Familienleben
 
Muss ein Kind Essen probieren?

Ja klar. Ein Kind muss ja auch durchschlafen.

Mädchen isst
i stock Shalamov

Und artig Guten Tag sagen.
Und gründlich Zähne putzen.
Und Bitte und Danke sagen.
Und rechtzeitig aufs Klo gehen.
Und die Wäsche in den Wäschekorb legen, statt sie auf den Boden zu schmeißen.
Und den Teller nach dem Essen in die Spülmaschine räumen.
Und ältere Herrschaften vorlassen.
Und auch mal was abgeben.
Und nachgeben.
Und...
 
Merkt Ihr was?
Nix davon macht ein Kind von allein.
Jedenfalls nicht beim ersten Mal. Und als Mutter von drei Kindern würde ich sagen: Genauso verhält es sich mit dem Essen probieren. Es dauert, bis es klappt, aber es lohnt sich, dran zu bleiben.
Selbstverständlich ist ja wohl hoffentlich, dass keiner sein Kind zwingen sollte, etwas zu essen, was es partout nicht essen will. (Ich erinnere mich, dass ich als Kind tatsächlich Sachen heruntergewürgt habe unter größtem Ekel, Schweißausbrüche inklusive. Das kann es auch nicht sein.)
 
Aber wenn ich etwas über Erziehung gelernt habe in den letzten zwölf Jahren, dann ist es das: Steter Tropfen höhlt den Stein.
Immer wieder versuchen und anbieten und probieren lassen. Denn manchmal tun sich überraschend Fenster auf in den kleinen Sturköpfen und mit einem Mal lieben sie Mozzarella, den sie gestern noch eklig und glibberig fanden.
 
Geschmäcker ändern sich einfach. Oder hättet Ihr mit sechs gedacht, dass Ihr als Erwachsene gern mal ein Bierchen trinken würdet? Was jetzt bitte NICHT heißen soll, dass Kinder Bier probieren sollen! Ihr wisst, was ich meine: Man kann nur schätzen lernen, was man mal probiert hat.
 
Wo ich allerdings richtig eng werde, ist, wenn ständig am Tisch gemeckert wird über das, was ich in mühevoller Arbeit gekocht habe. Jeder hat ja das Recht zu sagen: „Ich möchte nur Kartoffeln heute.“ Aber bitte, ohne vorher angewidert in den Topf zu gucken und „Äh, schon wieder ekliges Kassler!“ zu verkünden.
 
Kinder müssen eben lernen, höflich zu bleiben.
Und sich zusammenzureißen.
Und nicht zu schmatzen.
Und nicht zu schlürfen.
 
Und Mamas müssen lernen, nicht alles persönlich zu nehmen.
Klappt auch nicht beim ersten Mal. Aber Dranbleiben lohnt sich.