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Die große Panikmache Wie mich andere Mütter verrückt machen

Kolumne: Lieber echt als perfekt
Wir wollen das Leben umarmen, doch manchmal stellt es sich bockig an und umarmt einfach nicht zurück. Unsere Redakteurin Lea Kästner kommt da ganz schön oft ins Grübeln.

„Wie, ihr habt noch keinen Schulranzen gekauft???“ schaute mich eine andere Mutter verwundert vorm Kindergarten an, als hätte ich ihr gerade erzählt, dass ich meinen beiden Kindern Mistkäfer zum Frühstück serviere. Es war März und die Einschulung meines Sohnes noch fast ein halbes Jahr hin. „Die sind doch fast alle schon ausverkauft! Wird schwierig, noch einen guten zu bekommen.“ Das sind die Momente ­– neben vielen anderen – die mich als Mutter regelmäßig in den Wahnsinn treiben und leider auch massiv an mir selbst zweifeln lassen. Wie konnte ich nur so nachlässig sein und mich nicht früh genug darum kümmern? Wieso war es mir, als – wie ich dachte – stets gut informiertem Muttertier nicht bewusst, dass ein Ranzenkauf eine Vorlaufzeit benötigt wie die Bestellung eines Kleinwagens oder einer Einbauküche? War ich doch davon ausgegangen, dass man einen Schulranzen einfach noch gemütlich in den Sommerferien kaufen könnte. Aber das war wohl geradezu fahrlässig, durfte man den weiteren Ausführungen und den extrem hochgezogenen Augenbrauen der anderen Mutter glauben.

Verständnislosigkeit und stiller Vorwurf

Genauso ergeht es mir jetzt – mein Sohn ist mittlerweile in der dritten Klasse – wenn ich von anderen Müttern gefragt werde, welche weiterführende Schule er denn besuchen wird. In über einem Jahr! In den meisten Familien ist die Wunsch-Schule scheinbar schon seit Monaten ausgesucht und dass ich noch keinen genauen Plan habe, sorgt für deutliches Unverständnis. „Du hast ja die Ruhe weg“, heißt es dann eher spöttisch als bewundernd. Habe ich da etwa was verpennt? In einer Zeit, in der es jeden Tag fraglich war, ob meine Kinder coronabedingt überhaupt noch in die Schule dürfen, war mir nicht eingefallen, gerade jetzt noch eine weitere auszusuchen, in die mein Sohnemann, so Gott und das RKI es wollten, gar nicht gehen dürfte. Nunja, auch das ist wohl etwas kurz gedacht.

Kolumne: Vom Druck besser sein zu wollen

Wir machen uns gegenseitig verrückt

Allerdings erinnere ich mich auch daran, wie mir immer wieder völliges Entsetzen entgegensprang, wenn ich im ersten Drittel meiner ersten Schwangerschaft zugeben musste, dass ich noch keinen Krippenplatz hatte. Immerhin sollte das noch mindestens eineinhalb Jahre hin sein, ich hatte mich noch nicht einmal an den Gedanken des baldigen Mutterseins gewöhnt und wusste doch auch noch gar nicht, was für eine Art Menschlein ich da überhaupt ausbrütete. Wie sollte ich wissen, welche Kita die richtige sein würde? Trotzdem wurde mir bei diesen Bemerkungen heiß und kalt. War ich wirklich zu spät dran?

Das gegenseitige Verrücktmachen unter Müttern führte damals jedenfalls dazu, dass sich alle mir bekannten werdenden Eltern bei möglichst vielen verschiedenen Kitas anmeldeten, damit sie am Ende nicht in die Röhre schauten. Mit dem Ergebnis, dass jede Einrichtung eine ellenlange Warteliste führen musste und sie schlussendlich mindestens drei Kitas wieder absagen mussten, da ein Kind ja bekanntlich nicht in mehrere Tageseinrichtungen gleichzeitig gehen kann. So wollen es die Naturgesetze.

Werde ich gebasht oder bin ich zu empfindlich?

Doch warum versetzen sich Mütter gegenseitig so in Panik und machen sich unterschwellig diesen Druck? Ist das auch schon eine Vor-Ausprägung des sogenannten Mombashing oder Momshaming, von dem man überall hört und liest? Oder bin ich einfach nur zu empfindlich? Oder vielleicht tatsächlich verpennt? Hm … Letzteres will ich nicht glauben, denn wir haben rechtzeitig einen tollen Kitaplatz für unseren Sohn bekommen und auch unseren Wunsch-Schulranzen gab es noch – obwohl ich alles nach meinem eigenen Zeitplan geregelt habe. Trotzdem bringen mich Bemerkungen à la „Ohje, hast du noch gar nicht dies oder das?“ oder „Hm, das sollte man aber möglichst früh festzurren“ aus dem Takt.

Da heißt das richtige Zauberwort wahrscheinlich „Abgrenzung“. Für viele mag es wichtig und richtig sein, unter einem gewissen Druck frühzeitig alles unter Dach und Fach zu bekommen, damit gar nicht erst eine lange To-Do-Liste entsteht oder man in unserer Alles-ist-möglich-Gesellschaft womöglich noch zu kurz kommt. Für mich gilt eher: „Alles hat seine Zeit.“ Und damit fahre ich zumindest ganz gut.

Auch erschienen von Lea Kästner:

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