Glosse
 
Schöner scheitern bei der Wohnungssuche

Tipp von ELTERN-Autorin Lena Schindler: Bei einer Wohnungsbesichtigung dürft ihr erwähnen, dass ihr Kinder habt. Aber nehmt sie niemals mit!

Seit unsere zweite Tochter da ist, herrscht bei uns so akuter Platzmangel, dass man Gefahr läuft, sich durch bloßes Wohnen ernsthaft zu verletzen: Kinderfuhrpark überall, Gegenstände, die aus vollgestopften Schränken auf einen niederprasseln.                                                                        
Wir brauchen ein neues Zuhause, schnell.
 
Doch die Besichtigungen bringen mich jedes Mal an den Rand eines Nervenzusammenbruchs. Und zwar immer dann, wenn mich anstatt meines Mannes (noch im Büro!) zwei kleine Menschen an einen Ort begleiten, wo man sich als liebreizende und geräuscharme Familie präsentieren soll. Meine Töchter sind eins und vier, gelten als „lebhaft“ bis „wild“ und sind abends, wenn die Ringkämpfe um die Gunst des Vermieters stattfinden, müde und wenig kooperationsbereit.

Zurückgerufen hat jedenfalls bisher keiner – obwohl unsere Auftritte unvergesslich sind. Harmlos war ja noch, als Maja einen bärtigen Mitinteressenten mit dem Kommentar „Schau mal, der Weihnachtsmann ist auch da!“ bedachte. Bei der nächsten Runde schoss die Kleinere sich auf einen Eimer ein, in dem Pinsel in einer stinkenden Brühe einweichten. Vor einer Meute von 50 sichtlich erfreuten Konkurrenten (in Hamburg normal) versuchte ich, sie wegzuzerren. Sie wand sich wie ein Aal, brüllte wie ein Löwe, lag am Ende mit trommelnden Fäusten auf den frisch abgeschliffenen Dielen. Bloß weg hier!
 
Ob ich die Wohnung überhaupt haben will, weiß ich nachher sowieso nie. Waren es drei Zimmer oder sechs, gab es eine Küche, eine Heizung, Türen und Fenster? Ich bin viel zu abgelenkt.

Schöner Scheitern bei der Wohnungssuche
© Mieke Scheier

Meine Große zupft beharrlich an meinem Mantel und bettelt „Ich will gehen, hier ist es wangheilig“, während die Kleine versucht, ihren Fruchtriegel in eine Bodenschleifmaschine einzuarbeiten. „Gar kein Problem!“, gibt sich die adrett frisierte Maklerin großmütig, möchte zum Abschied aber noch mal wissen: „Wie war gleich der Name?“ ... Damit ich weiß, wer hier in hundert Jahren nicht einzieht, ergänze ich im Stillen.
 
Beim letzten Termin lief es richtig gut – anfangs. Die Kinder waren zauberhaft. Nur musste die eine mal. Nicht ideal, aber dafür kann ja nun wirklich keiner was. Erledigt, Fenster auf Kipp und schnell mal durchgehen mit der Klobü ... Aber es war keine da, frisch saniertes Badezimmer! Nur so viel: Den Tatort ohne geeignetes Hilfsmittel in einen besichtigungswürdigen Zustand zurückzuversetzen war eine demütigende Erfahrung. Tröstlich immerhin, dass man als Mutter immer ein Hygiene-Gel für die Hände mit sich führt ...

Schon dafür hätten wir die Hütte kriegen müssen, als Entschädigung. Und weil wir die Einzigen sind, bei denen es nach dem Einzug keine bösen Überraschungen geben wird. Unmöglicher als in diesen Momenten sind wir sonst auch nicht. Die dunklen Seiten der anderen kriegt die Vermieter gar nicht mit. Als ich bei einer Besichtigung unseren Buggy inklusive Insassin die steile Treppe bis zur Eingangstür hochwuchtete, half nicht einer der Wartenden. Bloß nicht, nachher verrutscht noch die Bügelfalte bei so einem Manöver! Also mir als Vermieter wären da ein paar lärmende Kinder tausendmal lieber – bei denen ist schlechtes Benehmen wenigstens nur eine Phase.