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Kolumne Warum positives Feedback für junge Eltern so wichtig ist

Mutter sein: Mutter und Tochter
© Liderina / Shutterstock
In ihrer ersten Kolumne schreibt Nora, warum es für junge Eltern so wichtig ist, ganz gezielt positives Feedback und Ermutigung zu suchen.

Meine erste Tochter war erst wenige Wochen alt, als wir eines Tages auf unserem Morgenspaziergang von einem Fremden angesprochen wurden. "Himmel, ist das ein dickes Baby!", sagte er und warf einen missbilligenden Blick auf die rundlichen nackten Beinchen meiner Kleinen. "Dem sollten Sie mal nicht so viel zu essen geben!"

Die ersten negativen Kommentare als Mutter

Das ist der erste Negativ-Kommentar, den ich als Mutter bekommen habe, und später sollten noch einige folgen. Mal war es verkehrt, dass ich mein Baby im Tragetuch trage, mal wurde das Fehlen einer Mütze bemängelt. Nach der Babyzeit waren meine Kinder dann gern mal zu laut, zu wild oder zu eigenwillig und ich als Mutter wahlweise streng oder zu lasch. Meist wurde mir die Schelte persönlich überbracht, oft entnahm ich sie der Zeitung oder dem Internet.

"Stell einfach die Ohren auf Durchzug", sagte meine Mutter. "Lass die Leute reden", zitierte mein Mann die beste Band der Welt. Doch so einfach war es nicht. Die Kritik berührte mich schließlich im Kern meiner gerade erst neu entstehenden Identität: Ich war jetzt Mutter. Und ich wollte meine Sache nicht nur irgendwie okay machen. Sondern richtig, richtig gut. Und woran erkennen wir in der modernen Leistungsgesellschaft, dass wir etwas richtig gut machen? Am Lob der anderen.

Tatsächlich ist unser Lechzen nach positiven Rückmeldungen kein neuartiges Phänomen, sondern tief in unserer menschlichen Psyche verwurzelt. Schließlich sind wir Menschen soziale Wesen, zum Leben in der Gemeinschaft gemacht – und als solche darauf angewiesen, Negativ-Feedback ernst zu nehmen. Es gibt dabei nur ein Problem: den sogenannten Negativity Bias oder Negativitätseffekt, also die Tendenz unseres Gehirns, Unangenehmem und Verletzendem viel mehr Bedeutung beizumessen als Positivem.

Um Kritik wegzustecken, brauchen wir alle einen deutlichen Überhang an positiven Rückmeldungen

Aus menschheitsgeschichtlicher Sicht ergibt das durchaus Sinn: Gefahrensituationen exakt in Erinnerung zu behalten war fürs Überleben unserer Vorfahren oft wichtiger, als Schönes, Leichtes und Gutes abzuspeichern. Heute ist diese Unwucht im Einfluss positiver und negativer Rückmeldungen auf unser Wohlergehen jedoch oft echt hinderlich. Zum Beispiel für Paare, die gerade Eltern geworden sind und vor lauter Erschöpfung in Streit darüber geraten, wer sich ja auch mal bequemen könnte, sich um das eigene Kind zu kümmern, statt auf der faulen Haut zu liegen. "Wo das Wort vorbei fliegt/verdorren die Gräser/werden die Blätter gelb/fällt Schnee", beschreibt die Dichterin Hilde Domin das seelische Gift, das solche Konflikte freisetzen können, vor allem, wenn die Sprache dabei ins Respektlose abgleitet. Das Gegengift sind liebevolle Interaktionen voller Wertschätzung, Anerkennung und Respekt.

Doch weil der Negativitätseffekt so stark wirkt, wiegt nicht ein freundliches Wort ein kritisches auf – sondern eher fünf. Diese 5-zu-1-Formel stammt von dem Psychologieprofessor und Paartherapeuten John Gottman. Seine wichtigste Erkenntnis: Wir alle brauchen einen deutlichen Überhang an positiven Rückmeldungen, um ab und zu auch ein wenig Kritik wegstecken zu können. Und das gilt nicht nur in Paarbeziehungen, sondern auch im Umgang mit Fremden.

Anstatt uns also aus lauter Angst, verletzt zu werden, von den Blicken der anderen abzuschotten, holen wir uns lieber ganz bewusst jene Blicke ein, die uns stärken und uns helfen, uns selbst mit derselben echten Anerkennung zu betrachten, mit der uns andere ansehen.

Sind deutsche Eltern besonders zugewandt und vertrauensvoll gegenüber ihren Kindern?

Eine wahre Fundgrube solcher liebevollen Blicke von außen ist etwa das Buch "Achtung Baby", das die US-Amerikanerin Sara Zaske über ihre Zeit als junge Mutter in Berlin geschrieben hat. Voller Begeisterung und Faszination beschreibt sie darin ihren Landsleuten zu Hause, wie unglaublich zugewandt, reflektiert, vertrauensvoll und solidarisch deutsche Eltern seien und was für ein Riesenglück Kinder hätten, die ausgerechnet in Deutschland groß werden dürfen. Während amerikanische Rezensentinnen bemängeln, das Buch habe sie in erster Linie deprimiert und mit einem starken Auswanderungswillen zurückgelassen, fühlt sich das Buch aus deutscher Perspektive an wie eine einzige warme Dusche. Es ist schon unglaublich, dachte ich beim Lesen, was wir hierzulande in Sachen Kindererziehung für eine Entwicklung hingelegt haben: von der furchtbaren Nazi-Pädagogik zum liebevollen Begleiten auf Augenhöhe – und das in nur zwei Generationen. Wie wir unseren Kindern Freiheiten lassen und Leitplanken geben, ihnen zuhören und sie mitbestimmen lassen: Das machen wir wirklich, wirklich toll!

Und so kommt es, dass sich mein auf Gefahrenvermeidung gepoltes Gehirn zwar immer noch an den unhöflichen Fremden vor 14 Jahren erinnert. Doch das Verletzungspotenzial solcher Kommentare ist deutlich kleiner geworden. Durch viele liebevolle Blicke von anderen. Vor allem durch den liebevolleren Blick auf mich selbst.

Nora Imlau

Mit dieser neuen Kolumne schließt sich ein Kreis: Vor 14 Jahren fing Nora Imlau als Praktikantin in der ELTERN-Redaktion an. Seitdem hat sich vieles verändert – für ELTERN, aber auch für Nora: Schon lange schreibt sie nicht mehr nur als freie Autorin für ELTERN, sie hat einen erfolgreichen Blog (nora-imlau.de) und viel Erfolg mit Büchern wie dem Bestseller "So viel Freude, so viel Wut". Ihr großes Thema ist die bindungs- und bedürfnisorientierte Elternschaft, bei dem sie die Bedürfnisse der Eltern aber nie aus den Augen verliert. Wir in der Redaktion freuen uns, dass Nora wieder regelmäßig für uns schreibt –jeden Monat in dieser Kolumne.

9/ 2021 ELTERN

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