Glosse
 
Schöner scheitern beim Versuch, Geburtstags-Einladungen gerecht zu verteilen

Selbst emotionale Erpressung hält den jüngsten Sohn unserer Autorin Christiane Börger nicht davon ab, eine harte Entscheidung zu treffen.

Kinder sind gnadenlos, wer weiß das nicht. Gnadenlos dickköpfig, gnadenlos ehrlich, gnadenlos gnadenlos. Es ist diese offenbar entwicklungsbedingte Mischung aus Egoismus und fehlendem Mitgefühl, die man einfach für eine Weile aushalten muss, wenn man Kinder im Kindergarten-alter hat. Ich weiß das. Es bringt mich trotzdem immer wieder in Bedrängnis. Auch jetzt, wo der Dreijährige seinen bevorstehenden Geburtstag plant.
 
Es geht darum, wer kommen darf. „Carl, Finn und Momo“, zählt Franz auf. „Wie viele darf ich noch?“ Ich gestehe ihm einen vierten Gast zu. „Wer vier wird, darf vier Kinder einladen.“ Nicht ohne Hintergedanken schlage ich vor: „Vielleicht noch Leo?“ Leo ist ein netter Kerl, im Gegensatz zu den anderen drei Auserwählten haut, schubst und schreit er nicht ständig. Außerdem ist er der Sohn meiner zweitbesten Freundin. Franz muss nicht lange überlegen: „Leo lade ich auf keinen Fall ein, hab ich ihm schon gesagt. Der ist langweilig. Nie will er Ninja-Kämpfer spielen.“ Was ich eigentlich ganz sympathisch finde, ist für meinen Sohn anscheinend ein Ausschlusskriterium.

Schöner scheitern Geburtstagseinladungen
©Mieke Scheier

„Und was ist mit Martha“, frage ich, „die hat dich doch auch eingeladen?!“ „Ja“, gibt Franz zu, „aber das war ein Einhorn-Geburtstag!“ „Und?“, hake ich nach. „Da wollte ich sowieso nicht hin!“
Ich bin hin- und hergerissen. Sollten Kinder nicht selbst entscheiden dürfen, wen sie zum Geburtstag einladen? Sollten sie aber andererseits nicht auch ein paar Anstandsregeln lernen, ohne die ein soziales Miteinander schwer möglich ist – also jemanden einladen, der gerade nicht allerallerbester Freund ist?
 
Ich versuche es auf die Mitleids-Tour, man könnte es auch emotionale Erpressung nennen: „Da werden Leo und Martha sicher sehr traurig sein. Willst du das?“ Der Dreijährige kennt keine Gnade: „Ist mir egal!“ Und das ist es wirklich. Während ich noch überlege, wie ich den Müttern der ausgebooteten Kinder diese herzlose Entscheidung erkläre, hat Franz sie schon vergessen. Er hat Wichtigeres zu tun: Mithilfe seiner großen Brüder bastelt er fleißig an den Einladungskarten, ich muss Goldstifte organisieren. Die fertigen Karten sind, was soll ich sagen, mehr als nur Einladungskarten. Es sind Kunstwerke. Heiligtümer. Fast zu schade zum Verteilen. Vor der Übergabe dürfen sie mit im Bett übernachten.

In diesem Geist werden sie am nächsten Tag auch verteilt. Franz trägt seine Karten wie Pokale in die Kindergartengruppe. Ich komme mir ein bisschen wie bei Germany’s Next Topmodel vor: „Für dich habe ich heute leider keine Einladungskarte dabei!“ Ich sehe in glückliche Gesichter, enttäuschte Gesichter, wütende Gesichter. Ich möchte ihnen zurufen: „Das heißt noch gar nichts! Ihr schafft es trotzdem noch zum Best Buddy!“ Was für eine blöde Show. Ich steig’ aus.                    
Im nächsten Jahr soll die Jury sich jemand anderen suchen.