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Studie zeigt Suizidversuche bei Kindern sind drastisch gestiegen

Suizidversuche bei Kindern: Teenager kauert an Wand
© Orawan Pattarawimonchai / Shutterstock
Eine Studie der Essener Uniklinik hat untersucht, wie sich die Zahl der Suizidversuche bei Kindern während des zweiten Lockdowns entwickelte. Das Ergebnis ist besorgniserregend.

Dass die Pandemie Einfluss auf die mentale Gesundheit von Kindern hat, haben bereits einige Untersuchungen gezeigt. So hat zum Beispiel die DAK einen Sonderbericht verfasst, der über die Zunahme von psychischen Erkrankungen und Essstörungen bei Kindern informiert.

Ein Team der Essener Uniklinik hat jetzt untersucht, wie viele Patient:innen im zweiten Lockdown nach einem Suizidversuch auf die Kinderintensivstation kamen. Stationsleiter Prof. Christoph Dohna-Schwake stand der Westfälischen Rundschau im Videotalk "19-die Chefvisite" dazu Rede und Antwort. 

Was wurde genau untersucht?

Herangezogen wurden die Daten von 27 deutschen Kinderintensivstationen und mit der Zahl vor dem ersten Lockdown verglichen. Das erschreckende Ergebnis: Von März bis Mai 2021 wurden dreimal so viele Patient:innen nach einem Suizidversuch eingeliefert wie vor der Pandemie. "Vergleicht man die Zahlen mit dem ersten Lockdown, als es weniger Suizide gab, hat sich die Zahl sogar vervierfacht", sagt Prof. Dohna-Schwake. Hochgerechnet geht der Mediziner von 450 bis 500 Aufnahmen von Patient:innen nach einem Suizid aus. Die Studie der Essener Uniklinik sei noch nicht veröffentlicht, sondern zur Publikation eingereicht.

Wir haben nicht mit diesem hohen Anstieg gerechnet

Ein Anstieg um das Dreifache –  das war für die Mediziner:innen trotz der zunehmenden psychischen Erkrankungen von Kindern eine Überraschung. Prof. Dohna-Schwake erzählt: "Wir haben eher das Eineinhalbfache oder Zweifache gedacht!"

Was ist der Grund für die hohen Zahlen?

Zu den Gründen kann der Experte natürlich nur mutmaßen: "Ich erkläre mir das so, dass man sich im ersten Lockdown, als alles noch relativ neu war und man eine Aussicht auf Besserung hatte (...), zusammengerissen hat". Zudem sei das Wetter sehr gut gewesen. Der zweite Lockdown habe sich dann gezogen wie Kaugummi und es habe weniger Zuversicht gegeben. Kinder und Jugendliche, die vielleicht schon an depressiven Verstimmungen litten, könnten im Suizidversuch einen Hilferuf gesehen haben.

Nicht außer Acht zu lassen bei dem Thema ist sicherlich der Umstand, dass auch die häusliche Gewalt zu Lockdownzeiten angestiegen ist. Der Weiße Ring hat davon gesprochen, das die Zahl der Anrufe beim Opfertelefon von 2019 auf 2020 um 20 Prozent gestiegen sei. Bei die Auswertung für 2021 wird mit einem ähnlichen Trend gerechnet.

Sollten Schulen geöffnet bleiben?

Immer wieder entbrennen Diskussionen darüber, ob mit den steigenden Coronazahlen auch die Schulen wieder geschlossen werden sollten. Prof. Dohna-Schwake weist in dem Zuge auf die Wichtigkeit von sozialen Kontakten für Kinder außerhalb von digitalen Medien hin. Für ihn eine präventive Maßnahme, um psychische Erkrankungen zu verhindern. "Meine Empfehlung wäre, solange es irgendwie geht, die Schulen offen zu halten."

Wie ist die Studie einzuordnen?

Spiegel Online hat einen Text veröffentlicht, der einige Unschärfen der Studie aufzeigt. Das Medium hatte dazu Prof. Dohna-Schwake befragt. Da die Studie noch nicht veröffentlicht ist, sei sie noch nicht durch das sogenannte Peer-Review-Verfahren gelaufen, bei dem sie von anderen Forschern überprüft wird. Außerdem seien einige Kinderintensivstationen mit in die Hochrechnung eingeflossen, die sich vor allem um Frühgeburten kümmern. Das könne die Ergebnisse verzerren. Auf der anderen Seite seien Jugendliche, die in Erwachsenenintensivstationen aufgenommen wurden, nicht erfasst worden.

Ein weiterer Kritikpunkt von Spiegel Online: Die Forscher hätten bei ihrer Hochrechnung vorausgesetzt, dass in allen Kliniken der Anstieg der Suizidversuche so dramatisch ausfällt wie in den untersuchten Einrichtungen. Selbst überprüft, ob die Kinder wegen eines Suizidversuchs oder eines Unfalls eingeliefert wurden, hätten die Mediziner auch nicht. Das könnten die Koleg:innen laut Dohna-Schwake jedoch in der Regel verlässlich beurteilen.

Trotz der aus ihrer Sicht bestehenden Unschärfen, ordnen die Autorinnen des Spiegel-Artikels die Studie als besorgniserregend ein und stellen fest, dass das Problem der psychischen Belastung von Kindern und Jugendlichen durch die Pandemie real ist.

Information zu Hilfsangeboten

Du oder jemand aus deiner Familie hat suizidale Gedanken? Die Telefonseelsorge bietet Hilfe an. Sie ist anonym, kostenlos und rund um die Uhr unter 0800/1110111 und 0800/1110222 erreichbar. Eine Liste mit bundesweiten Hilfsstellen findet sich auf der Seite der "Deutschen Gesellschaft für Suizidprävention". Die Nummer gegen Kummer für Kinder und Jugendliche erreicht man unter 116 111.

Verwendete Quellen: WR.de (Videotalk „19 – die Chefvisite“), tagesschau.de, spiegel.de

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