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Wäscheberg oder Waschbrettbauch? Vom Druck besser sein zu wollen

Lieber echt als perfekt - Kolumne
© eltern.de
Wir wollen das Leben umarmen, doch manchmal stellt es sich bockig an und umarmt einfach nicht zurück. Unsere Redakteurin Lea Kästner kommt da ganz schön oft ins Grübeln.

„Ab jetzt nur zwanzig Minuten tägliches Üben und im Spätsommer in Barcelona auf Spanisch locker einen Smalltalk führen.“ Das Versprechen dieser neuen Sprach-App klingt verlockend: Minimaler zeitlicher Aufwand mit phänomenalem Ergebnis und genau das Richtige für mich, denn ich habe mit Job, Kindern und jeder Menge Haushaltsgedöns gefühlt nie Zeit für irgendwas. Wer kann sich schon zweimal in der Woche in einen Volkshochschulkurs setzen und spanische Grammatik pauken? Also kommt das mit auf meine tägliche To-Do-Liste. Da wäre nur ein Problem: Auf meiner Abarbeitungsliste für den Alltag stehen schon andere Termine für zeitsparende Selbstoptimierung. Da ist das „In nur 20 Minuten täglich zum Waschbrettbauch“-Training, die „Nur 10 Minuten täglich für ein entspannteres Hautbild“-Gesichtsmassage, die „Eine halbe Stunde Aufräumen am Tag und für immer Ordnung im Haus“-Challenge und nicht zu vergessen die „20 Minuten Everyday-Achtsamkeit“-Übung für ein gelassenes Ich. Achja, und dann wären da noch die täglichen 10.000 Schritte, eine Pflicht, die ich mir zum Jahresanfang aufgebürdet habe. An meiner langen Liste ist schnell zu erkennen, dass ich an mir arbeiten will. Ich muss zugeben: Das macht mich ein bisschen stolz! Doch so langsam schwant mir, dass ich genau hier an mir selbst scheitern werde. Denn aus meinen schlauen Schnell-Optimierungsprogrammen ist ein mehrstündiger Marathon geworden, den ich kaum noch bewältigen kann – schon gar nicht täglich und nicht mit der nötigen Achtsamkeit.

Ich komme vom Weg ab - schon wieder

Aufgrund von Zeitdruck erwische ich mich dabei, wie ich eine halbherzige Gesichtsmassage auf dem Weg zum Einkaufen mache, immer wenn ich an einer roten Ampel stehe. Im Rückspiegel sehe ich irritierte Blicke vom Herrn im Auto hinter mir. Dann folgt ein hysterisches Hupkonzert, weil ich die Grünphase verpasst habe. Entspannter wird mein Gesicht dabei sicher nicht. Die Waschbrettbauchübungen werden abends vorm Fernseher absolviert. Leider verpasse ich dabei „entscheidende Szenen zum Verständnis“ (O-Ton Freund), weil ich gerade meine Knie im rotgefleckten, schweißüberströmten Gesicht habe. Weggeräumt wird nur die Spitze des Wäsche-Mount-Everest und die schlimmste Rumpelecke auf dem Weg ins Bett und da falle ich spätestens fünf Minuten nach dem Start meiner eigentlich zwanzigminütigen Achtsamkeitsübung in einen unruhigen Schlaf. Nach zwei Wochen dann die ernüchternde Feststellung: Das macht irgendwie keinen Spaß. Denn nie bin ich wirklich bei der Sache. Und hat nicht mal jemand gesagt, der Weg sei das Ziel? Ich bin offensichtlich vom Pfad abgekommen und weiß nicht mehr, wo ich bin. Meine Verbesserungs-To-Dos habe ich unterwegs abgeworfen. Sie sind mehr Ballast als freundliche Wegbegleiter geworden.

Zu viele Waschbrettbäuche 

Der Grund für mein Scheitern ist meine Unfähigkeit, mich entscheiden und Prioritäten setzen zu können. Was will ich denn lieber: Ein perfekt aufgeräumtes Zuhause oder eine gelassene Einstellung? Einen Waschbrettbauch oder einen entspannten Gesichtsausdruck? Ja, und in Herrgotts Namen; wie soll man denn überhaupt noch entspannt gucken können, wenn man auf 100 Hochzeiten gleichzeitig tanzt? Geht sehr wohl, wollen mir zahlreiche Instagram-Accounts weis machen. Influencer-Frauen und Social-Media-Mamis mit perfekt geglätteten Haaren, frischem Aussehen und ja, auch beunruhigend viele Waschbrettbäuche sind dabei. Sie wirbeln erschreckend energetisch in einem fesch gestylten, aufgeräumten Zuhause umher und erzählen, wie sie durch die Verwendung neuer teurer CBD-Öle, Chakrenstimulation oder tägliche Hula-Hoop-Sessions mit sich selbst verbunden sind, und lächeln mir dabei entspannt aus meinem Handy entgegen. Ich kann nur müde und erschöpft zurücklächeln und muss einsehen, dass das für mich in diesem Leben nicht funktioniert. Dabei weiß ich doch eigentlich ganz genau: Entweder sind diese Frauen hauptberuflich Influencer, wo präsentierter Perfektionismus schon zur Jobbeschreibung gehört oder sie sind gnadenlose, gemeine Blender, die Frauen und Normalo-Muttis wie mich immer wieder verunsichern. Denn obwohl mir all das klar ist, falle ich von Zeit zu Zeit darauf herein und glaube, mit mir stimmt was nicht.

Wie komme ich da raus?

Also, was mache ich nun? Was will ich eigentlich am meisten und was brauche ich, um mich wohl zu fühlen? Ich glaube, ich will erst einmal lernen, entspannt und ausgeglichen zu sein, auch wenn sich die Wäscheberge türmen und meine Bauchdecke sich gerade weich wie frischgekochter Sahnepudding anfühlt. Erster Schritt: Die Achtsamkeitsübungen kommen ganz oben auf meine Liste. Ich gönne mir jeden Tag eine halbe Stunde, um wirklich zu verinnerlichen, dass Glück und Zufriedenheit darin bestehen, den Ist-Zustand mit all seinen vermeintlichen Unzulänglichkeiten aber – und das ist wichtig – vor allem seinen erfreulichen Seiten wahrzunehmen. Der Waschbrettbauch, das entspannte Gesicht und das immerwährende ordentliche Wohnzimmer müssen bis dahin warten. Und nach Barcelona komme ich in diesem Jahr wahrscheinlich sowieso nicht mehr …


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