Glosse
 
Schöner scheitern beim Versuch, meinem Kind sein nerviges Spielzeug wegzunehmen

Wer lärmempfindlich ist, sollte vielleicht keine lärmende Trommel im Haushalt haben. Das weiß jetzt auch Judith Poznan. Wenn es keinen Weg zurück gibt, hilft nur noch akustische Abschottung.

Weinendes Kind mit Mutter
Mieke Scheier
AUS! Keine Töne mehr

Ich hasse Lärm. Ist einfach so. Trotzdem habe ich meinem Sohn eine batteriebetriebene Trommel gekauft. Vielleicht war es ein Anflug von naiver Zuversicht. Ein Anfängerfehler. Jedenfalls war ausgerechnet an diesem Tag kein Verlass auf die Löcher im Gehirn einer Mutter, die dazu führen, dass ich mein Portemonnaie nie in der Tasche habe, mit der ich das Haus verlasse.

Verlass war aber auf das glückliche Gesicht meines Kindes, als ich ihm sein neues Spielzeug überreichte. Und noch verlässlicher kam der Moment, als ich ihm das Ding nach etwa 30 Sekunden zum ersten Mal wegnehmen musste.
Diese Trommel hat ein besonderes Extra. Man kann auf ihr nicht einfach nur trommeln. Sie spielt auch noch ein nerviges Lied ab, wenn man sie bewegt. Mein Sohn – soweit ich es beurteilen kann, ohne großes musikalisches Talent – hatte keine Lust zu trommeln, sondern begnügte sich damit, die Trommel anzustoßen und ihr beim Rollen hinterherzukrabbeln. Sehr zu meinem Bedauern, denn was sie abspielte, klang wie ein billiger Radio-Jingle für Teppichwerbung. Also weg mit der Trommel!

Aber jetzt wurde es ernst. Unter Einsatz seiner kleinen Arme hob mein Sohn ein ohrenbetäubendes Protestgeschrei an. Mir blieb nichts anderes übrig, als in Deckung zu gehen und die Trommel zurückzurollen.
Das Schlagwerk drehte fortan seine Runden auf unserem Wohnzimmerboden – bis ich irgendwann einen kleinen Knopf entdeckte. Zum Lautlos-Stellen! Ich kroch der Trommel jetzt auf allen vieren hinterher, und es gelang mir, sie unauffällig auf stumm zu schalten. AUS! Keine Töne mehr.

Die Trommel rollte weiter ...

Der Junge schaute verblüfft – und Zweifel überkamen mich: Sicher würde es in seinem Kopf zu extremer Verwirrung führen, dass die Trommel mal „Musik“ von sich gibt und mal nicht. Weil also das Abitur auf der Kippe stand, machte ich die Trommel schnell wieder an. Unglücklicherweise hob ich sie dafür auf, was dazu führte, dass mein Sohn wieder sein Mündchen zog und schrie. Statt seinem Spielzeug hielt ich ihm jetzt einen Fruchtriegel hin und stellte die Trommel aufs Regal.

Mein Sohn, unmusikalisch, aber nicht dumm, aß erst mal genüsslich den Fruchtriegel, erhob dann seinen Windelhintern und lief schnurstracks zum Regal. Dadadada, brabbelte er. Und weil ich mich in einer emotionalen Ausnahmesituation befand, reichte ich ihm noch einen Fruchtriegel und noch einen. Den dritten nahm ich ihm aber wieder weg, aus Angst vor einem Zuckerschock!! Wohin damit? Panisch stopfte ich den Riegel in meinen Mund, während bei meinem Kind die Tränen kullerten.
Welcher Verlust nun am meisten schmerzte, war in seinem rot angelaufenen Gesicht schwer zu erkennen. Ich tippte auf Fruchtriegel und gab ihm die Trommel zurück. Falsch! Ich nahm ihm das Spielzeug wieder weg und stellte mich seelisch auf den nächsten entsetzlichen Schrei ein.

Das Handy schien mir jetzt das perfekte Ablenkungsmittel zu sein, damit ich in Ruhe meine Strategie überdenken kann. Leider fiel mir keine ein – deshalb rollte ich mit meinem Fuß die Trommel in sein Sichtfeld, zog ihm gleichzeitig das Smartphone aus seiner Hand, rannte schnell zur Schublade mit den Kopfhörern und ließ mich mitsamt Handy und Ohrstöpseln geschlagen auf die Couch fallen. Die Trommel rollte weiter ...

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