnte nichts anderes tun, als mich dem Milchhunger meines Babys hinzugeben. So ungeduldig mich diese ständige Stillerei bei meinem ersten Kind machte, so genoss ich diese Phase bei meinen weiteren Kindern. Denn ich wusste: Sie ist nicht lang, diese Zeit, die man gefühlt mit Baby an der Brust auf dem Sofa oder im Bett lebt und nichts anderes tun muss, als dieses scheinbare Nichtstun auszuhalten. Und von der Action, die ich damals vermisst hatte, bekomme ich in den Jahren darauf auf jeden Fall genug!

Kaum ein Kind schläft wie im Film

Wie viele junge Mütter kannte ich Babys, bevor ich selbst eins hatte, vor allem aus dem Fernsehen. Dort bekamen die Protagonistinnen meiner Lieblingsserien immer ausnehmend schlaffreudigen Nachwuchs. Ob bei "Friends" oder "Grey’s Anatomy" – ein Baby ins Bett zu bringen war dort immer eine Sache von Sekunden. Hinlegen, Spieluhr an, rausgehen, schläft. Ungefähr so war das empfehlungsgerechte Vorgehen auch in der Broschüre beschrieben, die ich beim Kinderarzt bekommen hatte. Nur: Mein Baby schien die nicht gelesen zu haben. Versuchte ich nämlich, meine kleine Tochter müde, aber wach, sanft in ihr Bettchen zu legen und mich zu den Klängen der Spieluhr leise zu entfernen, schrie sie, als ginge es um ihr Leben. So lernte ich, dass zu meinen Aufgaben als Mutter auch eine gehörte, die ich bis dahin überhaupt nicht auf dem Schirm gehabt hatte: Einschlafbegleitung, also die Kunst, das eigene Kind mehrmals täglich irgendwie zum Einschlafen zu bewegen, ohne dabei selbst wahnsinnig zu werden. Mittlerweile habe ich grob überschlagen 22 265 Stunden damit zugebracht und mir dabei mehr als einmal gewünscht, bei uns ginge das auch mit der Spieluhr und dem Rausgehen. Doch meine Kinder zeigten mir sehr deutlich: Babys, die man einfach hinlegt, und dann schlafen sie ein, gibt es leider (fast) nur in Drehbüchern.

Eine Elternzeit ist kein Selbstverwirklichungsprojekt

Für meine erste Elternzeit hatte ich große Pläne. Ich stellte mir vor, wie ich neue Hobbys entdecken, ausgedehnte Reisen machen und vielleicht noch ein Buch schreiben würde. Wann hat man schon mal so viel Zeit? Dass so ein typisches erstes Jahr mit Kind nicht gerade ein Sabbatical ist, lernte ich dann auf die harte Tour: Weil ich noch im Studium Mutter geworden war, hatte ich mich selbstbewusst bereits in der Schwangerschaft zu meinen Abschlussprüfungen angemeldet – in der festen Überzeugung, so ein bisschen Examensvorbereitung würde ich mit Baby ja wohl hinbekommen. Es könnte ja neben meinem Schreibtisch in seiner Wiege liegen und dort spielen oder schlafen.

Als mein Kind dann da war, kam ich in der ersten Zeit natürlich nicht mal dazu, mir die Haare zu waschen oder die Spülmaschine auszuräumen. In seinem gesamten ersten Lebensjahr lag mein Baby nicht ein einziges Mal einfach da und spielte leise und friedlich vor sich hin. Meinen Uni-Abschluss habe ich schließlich trotzdem geschafft, dank freundlicher Menschen in meinem Umfeld, die mein Baby kurz vor den Prüfungen stundenlang im Tragetuch herumtrugen, damit ich lernen konnte. Ein Riesenstress war mein Examen im Babyjahr trotzdem, weshalb ich es definitiv nicht zur Nachahmung empfehle, sich für die Elternzeit irgendwelche Großprojekte von Hausbau bis Weltreise vorzunehmen. Und wenn man wirklich ein Baby bekommt, das unglaublich toll schläft und viel allein spielt? Dann darf man die Elternzeit auch einfach in Ruhe genießen.

Schreien lassen ist nicht schreien lassen

Ein Baby schreien zu lassen geht gar nicht. Da waren sich mein Bauchgefühl, meine Hebamme und die anderen Mütter im Internet einig. Zum Glück: Schließlich ist es noch gar nicht so lange her, dass Eltern von hochoffizieller Stelle geraten wurde, ihr weinendes Baby zu Erziehungszwecken zu ignorieren. Heute wissen wir: Das ist nicht nur gemein, sondern auch nicht gut für die Entwicklung. Babys brauchen Eltern, die auf sie reagieren, für ihr Urvertrauen und überhaupt. Aber was, wenn ein Baby weint und sich einfach nicht beruhigen lässt? Nach der Geburt meines zweiten Kindes hatte ich genau dieses Problem: Mein Baby schrie und schrie und schrie. Und ich konnte beim besten Willen nicht erkennen, was es wollen oder brauchen könnte. Wenn wir im Auto zur Rückbildung fuhren und das Kleine in seiner Babyschale die komplette Fahrt hindurch weinte, fürchtete ich, diese Erfahrung könne sein Urvertrauen zerstören. Schreien lassen soll doch so schädlich sein! Heute würde ich der jungen Mutter, die ich damals war, gern einen Zettel auf die Windschutzscheibe klemmen, auf dem steht: Schreien lassen ist nicht schreien lassen – dass du da bist, macht den Unterschied! Denn manche Babys weinen einfach mehr als andere. Das ist schwer auszuhalten, aber nicht schädlich oder schlimm. Wichtig ist nicht, dass das Weinen aufhört. Sondern dass unser Kleines dabei nicht dauerhaft allein ist.

Bloß nicht stressen mit dem Essen

Auf den Beikoststart meines ersten Kindes freute ich mich sehr. Alles war ganz genau durchchoreografiert: Ich würde eine liebevoll geputzte Bio-Möhre kochen und pürieren, meinem Baby ein sehr niedliches Lätzchen anziehen, und mein Mann würde fotografisch festhalten, wie es seinen ersten Löffel Karottenbrei genießt. Als meine Tochter ein halbes Jahr alt war, legten wir los. Also, wir versuchten es. Unser Baby jedoch presste die Lippen zusammen und wendete den Kopf zur Seite. Und als wir es schließlich doch schafften, ihm eine Löffelspitze Brei in den Mund zu schmuggeln, spuckte es ihn angewidert wieder aus. Überhaupt schien es von der Beikosteinführung nach Breifahrplan wenig Ahnung zu haben: Es wollte weder gematschte Banane noch Kartoffelbrei probieren, kein Apfelmus und keine Pastinake essen. Was es hingegen sehr gern wollte, war: gestillt werden. Mich machte das alles sehr nervös. Ringsum mümmelten die Babys bereits zwei bis drei Breimahlzeiten pro Tag, und mein Kind wollte einfach nicht essen. Den entscheidenden Tipp bekam ich schließlich von einer Bloggerin aus England, die auf ihrer Website die damals in Deutschland noch weitgehend unbekannte Idee beschrieb, man könne Babys auch einfach von Anfang an entspannt am Familientisch mitessen lassen. Fortan saß unsere Tochter bei unseren Mahlzeiten einfach im Hochstuhl mit dabei und mümmelte an Dinkelnudeln herum, nagte mit ihrem einen Zahn ein Brokkoliröschen herum und tunkte Kartoffelstückchen in Soße. Anfangs kam dabei nicht viel in ihrem Magen an, aber sie war glücklich – und ich war es auch. Später bekam ich dann ein Baby, das absoluter Brei-Fan war, eins, das seinen Beikoststart mit Wassermelone und Dinkelstange einläutete, und eins, das von seinen großen Geschwistern hingebungsvoll mit Hackbällchen gefüttert wurde. Heute teilen sie sich am liebsten alle vier eine große Familienpizza, und kein Mensch interessiert sich mehr dafür, welches von ihnen als Baby wann wie viel gegessen hat. Hauptsache, sie lassen mir ein Stück übrig!

Babykurse sind nicht für Babys da

Die Auswahl des richtigen Babykurses ist ja eine Wissenschaft für sich. Soll das Kleine möglichst früh zum Babyschwimmen? Beim PeKiP nackt pieselnd die Welt entdecken? Oder im Babymusikkurs hingebungsvoll Klanghölzer ablutschen? Nach unzähligen Jahren, die ich in solchen Runden verbracht habe, würde ich heute gern in der Zeit zurückreisen und meinem vierzehn Jahre jüngeren Ich sagen: Es ist völlig egal, für welchen Kurs du dich entscheidest. Hauptsache, die anderen Eltern sind nett! Meine Kinder sind durch ihre Babykurse weder besonders sportlich noch besonders musikalisch geworden. Aber ich habe ein paar wirklich gute Freundinnen gefunden! Und weil nette Mama-Freundinnen erstens Gold wert sind und zweitens häufig ungefähr zur gleichen Zeit wie man selbst noch ein Kind bekommen, hatte ich bei Baby Nummer 4 den Luxus, gar keinen Babykurs mehr besuchen zu müssen, sondern mich einfach direkt mit anderen Müttern und ihren Babys zum Kaffeetrinken und Quatschen verabreden zu können. Und zum Abschied mussten wir nicht einmal "Alle Leut, alle Leut geh’n jetzt nach Haus" singen. Kann es einen besseren Babykurs geben?

Yes we can

"Mutter zu sein war für mich eine Masterclass im Loslassen. Denn wie viel Mühe wir uns auch geben, vieles im Leben unserer Kinder liegt außerhalb unserer Kontrolle. Und, Himmel, habe ich mir Mühe gegeben – vor allem am Anfang. Als Mütter wollen wir einfach nicht, dass irgendwer oder irgendetwas unseren Babys wehtut. Doch das Leben hat andere Pläne. Aufgeschlagene Knie, Stolpersteine und gebrochene Herzen gehören dazu. Doch dabei die innere Widerstandskraft meiner Töchter zu sehen hat mich gleichermaßen demütig gemacht und ermutigt." – Michelle Obama

Gefühlsexplosion

Eine so humorvolle wie berührende Feel-Good-Serie für junge Eltern, in der das Baby tatsächlich auch nicht einfach einschläft und die Brustwarzen beim Stillen schmerzen, ist die australische Comedy-Show "The Letdown", die in Deutschland bei Netflix unter dem sprechenden Namen "Milcheinschuss" läuft. Besonders amüsant: die Eltern-Kind-Gruppe, in der natürlich alle anderen Babys durchschlafen. Also, angeblich.

Erinnerungen to go

Die Zeit mit kleinen Kindern verfliegt meist so schnell, dass die Fotos von ihnen einfach auf dem Handy bleiben – keine Zeit für Fotobücher und Co. Coole Alternative: ein datengeschütztes Online-Tagebuch zum unkomplizierten Hochladen und Teilen mit Freunden und Verwandten, das ruckzuck auch zum gedruckten Erinnerungsalbum werden kann.

9/ 2021 ELTERN

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