Rolle rückwärts? Ohne uns!
 
Gleichberechtigte Elternschaft: "Corona hat uns gerettet"

Gleichberechtigte Elternschaft ist verdammt anstrengend. Also zurück zur traditionellen Rollenverteilung? Auf keinen Fall, findet unsere Autorin Katja Lewina, Mutter von drei Kindern, 12, 8 und 6. Corona zwang sie zu einem spannenden Experiment. Und das ist richtig gut gelaufen.

Bild aus den 50ern: Der Mann ist Hausmann
iStock, sturti
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Meine Gedanken im Herbst 2019

Eines Abends, da war Corona noch Monate von uns entfernt, lag ich mit meinem Mann im Bett. Ausnahmsweise war keiner von uns leise unter die Decke gekrochen, unter der der andere schon lange schlief. Keiner von uns war auf Reisen in irgendeinem Hotel weit weg. Erwartungsvoll drängte ich mich also an ihn. Doch statt über mich herzufallen, seufzte mein Mann nur: „Als du noch nicht so viel gearbeitet hast, war ich irgendwie glücklicher.“ 

Was für ein Faustschlag.

Der Soziologe Martin Schröder hatte also recht: 2018 hatte er eine Studie publik gemacht, die belegte, dass die Lebenszufriedenheit der deutschen Väter proportional zu ihren Arbeitsstunden steigt. Am allerbesten, so die Studie, fühlten sie sich, wenn sie 50 Stunden in der Woche arbeiten dürfen. Nimmt man ihnen Stunden weg, sinkt ihre Zufriedenheit wieder. „Bei den anderen vielleicht“, hatte ich gedacht, als ich davon gelesen hatte. „Aber doch nicht bei meinem Mann.“ Der hatte es nämlich genau so wie ich als ungerecht empfunden, dass wir unversehens in die übliche Falle getappt waren: Der Mann verdient mehr als die Frau, also bleibt sie nach der Geburt der Kinder zu Hause. Später verdient er (Überraschung!) nach wie vor mehr als sie, also arbeitet sie Teilzeit und kümmert sich weiter um Kinder und Haushalt. Als ich fünf Jahre später immer noch diejenige war, die vor der Waschmaschine kniete und Erbrochenes aufwischte, kam uns das nicht mehr ganz sauber vor. Kein Wunder, dass ich im Job keine großen Sprünge machte. Ich hatte schlicht keine Zeit dafür! 

Also sorgten wir für Chancengleichheit. Als Freelancer (mein Mann ist Performance-Künstler, ich bin freie Autorin) hatten wir es da vergleichsweise einfach, denn unsere Arbeits- und Freizeit können wir meist selbst einteilen. Er fuhr sein Arbeitspensum etwas runter, ich meins dafür rauf, sodass wir beide im Schnitt 35 Stunden die Woche arbeiten konnten. Die Betreuung für unsere Kinder übernahmen wir von nun an fifty-fifty, genauso wie die Verantwortung dafür, dass niemand verhungerte oder Ungeziefer bei uns einzog. 

Damit lagen wir voll im gesellschaftlichen Trend: Immer wieder belegen Umfragen und Untersuchungen, dass gleichberechtigte Lebensentwürfe im Kommen sind. Und auch bei uns konnte sich das Ergebnis der Hoch- und Runterschrauberei von Arbeitsstunden sehen lassen: Nur drei Jahre später hatte ich, was Kohle und Lorbeeren anging, aufgeholt. Die Gleichberechtigung hatte bei uns einen beispiellosen Sieg hingelegt, könnte man meinen. Und jetzt kam mein Mann und behauptete, nicht mehr glücklich zu sein! 

Meine erste Reaktion: Hat der sie noch alle? Meine zweite: Hand aufs Herz – ich bin es auch nicht. 
Damit fiel auch ich zu meiner eigenen Überraschung unter den von Schröder konstatierten Mütter-Durchschnitt. Nicht, weil ich jetzt mehr arbeitete, sondern weil der Mann weniger arbeitete und mehr zu Hause war. Laut Schröder sieht es nämlich so aus: Je mehr Vati im Job schafft, desto zufriedener ist auch Mutti; erst, wenn er die 50 Wochenstunden überschreitet, fühlt sie sich nicht mehr ganz so wohl. Echt jetzt? Was ist nur los mit uns modernen Familien? 
Soziologe Schröder vermutet den Grund für unsere Unzufriedenheit in der Tatsache, dass die Mehrheit der deutschen Familien nun mal in konservativen Lebensmodellen feststeckt. Und sich gegen den Rollen-Mainstream zu stellen, kostet Kraft – und Lebenszufriedenheit. 

Viele Paare, vor allem jüngere, finden nicht-tradi­tionelle Rollen­modelle theoretisch gut. Das zeigt die Erhebung „Einstellungen zur Arbeitsteilung in der Familie“ der ALLBuS (Allgemeine Bevölkerungs- umfrage der Sozialwissenschaften)j. Oder auch die Trendstudie „Moderne Väter“ der Väter gGmbH. Ob die Befragten aber selbst damit glücklich wären oder gar danach leben, ist eine ganz andere Frage.
Rolle Rückwärts
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Und tatsächlich: Wenn ich mich so umgucke in unserem Bekanntenkreis, dann sind wir fast die Einzigen, die es mit einer gleichberechtigten Arbeitsteilung bei Job und Familie ver­suchen. Und die wenigen Familien, die einen ähnlichen Lebensentwurf wie wir leben, schlagen sich mit den gleichen Problemen herum. Es gibt keine Beispiele, an denen wir uns orientieren könnten. Und an unseren Eltern schon gar nicht.

Mein Mann, der aus einer westdeutschen Kleinstadt stammt, wurde mit Müttern sozialisiert, die ab der Geburt des ersten Kindes zu Hause blieben, und mit Vätern, die frühestens zum Abendessen auftauchten. Für meine russischen Immigranten-Eltern hingegen war es zwar selbstverständlich (und unvermeidbar), dass beide Vollzeit arbeiteten und daheim den Putzlappen schwangen. Doch als meine Mutter irgendwann mehr verdiente als mein Vater, hielten sie es für besser, getrennte Wege zu gehen. So ein unnatürliches Gefälle konnte schließlich kein Mensch aushalten. 

Zugegeben, besonders angenehm war unser Aus-der-Art-Schlagen in der jüngsten Vergangenheit tatsächlich weder für meinen Mann noch für mich: Wenn ich mal wieder die einzige Mutter war, die den Kindergarten-Ausflug verpeilte oder die erst kam, wenn der Laden schon dicht war. Wenn ich im Gegensatz zu all den anderen Müttern meine Zeit nicht darauf verwendete, Schultüten zu besticken oder Kuchen fürs Sommerfest zu backen. Das Gefühl, nie genug zu machen – und damit womöglich eine schlechte Mutter zu sein –, folgt einer berufstätigen Mutter auf Schritt und Tritt. Versucht hingegen ein Mann, sich mehr in die Familienarbeit einzubringen, beschleicht ihn eher die Sorge, in seiner Rolle als Versorger zu versagen. Wenn Kollegen meinen Mann fragten, warum er mit seinem neuen Programm nicht so schnell weiterkam wie sie, fing er an zu schwitzen. Ebenso wenn seine Eltern sich wunderten, warum er mit den Kindern zu ihnen kam, damit ICH eine Deadline einhalten konnte. 

 

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Doch all die Erwartungen von außen sind geradezu ­lächerlich im Gegensatz zu dem Minenfeld, zu dem unsere Paarbeziehung verkommen war. Wer holt die Kinder ab? Wessen Job hat gerade Priorität? Und darf man eigentlich noch zum Sport, wenn man schon drei Abende in Folge unterwegs war? Statt all der früheren Selbstverständlichkeiten – Geld besorgte mein Mann, Kinder und Küche besorgte ich – mussten nun zigtausend Dinge am Tag ausgehandelt werden. Das war nicht nur zermürbend, sondern fühlte sich trotz des Gleichheitsgedankens auch noch meistens ungerecht an.

Wenn ich mit den Kindern zu Hause war, dann kochte ich Suppe vor, bastelte Geburtstagseinladungen und schrieb Zettel an die Lehrer. Wenn mein Mann hingegen mit den Kindern zu Hause war, dann … war er mit den Kindern zu Hause. Nichts weiter. Natürlich, ich hätte mich drüber freuen können, dass er mit ihnen so eine schöne Exklusiv-Zeit hat. Hätte ich. Genauso gut konnte ich aber in die Luft gehen, weil all das Zeug, das er in dieser Zeit nicht machte, an mir kleben blieb. 

Nach wie vor war ich das Logistik-Zentrum unserer Familie. Klar, ich konnte Aufgaben an meinen Mann delegieren, aber den Überblick über all die Geburtstagsgeschenke, verlorenen Gummistiefel, Termine beim Kieferorthopäden behielt nach wie vor ich. Kein Wunder, dass meine Nerven fast dauerhaft blank lagen. Gleichzeitig wusste ich genau, was mein Mann darauf sagen würde: „Und wer kauft ein, bringt die Flaschen zum Container, macht die Steuer?“ Und dann würden wir anfangen, unsere Leistungen gegenzurechnen und uns beide vom anderen furchtbar ungerecht behandelt zu fühlen. 

In solchen Momenten erschien die Vorstellung von klassischer Rollenverteilung so heilsam wie die Idee, in Mutters Schoß zurückzukriechen. Endlich keine Erklärungen im Außen mehr, keine Kämpfe im Innen! Denn sosehr wir auch die Gleichberechtigung leben wollten – so richtig drauf hatten wir es offenbar nicht. Damit erklären sich auch die Widersprüche zwischen Studien, die den Vormarsch von modernen Lebensentwürfen suggerieren und anderen, die belegen, wie konservativ wir noch immer ticken. Der Wunsch nach neuen Geschlechterrollen muss zunächst einmal nicht viel mit der Realität, in der wir leben, zu tun haben. Und wenn doch, können wir nicht automatisch davon ausgehen, dass er sofort eine ­Zufriedenheitsrendite abwirft. Wir sind die erste Generation, die es ernsthaft versucht mit einer neuen Geschlechteridentität – eine Avantgarde sozusagen. Und darum dürfen wir nachsichtig mit uns sein, wenn es nicht gleich auf Anhieb klappt.

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Meine Gedanken im Herbst 2020

Corona hat uns gerettet. Diese fiese Seuche, die das öffentliche Leben lahmlegte und meinem Mann bis jetzt nahezu alle Auftrittsmöglichkeiten versagte, zwang uns, etwas zu verändern: Plötzlich stand er ohne Geld und Arbeit da, bei mir hingegen stapelten sich die Aufträge. Also saß ich bis abends im Büro, er übernahm Homeschooling und Hausarbeit, buk jeden Tag ein Brot und stellte abends das Essen auf den Tisch. Nix mit Gleichberechtigung! Ohne dass wir das je auch nur in Gedanken erwogen hätten, war mein Mann zur Mutti geworden und ich zum Vati. Und unsere Familie zum klassischen Ein-Verdiener-Haushalt – mit mir als Versorgerin von zwei Erwachsenen und drei Kindern. Natürlich gab es anfangs Stress und Streit. Wenn das Klo zwei Wochen am Stück müffelte. Oder wenn ich abends nach der Arbeit noch fünf Wäscheladungen waschen musste. Wenn mein Mann seine Auftritte vermisste. Und sich beim Einmaleins-Üben zu Tode langweilte. Doch mit der Zeit gab sich das. Er wuchs in seine neue Rolle rein und ich in meine. Inzwischen ist er derjenige, der bei uns die Fenster putzt und genau weiß, welches Kind was in seine Brotbox eingepackt haben möchte, während ich – ganz Vati –, hilflos danebenstehe. Seit die Schule wieder angefangen hat, hat er tagsüber sogar Zeit, an neuen Projekten zu arbeiten; nur die Nachmittage gehören den Kindern. 

Ich wage es kaum, das zu schreiben, aber: Wir sind glücklich so. „Vermisst du es denn gar nicht, mehr zu arbeiten?“, frage ich ihn immer wieder, weil ich unserer Seligkeit nicht so recht trauen will. „Nö“, sagt mein Mann. Das Einzige, was ihn nerve, sei seine mangelnde Fantasie beim Kochen. Sich jeden Tag was Neues ausdenken zu müssen, sei schon echt anstrengend. „Wer bist du und was hast du mit meinem Mann gemacht?“, will ich dann zwar manchmal rufen, aber ich halte meine Klappe.

Denn, ja, verdammt, ich liebe unseren U-Turn. Nicht, dass der für immer bleiben müsste. Irgendwann wird mein Mann wieder auf der Bühne stehen, und dann werden wir uns neu organisieren müssen. Aber allein das Wissen, dass wir in der Lage dazu sind, die Rollen einmal quer durchzutauschen und dabei nicht verrückt zu werden, macht, dass wir uns gerade unbesiegbar fühlen. 
 

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Mutti macht das schon? Nein danke! Traditionell sind es die Frauen, die in Familiensachen immer alles im Blick haben und deren Arbeitsspeicher stets übervoll ist. In Coronazeiten hat sich das Problem teilweise noch verschärft. Ohne uns! Wir wollen nicht zurück in die Fünfziger Jahre, sondern vorwärts, zu einer gerechteren Aufteilung von Erwerbs- und Familienarbeit! Macht mit und schaut, was Rolle rückwärts alles bedeutet.