Umstrittene RTL-Serie
 
"Sie können sich nicht wehren"

Eltern verleihen ihre Kinder an Teenager-Paare. Das kann nicht wahr sein, dachten viele, als RTL seine Doku-Soap "Erwachsen auf Probe" ankündigte. Das senden die nie. Doch, tun sie. Jetzt lief die erste Folge. Nicht nur RTL, auch die Eltern stehen in der Kritik: "Man gibt sein Kind ohne Not nicht weg", sagt der Psychiater und Familientherapeut Manfred Cierpka.

Abschreckung für junge RTL-Zuschauer?

Umstrittene RTL-Serie: "Sie können sich nicht wehren"

Teenager-Paare sollen ihre Eltern-Qualitäten testen - und den jugendlichen Zuschauer am Bildschirm davon abhalten, unüberlegt Kinder in die Welt zu setzen (ob Teenager-Schwangerschaften in Deutschland wirklich ein gravierendes Problem sind, bezweifeln Fachleute). Praktisch sieht das Experiment so aus: Die vier Teenie-Pärchen (zwischen 16 und 19 Jahren alt) bekommen jeweils für vier Tage und vier Nächte ein Baby ausgehändigt, später für die gleiche Zeit ein Dreijähriges, danach ein sechsjähriges Kind und schließlich einen pubertierenden 14-Jährigen.

Massiver Protest von Experten

Einen "Crashkurs zum Erwachsenen-Dasein" verspricht RTL - und es fragt sich, was dabei alles zu Bruch geht. Experten fürchten: Hier kommen vor allem die ausgeliehenen Kinder zu Schaden. Der Kinderschutzbund sieht eindeutig das Kindeswohl gefährdet, ein Verein "Verantwortung für die Familie" hat Strafanzeige gegen die ausleihenden Eltern gestellt, und Bundesfamilienministerin Ursula von der Leyen forderte RTL auf, "die Sendung zu stoppen oder gründlich zu überarbeiten".

Immer dabei: Erzieherin, Kinderkrankenschwester und Psychologin

Vierfache Mutter, "Mami-Buch"-Autorin: RTL macht Katja Kessler zur Expertin
RTL / Frank Hempel
Vierfache Mutter, "Mami-Buch"-Autorin: RTL macht Katja Kessler zur Expertin

Der Sender versteht die Aufregung nicht recht und verweist darauf, dass für die Sicherheit der Kinder jederzeit gesorgt sei: Eine Erzieherin, eine Kinderkrankenschwester und eine Psychologin waren beim Dreh immer in der Nähe - nicht zu vergessen die RTL-Expertin Katja Kessler mit ihrem Fachwissen als Zahnärztin, BILD-Chef-Gattin, vierfache Mutter und "Mami-Buch"-Autorin.

RTL-Sprecher: Eltern geben Kinder auch in die Kita

Kinder blieben auch nachts bei Leih-Eltern

Viel Kritik müssen sich die Eltern anhören, die ihre Babys und Kleinkinder für das Experiment zur Verfügung stellen. Auf die Frage, ob er diese Kritik verstehe, sagte RTL-Sprecher Frank Rendez: "Es ist es ja nicht so, dass Mütter heutzutage immer zu Hause bleiben. Viele müssen ihre Kinder weggeben, zum Babysitter oder in eine Kindertagesstätte." Im Übrigen hätten die Mütter jederzeit die Möglichkeit gehabt einzugreifen - und selbst zu entscheiden, ob ihr Baby nachts bei den Teenager-Eltern bleibt, oder ob sie es zu sich holen.

Wie der RTL-Sprecher allerdings zugibt, wollte nur eine der leiblichen Mütter ihr Kind nachts bei sich haben, die anderen drei Paare hatten offenbar kein Problem damit, es den Versuchspersonen zu überlassen.
Bekommen die Mütter Geld dafür, dass sie ihr Kind verleihen? "Ein Honorar zahlen wir nicht", sagt Frank Rendez, "nur eine Aufwandsentschädigung". Über deren Höhe mochte der RTL-Sprecher allerdings nichts sagen.

Interview: "Das macht man nicht"

Sandra G. (29) beobachtet ihre Zwillinge Chiara und Alicea (7 Monate), um die sich Lila (19) und Sebastian (16) kümmern. Sie findet, dass die beiden Teenager ihre Sache sehr gut machen.
RTL
Sandra G. (29) beobachtet ihre Zwillinge Chiara und Alicea (7 Monate), um die sich Lila (19) und Sebastian (16) kümmern. Sie findet, dass die beiden Teenager ihre Sache sehr gut machen.

Was geht in Kleinkindern vor, die von ihren Eltern für mehrere Tage an fremde Menschen abgegeben werden? Darüber sprach Eltern.de mit dem Psychiater und Familientherapeuten Manfred Cierpka. Der Professor an der Uni Heidelberg forscht seit Jahren zum Thema Eltern-Kind-Kommunikation. Hier geht's zum Interview

Übrigens wollten wir auch der RTL-Psychologin, die den Dreh begleitet hat, ein paar Fragen stellen. Leider war sie vor dem Sendestart nicht bereit, mit ELTERN.de zu sprechen. Auch RTL-Expertin Katja Kessler stand für ein Interview nicht zur Verfügung. Deshalb bleiben wir Ihnen eine Antwort der vierfachen Mutter schuldig: Ob sie selbst bereit gewesen wäre, eines ihrer Kinder für das RTL-Experiment zur Verfügung zu stellen?

"Das macht man nicht"

Umstrittene RTL-Serie: "Sie können sich nicht wehren"

Was geht in Kleinkindern vor, die von ihren Eltern für mehrere Tage an fremde Menschen abgegeben werden? Darüber sprach ELTERN.de mit dem Psychiater und Familientherapeuten Manfred Cierpka. Der Professor an der Uni Heidelberg forscht seit Jahren zum Thema Eltern-Kind-Kommunikation.


ELTERN: Ist das RTL-Experiment für die beteiligten Kinder wirklich so problematisch, wie die Kritiker behaupten?
Manfred Cierpka: Ich halte das für Missbrauch. Weil die Kinder hier benutzt werden, nicht zuletzt für merkantile Interessen. Sie können sich nicht wehren. Davon mal ganz abgesehen: Man gibt sein Kind nicht weg. Das macht man einfach nicht, außer wenn seine Gesundheit bedroht ist und es zum Beispiel ärztlich Hilfe im Krankenhaus benötigt.


Der Sender argumentiert: Jeden Tag geben bei uns Zigtausende Mütter und Väter ihre Kleinkinder ab, beim Babysitter, bei der Tagesmutter, in der Krippe.
Aber hier machen sie das ohne Not. Das ist gegen die menschliche Intuition. Eltern tun so etwas normalerweise nicht, weil sie wissen, dass Babys ihren Schutz benötigen. Irgendwie scheint RTL das ja auch geahnt zu haben. Sonst hätten sie den Paaren nicht eine Psychologin, eine Erzieherin und eine Krankenschwester zur Seite gestellt. Ich vermute, die wissen, was sie tun.


Aber hat der Sender nicht recht, wenn er auf all die Eltern verweist, die ihr Kind täglich in die Obhut anderer Menschen geben?
Das ist nun wirklich etwas ganz anders. Erstens gibt man sein Baby nur für einige Stunden zur Tagesmutter oder in die Krippe. Und zweitens soll bei der Kinderbetreuung ja eine dauerhafte Bindung zu der neuen Person aufgebaut werden. Gute Kinderkrippen bieten eine mehrwöchige Eingewöhnungszeit an, in der das Kind - zunächst in Anwesenheit von Mutter oder Vater - langsam Vertrauen zu seiner neuen Bezugsperson fassen kann. Das wird bei RTL kaum möglich gewesen sein.


Die Versuchsbabys in den bisher abgedrehten Folgen sind 7, 9, 10 und 14 Monate alt. In dieser Zeit, heißt es, reagieren Kinder sehr empfindlich auf Fremde.
Man fragt sich tatsächlich, was die Verantwortlichen sich dabei gedacht haben. Zwischen dem siebten und dem neunten Monat beginnt die sogenannte Fremdelphase oder Achtmonatsangst. In dieser Zeit machen Kinder einen Reifungsschub durch, in dem sie das Getrenntsein von ihren Bezugspersonen besonders intensiv und schmerzvoll wahrnehmen. Sie haben jetzt verstärkt das Bedürfnis, sich bei Mutter oder Vater rückzuversichern.


Und wenn sie das wiederholt und über Tage nicht können? Immerhin hat, wie der Sender sagt, nur eine der vier leiblichen Mütter, ihr Baby nachts zu sich geholt.
Dann stürzt sie das in eine wirklich kritische Stress-Situation. Das erschüttert ihr Sicherheitsbedürfnis massiv. Natürlich kann man jetzt sagen: Das lässt sich irgendwann wieder reparieren - wie die meisten Kinder ja auch einen Klinikaufenthalt ohne Eltern mit der Zeit verarbeiten. Aber wir wissen es nicht.


Nach den Baby-Tagen müssen die Teenager-Paare mit dreijährigen Versuchskindern klarkommen.
Auch das ist eine heikle Phase, wenn man bedenkt, wie schwer sich viele Dreijährige mit dem Kindergartenstart tun. Man könnte fast meinen, der Sender sucht gerade deshalb Kinder in sensiblen Entwicklungsphasen, um die jugendlichen Paare unter möglichst großen Stress zu setzen.


Sehen Sie auch die Teenager als Opfer?
Ja. Ich halte es überhaupt für eine unsinnige Idee zu glauben, man könne mit der Sendung Teenager-Schwangerschaften verhindern. Selbst wenn 16-Jährige sich durch so eine Sendung beeindrucken lassen sollten: Die strukturellen Defizite, die bei gefährdeten Jugendlichen vorhanden sind, dass sie also zum Beispiel nie gelernt haben, verantwortlich zu handeln - diese Defizite lassen sich auch durch einen kleinen Schock nicht beheben. Da helfen nur langfristige Präventionsmaßnahmen, die Jugendlichen langsam nachreifen lassen. Zum Beispiel Kurse und Programme mit Baby-Puppen, die über einen Zeitraum von Monaten oder Jahren laufen und in den Schulalltag bzw. die Ausbildung eingebettet sind.

Hätten Sie bei der Serie mitgemacht und Ihr Kind den Jugendlichen übergeben?