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Familienkolumne Fake Family gefällig?

Julia Schmidt-Jortzig: Ein Familie mit zwei Kindern sitzt auf einem Bett
© deagreez / Adobe Stock
Manchmal ist das echte Familienleben anstrengend und will so gar nicht zur eigenen Vorstellung passen. Wie wäre es dann mit einer Fake Family? Julia Schmidt-Jortzig spielt das gedanklich schon mal durch.

Vor einiger Zeit habe ich mal ein Radio-Feature gehört, in dem davon berichtet wurde, dass man in Japan angeblich Menschen über Agenturen mieten kann: als Partner auf Zeit, Freunde auf Zeit, angebliche Väter unehelicher Kinder oder sonst irgendwelche Familienmitglieder, die in echt nicht vorzeigbar oder spaßbefreit sind. Da mietet man lieber was Gutgelauntes für die Party.

Wie genau das abläuft, ist schwer zu durchschauen, weil alles Private in Japan hermetisch nach außen abgeriegelt ist. So gibt es dort die streng voneinander getrennten Konzepte von Honne und Tatemae – während Honne für das private Gesicht und alle echten Gefühle steht, das kaum je engsten Freunden gezeigt wird, steht Tatemae für das öffentliche Gesicht, das es in jedem Falle zu wahren gilt.

Nun lebe ich nicht in Japan, aber das Gefühl, irgendwie nicht mein wahres Leben zeigen zu können, kenne ich auch: Mich setzen zum Beispiel die perfekten Familien auf Instagram unter Druck, vor allem deren Wochenend-Aktivitäten. Gefühlt unternehmen alle anderen immerzu tolle Aktiv-Ausflüge ins Elbsandstein-Gebirge oder so, während meine Söhne inzwischen Pickel haben und höchstens mal mit ins Kino gehen. Da kann man doch schon mal drüber nachdenken, ob es vielleicht an den eigenen Kindern liegt, dass sie nicht in die Instagram-Story passen. Warum also nicht fremde Kinder zum Beispiel fürs Wochenende oder zumindest fürs Fake-Shooting mieten?

Ist Fake besser?

Oder einen Fake-Ehemann, damit die eigene Insta-Story irgendwie aktiver daherkommt. "Einfahrt fegen", wie Immo es auf Geheiß durchaus tut, fetzt nämlich nicht im Tatemae der westlichen Welt. Für Insta-Tatemae brauch ich ein Modell, das Marathon läuft und Smoothies trinkt, so was.

Andererseits: Wer trinkt dann Rotwein mit mir? Dafür bräuchte ich dann wieder den echten Immo. Aber was, wenn den inzwischen auch wieder jemand anderes ausgeliehen hat, zum Beispiel zum Einfahrtfegen?! Das wäre ja so eine Art Karussell-Effekt, weil ich dann doch wieder wen bräuchte für – ja, für was eigentlich? Für alles, was so anfällt, alles was man sich wünscht?

So was gibt’s wahrscheinlich auch in der dollsten Menschen-Mietkartei gar nicht, noch nicht mal in Japan. Auch da wird es so sein, dass Miet-Familienmitglieder auch immer nur einige Sachen gut können: Schwiegermüttern verständnisvoll zuhören zum Beispiel, aber eben keine Rotweinvorräte auffüllen. Das hilft mir dann auch nicht. Und was, wenn die fremden Kinder in der Insta-Story zwar motiviert wandern und winken, aber nicht so gern kuscheln wie meine? Kaum auszudenken, dass dann vielleicht sogar jemand anderes abends meine Kinder im Bett kraulen könnte.

Möglicherweise ist die Mieterei also doch nicht so ideal. Gibt es vielleicht noch andere Lösungsansätze, wenn die eigene Familie im echten Leben zuweilen irgendwie nicht vorzeigbar oder fancy genug erscheint?

Bye Bye, Realität

Eine Idee wäre zum Beispiel, das eigene echte Leben einfach ein bisschen einschlafen zu lassen – und einfach fremde Leben zu "leben". Das geht heutzutage ganz leicht. Man muss bloß sein unperfektes, analoges Familienleben gegen ein fiktives, virtuelles Leben tauschen. Ich sage nur Netflix.

Da kann man dann gemütlich im Bett liegen und dabei zusehen, wie andere Sex haben – und man muss sich weder groß aufraffen noch die Beine rasieren. Einzig wichtig ist Empathie: Um was von der ganzen Sache zu haben, muss man sich "hineinfühlen" können in das Leben der anderen. Ich werde dabei immer wunderbar müde, oft schlafe ich auch ein. Immo nennt das "Fernsehschlafen".

Auch eine schöne Methode, der Realität zu entfliehen.

Apropos Rückzug : Nach zwei Jahren Pandemie kommt mir das echte Leben da draußen irgendwie gefährlich oder zumindest anstrengend vor. Ich bin auf diese Weise zum Homey geworden: Ein Rückzug ins Drehbuch-geskriptete Leben erscheint mir oft irgendwie einfacher, als mich der echten Welt auszusetzen – zum Beispiel echten Party-Gästen, die ihre Teller rumstehen lassen oder noch um 3 Uhr nachts in der Küche hocken, während man selbst todmüde nach dem Ausknopf sucht.

Ich beobachte das übrigens auch bei meinen Jungs, diesen leisen Rückzug aus der ruckeligen Realität, die das Leben mit echten Menschen mit sich bringt. Auch sie flüchten sich gern ins Virtuelle: Sie treffen sich online, um zu gamen oder zusammen eine Online-"Watchparty" zu veranstalten, bei der man gemeinsam Fußball, "GNTM" oder sonst was schaut. Auch das ist schließlich weniger anstrengend, als sich wirklich zu treffen: Da müsste man ja die Jogginghose ausziehen (oder anziehen, keine Ahnung, je nach Mode-Trend) und sich einigen, was man snackt oder wer zum wem radelt.

Ambiguitätstoleranz

Als ich neulich mal einen Psychologen zum Thema Onlinesucht bei Jugendlichen im Podcast interviewte, sagte er, dass die angeblich steigende Gewaltbereitschaft durch Onlinespiele nicht das Problem sei. Viel einschneidender sei, dass durch dieses Leben in der virtuellen Realität die "Ambiguitätstoleranz" abnehme – also die Fähigkeit, Widersprüchlichkeit in all ihren Formen auszuhalten: Gerüche, Unterschiede, Konflikte, Unzulänglichkeiten. Aber die gehörten zum Leben nun mal dazu. Da fühlte ich mich doch ziemlich ertappt mit meinem Gedankenspiel, mir eine perfekte Familie zusammenzuleihen.

Dabei fällt mir ein: Letzteres könnte im Übrigen ja auch bedeuten, dass Immo sich eine neue Frau mietet – also eine, die länger wach ist als bis 21 Uhr und sich aufrafft, mal wieder echte Karten für einen echten Konzertbesuch zu zweit zu buchen. Oder dass die Kinder sich eine Mutter ausleihen, die sie nicht nötigt aufzuräumen und endlich eine Süßigkeitenschublade einführt.

Nee, nee. Das kommt nicht infrage. Dann bleibe ich doch lieber beim klassischen Familien-Modell und nehme alle so, wie sie sind: echt und unperfekt. Passt einfach auch besser zu mir.

Zuhören kann man Julia auch: In diesen Wochen feiert der Podcast ELTERNgespräch seine 200. Folge. Im aktuellen Stück geht es um zwei Mütter und ihre Krebsdiagnose. 

Julia Schmidt-Jortzig, 48, hat zwei Söhne (Juri, 16, Matti, 15), eine Tochter (Smilla, 10), einen Mann (Immo), einen Hund (Flocke), einen Job und ein Haus in der schleswig-holsteinischen Provinz. Was dabei im Alltag herauskommt, erzählt sie uns hier alle zwei Monate im Wechsel mit Joachim Brandl, Vater von zwei kleinen Töchtern aus Wien.

ELTERN

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