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"Der Wunsch" Pennys emotionaler Werbespot zu Weihnachten denkt endlich an Jugendliche – und trifft damit voll ins Schwarze

Pennys emotionaler Werbespot zu Weihnachten: Screenshot aus dem Penny Weihnachtsspot
© Penny
In Pennys neuem Weihnachtsclip wünscht sich eine Mutter, dass ihr Sohn endlich seine "Jugend zurückbekommt". Endlich denkt mal jemand an die großen Verlierer der Pandemie, freut sich unsere Autorin. 

Kinder und Jugendliche sind die großen Verlierer der Pandemie. Schließlich wird bei allen Maßnahmen zuletzt an die jungen Menschen gedacht – die eigentlich unsere Zukunft sein sollen. Doch neben all dem aufzuholenden Lernstoff und den fehlenden sportlichen Aktivitäten haben Jugendliche vor allem eins verloren: Die vielfältigen Erfahrungen auf dem Weg zum Erwachsenwerden. 

In Pennys neuem Weihnachtsclip äußert eine Mutter ihren "Wunsch". Zu Weihnachten wünsche sie sich eigentlich nur, dass ihr Sohn seine Jugend zurück bekommt, sagt sie. Dass er verbotene Partys feiert, sich verliebt, das Herz gebrochen bekommt, sturzbesoffen nach Hause kommt. Warum sollte eine Mutter sich sowas wünschen? Weil es eben zur Entwicklung dazugehört. Und wenn ich mich nur ein wenig in die Lage der jungen Menschen hineinversetze, dann schlägt mir Pennys Video mitten in die Magengrube. Denn ich fühle mit. 

Nach dem Abschluss: nichts

Eltern, Freunde und auch Bekannte werden nicht müde, zu betonen, dass der Schulabschluss das Wichtigste ist und er einem die Türen in die Erwachsenenwelt eröffnet. Man arbeitet darauf hin, bangt um die Noten, lernt in der Hoffnung, vielleicht doch nicht sitzen zu bleiben. Dann hat man es endlich geschafft. Und was erwartet die Generation Corona nach Monaten des Büffelns und Bangens?

Nichts. Keine Abschlussfeier, keine Party, kein Essengehen mit den Eltern. Vielleicht hat man noch den obligatorischen Umschlag von Oma mit ein paar Scheinen bekommen – und konnte das Geld am Ende doch für nichts ausgeben, denn man musste ja zu Hause bleiben. Ich stelle mir das wahnsinnig trist vor.

An dieser Stelle hat unsere Redaktion Inhalte aus Youtube integriert.
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Und auch, wenn wir alle verächtlich die Köpfe schütteln, wenn junge Menschen nach verbotenen Treffen und "Krawallen" im Stadtpark von der Polizei gejagt werden – ich musste kurz innehalten und mich fragen: Wäre ich in dem Alter anders gewesen? Ich kann mit 33 Jahren natürlich jetzt große Reden schwingen und sagen, dass ich eine recht vernünftige Jugendliche war. Aber wenn ich ganz ehrlich zu mir bin, kann ich nicht dafür garantieren, dass ich im Alter von 17 Jahren nicht auch zu ebendiesen Jugendlichen gehört hätte, die sich nachts im Park mit ihren Freund:innen treffen, trinken, rauchen und Musik hören. 

Solche Erfahrungen gehören zum Erwachsenwerden

Ob die Mutter einem nachts den Kotz-Eimer vor die Nase gestellt oder man auf der Party mit dem Typen aus der Parallelklasse rumgeknutscht hat, wovon am nächsten Tag Bilder kursieren und man sich wahnsinnig schämt. Oder die erste gemeinsame Reise in einer großen Gruppe, bei der man sich zerstreitet und sich dann in einen Menschen aus einer anderen Stadt verliebt. Der erste Freund oder die erste Freundin, die man meist über Freunde kennengelernt hat, wenn man irgendwo herumhing. Sei es nur, sich tatsächlich auf die Schule zu freuen, weil man dort jeden Tag den Schwarm sehen kann – wir müssen uns doch auch eingestehen, dass all diese Erlebnisse zum Erwachsenwerden dazu gehören. Und auf all das mussten Jugendliche in den letzen anderthalb Jahren verzichten.

Die Langzeitfolgen sind nicht absehbar 

Forschende aus Niedersachsen haben nun herausgefunden, dass bis zu 20 Prozent eines Schuljahrgangs infolge der Krise von der herkömmlichen Entwicklung abgehängt werden. Bei mehr als 80 Prozent resultiere aus Homeschooling, häuslichen Streitigkeiten und sozialer Isolation eine psychische Belastung. Die Langzeitfolgen, die hieraus entstehen können, sind noch nicht bekannt, die Expertinnen und Experten schlagen jedoch Alarm. Denn sie befürchten in Zukunft bei sehr vielen jungen Menschen Ängste, Essstörungen, Depressionen oder suizidale Gedanken. 

Und da ist es egal, dass ich mal ein halbes Jahr abends nicht in eine Bar gehen kann – ich habe schließlich meine Jugend- und Studentenzeit in vollen Zügen genossen. Jungen Menschen, die zur Pandemiezeit ihre Teenagerjahre durchleben, fehlen diese wichtigen Erfahrungen, die sie auch reifen lassen, jedoch. Ich stelle es mir einfach nur bescheiden vor, zur aktuellen Zeit ein junger Mensch zu sein. Genau das hat der Discounter Penny erkannt und mit dem Video mitten ins Schwarze getroffen. 

Natürlich habe ich auch im Hinterkopf, dass Penny mit der dazugehörigen Aktion "Eure Zeit kommt", bei der 5000 Erlebnisgutscheine für Jugendliche verlost werden, Werbung für seine Supermarktkette machen will. Aber wenn Werbung gut gemacht ist, dann darf man das auch mal sagen. 

Dieser Artikel erschien ursprünglich bei stern.de.

yak

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