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Gelassen erziehen Pläne kommen später

Gelassen erziehen: Mutter sitzt am Computer und spricht mit kleiner Tochter
© Marina Andrejchenko / Adobe Stock
Früher dachte Nora: Eltern planen, wie sie es mit den Kindern machen wollen. Und dann machen sie es so. Vier Kinder später ist sie klüger – und nachsichtiger.

Wo soll das Kleine schlafen? Wann soll es was zu essen bekommen? Welche Umgangsformen soll es lernen, welche Klamotten soll es tragen, mit welchen Spielzeugen soll es spielen? Als ich noch keine Kinder hatte, dachte ich, dass gutes Elternsein vor allem darin besteht, in all diesen Fragen bewusste, gute Entscheidungen zu treffen. Ich stellte mir das wirklich so vor: Eltern planen, wie sie es mit ihren Kindern machen wollen. Und dann machen sie es so.

Meist kommt es immer anders als geplant

Heute, 16 Jahre später, schaue ich mich in meinem Leben um und stelle fest: Das Wenigste, was hier passiert, haben mein Mann und ich so geplant und beschlossen. Es hat sich vielmehr einfach so entwickelt: aus unserem Alltag und seinen Notwendigkeiten heraus, aus den Persönlichkeiten unserer Kinder, aus den immer neuen Versuchen, ihre und unsere Bedürfnisse irgendwie unter einen Hut zu bekommen.

Ich will ehrlich sein: Nicht alles davon finde ich prima. Handy-Videos zum Zähneputzen, Selbstbedienung am Eisfach an heißen Sommertagen und mehr als gewagte selbst zusammengestellte Outfits – all das hätte mein vormütterliches Ich natürlich mit Stirnrunzeln quittiert. Wenn man sowas nicht will, hätte es gesagt, fängt man damit einfach nicht an. Eltern machen doch schließlich die Regeln in einer Familie, oder?

Klar tun wir das. Aber eben nicht im luftleeren Raum. Unsere Kinder mit ihren ganz einzigartigen Persönlichkeiten prägen unsere Entscheidungen mit. Und manchmal auch schlicht: unsere Erschöpfung. Wer hundemüde ist, fährt sein Baby notfalls auch mal im Auto in den Schlaf. Und wer schon vier kräftezehrende Wutanfälle achtsam begleitet hat, entscheidet sich beim drohenden fünften einfach schneller dazu, doch ein Auge zuzudrücken und noch ein Extra-Eis zu erlauben.

Die unperfekten Ausnahmen schaffen die schönsten Erinnerungen 

Kein Problem und völlig normal, finde ich heute. Früher plagte mich oft ein schlechtes Gewissen, wenn ich von unserem perfekten Plan abrückte. Die große Schwester hatte dem Baby unbemerkt ein Stück von seiner Brezel angeboten? Hilfe, das böse Salz! Die Studienfreundin schenkte eine winkende, blinkende Schildkröte statt des gewünschten pädagogisch wertvollen Holzspielzeugs? Schwierig. Der Patenonkel lässt das noch nicht frei laufende Kleinkind an seinen Händen gehen? Um Himmels willen, was würde Kinderärztin Emmi Pikler dazu sagen!?

Wenn das eigene Kind sehr klein ist, wirken solche Fauxpas oft sehr groß. Werden die Kinder dann älter, relativiert sich vieles. Als ich neulich beim Einschulungsfragebogen meines dritten Kindes angeben sollte, wann genau dieses Kind zu essen, zu laufen und zu sprechen angefangen hatte, musste ich raten. Ich wusste es schlicht nicht mehr. Was ich hingegen immer noch weiß, ist, dass die blinkende Schildkröte, die unser erstes Baby einst zu unserem Entsetzen geschenkt bekam, tatsächlich zum Lieblingsspielzeug all unserer vier Kinder avancierte.

So ist das nämlich mit den unperfekten Ausnahmen: Oft schaffen gerade sie die schönsten Erinnerungen. So entsprach es natürlich nicht dem empfohlenen Beikostfahrplan, dass meine über 90 Jahre alte Großmutter unserem wenige Wochen alten Baby auf dem Fest meiner Cousine ein Stück Hochzeitstorte in den Mund steckte. Heute gehört dieser Moment zu einer meiner schönsten und lustigsten Erinnerungen an sie.

Zehn Fehler pro Tag sind völlig normal

Wie gewinnt man diese Gelassenheit? Dafür habe ich leider kein Patentrezept. Mir persönlich hat ein Gespräch mit dem dänischen Familientherapeuten und Bestsellerautoren Jesper Juul dabei sehr geholfen, den ich wenige Jahre vor seinem Tod 2019 zu einem ausführlichen Interview treffen durfte. "Die besten Eltern der Welt machen zehn Fehler pro Tag", sagte er damals. "Weniger zu machen ist weder möglich noch wünschenswert."

Das zu hören, fand ich sehr entlastend. Denn ich spreche aus Erfahrung, wenn ich sage: Immer alles richtig machen zu wollen kostet unfassbar viel Kraft. Ein paar Jahre lang lässt sich das vielleicht durchhalten. Aber eine ganze Kindheit und Jugend hindurch, vielleicht sogar mit mehreren Kindern? Keine Chance.

"Zum Glück", sagte Jesper Juul und riet mir, mich im Zusammenleben mit meinen Kindern auf die Dinge zu konzentrieren, die mir wirklich, wirklich wichtig sind, die ich ihnen unbedingt mitgeben will – anstatt mich im alltäglichen Klein-Klein zu verlieren. "Am wichtigsten ist sowieso die Beziehung", brummte er zum Abschied.

Viel mehr Nachsicht durch Erfahrungen

Von außen betrachtet hat sich in unserem Familienleben seither nicht viel geändert: Ich will immer noch, dass meine Kinder gesunde Sachen essen, sich tagsüber ordentlich bewegen und nachts genug schlafen. Aber: Ich habe viel mehr Nachsicht mit mir selbst und mit ihnen, wenn das alles mal nicht so klappt. Das Baby lebt ein paar Tage nur von Rosinenbrötchen und Banane? Das Kleinkind mag partout nicht laufen, sondern nur getragen werden? Die Medienzeit ist zu hoch und die Schlafenszeit zu spät? Alles kein Drama, solange die Basis stimmt: dass unsere Kinder sich bei uns zu Hause sicher, geborgen und geliebt fühlen. Und wir Eltern auch.

Nora Imlau

schreibt als freie Autorin für ELTERN, sie hat einen erfolgreichen Blog (nora-imlau.de) und viel Erfolg mit Bestsellern wie "So viel Freude, so viel Wut", Kösel, 20 Euro, oder "Mein Familienkompass", Ullstein, 22,99 Euro.

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