VG-Wort Pixel

Richlove Rockson "Fett, groß, dick – alles wird negativ assoziiert"

Richlove Rockson: "Fett, übergewichtig, groß, dick – alles wird negativ assoziiert"
© Nona van de Peer
Plussize-Influencerin Richlove Rockson weiß: Als mehrgewichtige Person hat man es oftmals weder in der Schule noch im Elternhaus leicht. Im Interview verrät sie, worauf Eltern und Erzieher:innen mehr achten sollten, um ihr Kind bestmöglich zu unterstützen. 

Die Wörter "Kinder Diät" verzeichnen bei Google ungefähr 17,7 Millionen Einträge. Im Vergleich dazu: "Frauen Diät" erzielt knapp 23,7 Millionen und "Männer Diät" sieben Millionen. Wie man Kinder den Schönheitsidealen entsprechend formen kann, scheint ziemlich viele Eltern zu interessieren. Und das sicherlich nicht einmal aus einer böswilligen Intention heraus.

Manchmal geht es darum, das Kind vor Mobbing zu schützen. Manchmal werden die eigenen Ängste projiziert. Was verständlich ist, wenn man bedenkt, dass fast jede:r sechste Schüler:in gemobbt wird. Der häufigste Grund? Body Shaming. Um genauer zu sein: Fat Shaming. Hierbei erfahren Betroffene wegen ihres Gewichts Gewalt in psychischer und/oder physischer Form.

"Der Rückhalt der Familie und die Sichtbarkeit mehrgewichtiger Personen in den Medien ist ein erster Schritt mit Stereotypen zu brechen", erklärt Plussize-Influencerin Richlove Rockson. Denn das Gewicht sagt weder etwas über den Gesundheitsstatus noch über die Vorlieben oder den Charakter aus. Aber wie können Erziehende es besser machen? 

Eltern: Wann hast du dich beim Aufwachsen besonders unterstützt gefühlt?
Richlove Rockson: Ich hatte eine Freundin, die mir immer gesagt hat, ich sei wunderschön. In mir kam der Gedanke auf: Sie muss so etwas sagen, sie ist meine Freundin. Als ich dann im Teenie-Alter mit Instagram angefangen habe und auch von fremden Leuten Komplimente bekommen habe, habe ich erst meine Schönheit wahrgenommen.

Was hat dir als Heranwachsende das Gefühl vermittelt, im Stich gelassen zu werden?
Vieles kam von zuhause: Meine Mutter ist ebenfalls dicker und hat ihre Ängste aus vergangenen Erfahrungen auf mich projiziert. Was die Leute sagen, war ihr enorm wichtig. Weiße Blusen oder kurze Hosen waren für mich Tabu, denn in ihren Augen war diese Kleidung nur dünnen Menschen vorbehalten. Mittlerweile hat es sich etwas geändert. Wir lernen voneinander.

Das hat sich bestimmt auch auf die Schulzeit übertragen.
Ja, ich wurde sehr viel gehänselt. Mein Kleiderschrank war gefüllt mit Jungenklamotten, weil es die einzigen Größen waren, die gepasst haben. Als Reaktion auf das Mobbing wurde ich zunehmend aggressiv. Ich habe die Kinder dann geschlagen in der Hoffnung, sie würden aufhören und ich würde mich besser fühlen. Das ist oft eines der ersten Anzeichen dafür, dass etwas in der Schule nicht richtig läuft. Da sollten Eltern besonders die Augen offenhalten.

Richlove Rockson: "Fett, übergewichtig, groß, dick – alles wird negativ assoziiert"
© Nona van de Peer

Was sollten Eltern vermeiden?
Auf jeden Fall das Gefühl zu vermitteln, nicht dazuzugehören. Beispielsweise indem man dem Kind verbietet, gewisse Sachen zu tragen, weil es dadurch "dicker" aussieht. Oder zu zeigen, dass es nicht schön genug ist. Und vor allem Diäten, die nicht medizinisch notwendig sind. So etwas trägt nur dazu bei, dass man zeigt: "Hey, wir sind mit dir nicht zufrieden und lieben dich nicht, wie du bist."

Wie unterstützt man dabei, Selbstakzeptanz in einer Gesellschaft zu erlernen, die Vorurteile gegen mehrgewichtige Personen hegt?
Selbstakzeptanz fängt immer bei einem selbst an. Es ist wichtig zu vermitteln, dass man nicht jedem gefallen kann. Du sollst nur dir gefallen. Die Medien, die wir konsumieren, spielen dabei ebenfalls eine Rolle. Wir können Kindern – und uns selbst! – dank Social Media heute zeigen, dass sie nicht allein sind, auch wenn es sich manchmal so anfühlt.

Im Englischen nutzen Frauen Begriffe wie "Fat" als empowernde Selbstbezeichnung. Obwohl die deutsche Sprache so vielfältig und präzise ist, scheint bei uns noch der richtige Ausdruck zu fehlen.
Ja, total. "Fett", "groß", "dick" – das sind alles Worte, die im Deutschen gesellschaftlich negativ assoziiert werden. Aber vor allem bei Kindern sollte man darauf verzichten. Sie haben oftmals schon negative Erfahrungen mit diesen Begriffen gemacht. Verwende ich also eines dieser Worte, löse ich negative Gefühle in ihnen aus. Und welches Elternteil will das schon?

Quellen: PISA Studie 2015 OECD

ELTERN

Mehr zum Thema