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Exklusiv: Mental Health Report 2022 Deutsche Mütter leiden am meisten unter der Pandemie

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© fizkes / Shutterstock
Die neue Mental-Health-Studie von AXA zeigt, wie sich die sozialen Einschränkungen der Pandemie auf die Psyche und das allgemeine Wohlbefinden auswirken. BRIGITTE.de und ELTERN.de dürfen die Studie exklusiv vorab veröffentlichen. 

Zum zweiten Mal nach 2020 legt AXA auch für 2022 einen Mental Health Report vor. Diesmal mit einem besonderen Fokus auf die psychischen Folgen der Pandemie. Für die Studie hat das internationale Meinungsforschungsinstitut Ipsos im Auftrag von AXA 1.000 Personen zwischen 18 und 75 Jahren in Deutschland repräsentativ online befragt – und zwar in einem Zeitraum von September bis Oktober 2021. Zusätzlich zu Deutschland wurden auch Personen in zehn weiteren europäischen und asiatischen Ländern repräsentativ befragt. Die Studie sensibilisiere “für mögliche Risiken der mentalen Gesundheit im Allgemeinen sowie im Zusammenhang mit der Corona-Krise“, so heißt es im Report selbst. Besonders alarmierend: Die Lage der Mütter, vor allem derer in Deutschland, scheint ernster als bisher angenommen.

Aktuell lassen sich die Langzeitfolgen der mentalen Belastung zwar noch nicht vollständig einschätzen, dennoch steht jetzt schon fest, dass sie von schwerwiegenderer Natur sind und das “nicht nur für die körperliche Gesundheit der Erkrankten. Sondern auch für die Psyche der nicht unmittelbar betroffenen Menschen. Zahl und Ausmaß der mentalen Folgeerkrankungen steigen dramatisch.“ Die Weltgesundheitsorganisation WHO gab zu bedenken, dass nicht nur Infektionen oder die Angst vor ihnen die Psyche belaste, sondern dass gerade auch sämtliche soziale Beeinträchtigungen durch Lockdowns und Selbstisolation die mentale Gesundheit angreifen würden. Diese Mehrfachbelastung sei es, die viele Betroffene zusammenbrechen lasse. Professionelle Hilfe sei ratsam, allerdings vergingen nach einer ärztlichen Diagnose “im Schnitt weitere drei bis neun Monate, bis die Betroffenen einen Therapieplatz bekommen“. 

Politik, Wirtschaft und Gesellschaft haben mentale Nebenwirkungen unterschätzt

Die Studie zeigt, wie sehr die Politik, Wirtschaft und Gesellschaft die mentalen Nebenwirkungen der Pandemie unterschätzt haben. Denn laut Befragung litten 26 Prozent der Befragten derzeit unter mentalen Problemen und das in Europa stärker als in Asien: “Die Gesamtheit der Befragten berichtet insbesondere, nicht mehr richtig abschalten zu können (59 Prozent), sich niedergeschlagen zu fühlen (59 Prozent), unruhig und aufgewühlt zu sein (55 Prozent) oder oft überzureagieren (54 Prozent). Diese Werte decken sich weitgehend mit jenen der deutschen Befragten.“ Ganze 50 Prozent der Deutschen versuchten, sich in Phasen der Niedergeschlagenheit darauf zu konzentrieren, ihre Situation selbst zu ändern. Allerdings gaben 28 Prozent an, sich bereits in negativen Gedanken verloren zu haben. 

Emotionales Wohlbefinden von Frauen deutlich reduzierter als bei Männern

In der Studie wurde zudem untersucht, inwiefern sich die mentale Überlastung von Frauen und Männern unterscheidet. Das eindeutige Fazit: “Frauen leiden in der Pandemie intensiver unter psychischen Folgeproblemen als Männer, Mütter wiederum stärker als Frauen ohne Kinder. Das Stresslevel steigt weiter, wenn Familien und insbesondere Mütter ohne unterstützende Kinderbetreuung auskommen müssen.“ Damit habe sich die Situation der Frauen in der Pandemie im Vergleich zur Vorgängeruntersuchung weiter verschärft, dies belegt der Mental Health Report 2022. Denn bereits in der vorangegangenen Studie waren es die Frauen, die stärker von der Mehrfachbelastung betroffen waren. 

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© AXA DEUTSCHLAND MENTAL HEALTH REPORT MÄRZ 2022

Etwa 47 Prozent der Frauen gaben an, es selten bis nie zu schaffen, neue Kraft zu tanken und den Akku wieder aufzuladen. Von den Männern gaben dies nur 43 Prozent an, unter den Müttern waren es wiederum etwa 58 Prozent. Jede achte Mutter (12 Prozent), aber nur jeder zwanzigste Vater (fünf Prozent) gab an, nie Zeit für regenerierende Pausen zu haben. Es ist daher nicht verwunderlich, dass viele Frauen während der Pandemie zum ersten Mal in ihrem Leben an psychischen Beschwerden litten. “Laut einer Langzeitstudie der Universität Bielefeld haben sich bei Frauen die Lebenszufriedenheit und das emotionale Wohlbefinden im zweiten Lockdown noch mehr reduziert als im ersten und deutlich stärker als bei Männern.“

Viele Frauen gewöhnten sich bestimmte Strategien zur Krisenbewältigung, dem sogenannten Coping, an. 52 Prozent gaben an, Unterstützung in Form von Gesprächen mit Partner:innen und Freund:innen zu bekommen. Bei Männern waren es nur 41 Prozent. 24 Prozent der Frauen und 15 Prozent der Männer nutzten Entspannungstechniken. Allerdings erhöhte sich der Alkoholkonsum der Männer mehr als der der Frauen – das galt insbesondere für die 25- bis 44-Jährigen.

Mentale Belastung bei deutschen Müttern besonders stark

Dass vor allem Mütter durch die Pandemie stärker belastet sind, war zu erwarten. Doch laut dem Mental Health Report 2022 leiden deutsche Mütter im internationalen Vergleich am meisten. Woran liegt das?

Auffallend ist laut des Reports, “dass die mentale Belastung der Frauen mit Kindern in Deutschland erheblich über dem europäischen Durchschnitt liegt.“ Zur Erklärung: Die Frauen wurden gebeten, auf einer Skala von 0 bis 10 das Ausmaß ihres Stresses in den vergangenen zwölf Monaten zu bewerten. Bei kinderlosen Frauen in Europa (ohne Deutschland) war das ein Wert von 5,67. Bei den Müttern lag der Wert schon bei 6,27 und bei Müttern ohne Kinderbetreuung sogar bei 6,46. Bei den deutschen Müttern ergab sich ein noch höherer Belastungswert von 6,39 und bei Müttern ohne Kinderbetreuung sogar ein Wert von 7,28. Alleinig deutsche Frauen ohne Kinder lagen unter dem europäischen Durchschnitt mit einem Wert von 5,26.

Doch wie lassen sich diese gravierenden Unterschiede erklären? Im Vergleich zu den meisten anderen europäischen Ländern sind die deutschen Mütter beim Thema Kinderbetreuung deutlich schlechter gestellt, so die Erklärung der Studie. “Experten weisen schon seit Langem darauf hin, dass Deutschland bei der Versorgung mit kommunalen beziehungsweise betrieblichen Krippen- und Kindergartenplätzen sowie Kindertagesstätten einen erheblichen Nachholbedarf hat.“

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© AXA DEUTSCHLAND MENTAL HEALTH REPORT MÄRZ 2022

Eine weitere Erklärung sei die Wiederbelebung des immer noch weit verbreiteten traditionellen Rollenbildes, dass Kinderbetreuung und Haushalt Frauensache seien: “Laut einer soziowissenschaftlichen Untersuchung der Konrad-Adenauer-Stiftung ist der Anteil der Befragten deutlich gesunken, die eine partnerschaftliche Verteilung der Aufgaben zum Beispiel bei der Arbeit im Haushalt oder den Hausaufgaben der Kinder beschreiben.“ Entfiel also mal wieder die Kinderbetreuung durch die Schließung von Schulen und Kitas, waren es vielfach die Frauen, die die damit verbundene Care-Arbeit übernahmen. In vielen Fällen war es trotz eigener Arbeit im Büro oder im Homeoffice die Aufgabe der Mütter, das Homeschooling zu begleiten und zu organisieren.

Kinder und Jugendliche sind mit am stärksten betroffen

Der Mental Health Report 2022 beleuchtet zudem die durch die Pandemie festgefahrene Situation der Kinder und Jugendlichen und sieht sie neben Frauen und Müttern als ebenfalls stark Betroffene. Denn sie sind es, die am meisten vom Lockdown und dessen Maßnahmen betroffen waren. “Nach knapp zwei Jahren Pandemie zeigt fast jedes dritte Kind psychische Auffälligkeiten“, erklärt die Psychotherapeutin für Erwachsene und Kinder Dr. rer. Medic. Deniz Kirschbaum. “Oftmals werden sie deutlich anhand von Ängsten und Sorgen, aber auch depressive und psychosomatische Symptome haben sich signifikant erhöht. Dieses Bild zeichnet sich besonders bei Kindern und Jugendlichen aus sozial schwachen Familien und Familien mit Migrationshintergrund ab. Kinder und Jugendliche aus ‘stabilen‘ Verhältnissen weisen zwar ein Stück weit mehr Resilienzfaktoren auf, dennoch ist die junge Generation generell viel stärker seelisch belastet als vor der Pandemie. Vor allem leiden sie jedoch unter den verminderten sozialen Kontakten mit der Peergroup. Diese spielen zur Entwicklung der Autonomie und der Identität eine wichtige Rolle.“

Viele der befragten Personen wussten aufgrund der eigenen psychischen Belastung um die der Kinder und Jugendlichen, deren Leben gravierend beeinträchtigt wurde. Allein 52 Prozent der Deutschen sahen die unter 19-Jährigen als die am stärksten von den Lockdown-Maßnahmen betroffene Altersgruppe. In Europa sahen das im Schnitt 43 Prozent so, in den übrigen Ländern der Welt 39 Prozent.

So hielt es die überwältigende Mehrheit der Befragten – ganze 79 Prozent – für besonders wichtig, mit Kindern über ihre psychischen Probleme zu sprechen und ihnen dadurch zu helfen, wieder aus ihrer depressiven Phase herauszufinden.

Studie soll zum Tabubruch bei psychischen Erkrankungen beitragen

Die am häufigsten genannten psychischen Erkrankungen sind laut Studie Depressionen, gefolgt von Angstgefühlen und Stress: “In unserer Studie geben 37 Prozent der Menschen in Großbritannien an, dass sie unter einer psychischen Erkrankung leiden – 23 Prozent der Befragten haben Depressionen (…) Zum Vergleich: Nur 17 Prozent der japanischen Teilnehmer:innen berichten, derzeit eine psychische Erkrankung zu haben. Bei den Teilnehmer:innen aus Deutschland sind es 28 Prozent. 19 Prozent der Befragten hierzulande leiden unter einer Depression.“

Allerdings fühlten sich die Deutschen generell mit 41 Prozent weniger stark von den Folgen der Pandemie betroffen. Der europäische Durchschnitt lag hier bei 54 Prozent. Ehepaare kamen dabei besser mit den Folgen klar als Singles: “Während circa 20 Prozent der verheirateten Befragten ihre Corona-Depression als ‘extrem schwer‘ bezeichnen, sind es bei den Alleinstehenden nahezu 30 Prozent.“

Der AXA Mental Health Report 2022 ist darauf ausgerichtet, der mentalen Gesundheit der Bevölkerung mehr Aufmerksamkeit zu schenken und dadurch das Tabu zu brechen, das in vielen Ländern noch immer vorherrscht, wenn es um psychische Erkrankungen geht. Laut dem Mental Health Report sucht sich nämlich nur ein Bruchteil der Leidenden professionelle Hilfe, “nur jede:r fünfte Deutsche geht deswegen zu Ärzt:innen.“ Die Weltgesundheitsorganisation WHO empfiehlt daher, schon bei den ersten Anzeichen einer Depression oder einer depressiven Verstimmung Kontakt zu Hausärzt:innen oder anderen Beratungsstellen aufzunehmen.

Verwendete Quelle: Mental Health Report 2022 – eine Studie von AXA

Dieser Artikel ist ursprünglich auf BRIGITTE.de erschienen.


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