Nachhaltigkeit
 
Umwelt in der Krise – Sind wir noch zu retten?

Bei der Umweltkrise stehen wir Erwachsenen schlecht da. „Ihr habt unsere Zukunft auf dem Gewissen, warum tut ihr nichts?“, rufen die Schüler auf den „Fridays for Future“-Demos. Auch Greta Thunberg klagt an. Wir haben Eltern und Kinder an einen Tisch geholt. Und den Ökonom Niko Paech um Rat gefragt: Wie können wir anfangen?

Flasche Plastikmüll Meer
plainpicture/Cavan Images/Christophe Launay
Inhalt: 
Fridays for Future – Was 2018/2019 geschahHaben wir Alten es vergeigt? 5 Anstöße zum Selbst-aktiv-Werden

Fridays for Future – Was 2018/2019 geschah

Im August 2018 ging es los: Die schwedische Schülerin Greta Thunberg hat Angst um das Klima und die Nase voll von ignoranten Erwachsenen. Sie setzt sich zum Streik auf das Stockholmer Pflaster. Seitdem ist eine Menge passiert.

Die Fridays for Future Aktionen 2018/2019

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Haben wir Alten es vergeigt?

Weltkarte Umweltschutz
plainpicture/Westend61/Achim Sass

Darüber kann man streiten.
Obwohl sich Eltern und Jugendliche vorher nicht kannten, haben sie sich mit uns an einen Tisch gesetzt: Zwei Generationen im Gespräch über die Umwelt-Krise – und weshalb die Schuldfrage uns nicht vorwärts bringen kann. Mit dabei sind:

  • PENÉLOPE KALLIN-TERIS, 14, Schülerin aus München, war eine der Ersten aus ihrer Klasse, die sich – trotz Verbots seitens der Schule – an den „Fridays for Future“-Demonstrationen beteiligte.
  • SAMUEL PALACIOS-STRAUSS, 14, Penélopes Mitschüler und -demonstrant, schrieb eine Nachricht an die Demo-Veranstalter, in der er darauf aufmerksam machte, dass es besser sei, auf das Auto zu verzichten, das dem Demonstrationszug vorausfuhr. Durch seinen – wie auch den Widerspruch anderer Teilnehmer – wird das Fahrzeug jetzt nicht mehr eingesetzt.
  • VOLKER KREISL, 52, Journalist und dreifacher Vater, kommt ins Grübeln, seit seine Tochter sich nur noch vegan ernährt. Ein Auto braucht er in der Stadt sowieso nicht. Unentschlossen ist er bei der Frage, ob hin und wieder ein Flug in den Süden drin ist oder nicht.
  • ANDREA WOZNIAK, 53, Wirtschaftsmathematikerin und zweifache Mutter, entdeckte ihr ökologisches Gewissen mit der Elternschaft. Beruflich orientierte sie sich seither immer mehr in eine Richtung, die sich mit ihren Werten vereinbaren ließ. Sie sitzt im Aufsichtsrat des Kartoffelkombinats, ein Verein für solidarische Landwirtschaft vor den Toren Münchens. Außerdem hat sie für die Green City AG, einem integrierten Energie- und Verkehrswendeunternehmen, gearbeitet. Zurzeit beschäftigt sie sich mit grünen Finanzanlagen.

ELTERN family: Es ist jetzt bald ein Jahr her, dass Greta Thunberg zum ersten Mal vor dem schwedischen Parlament demon­striert hat. Wie lange seid ihr schon beim „Fridays for Future“­-Schulstreik dabei?
Samuel: Wir machen seit Mitte März mit. Es hat mich ganz schön Überwindung gekostet, einfach die Klasse zu verlassen, obwohl die Schule die Teilnahme verboten hat. Erst wollten viel mehr Mitschüler mitgehen. Getraut haben sich dann Penélope und ich ... und noch zwei andere. In­zwischen sind es noch fünf Schüler, die freitags nicht dabei sind.

Hattest du schon vorher ein ökologisches Bewusstsein?
Samuel: Nein, die Demos und die ganze Debatte haben mich erst aufgeweckt. Ich wundere mich aber schon, warum die Generation vor uns nicht mehr getan hat ... Denn man weiß ja eigentlich schon sehr lange, dass wir auf einen Klimawandel zusteuern.

Andrea und Volker könnten vom Alter her eure Eltern sein. Fragt sie doch mal ...
Penélope: Also, warum habt ihr’s so weit kom­men lassen?
Volker: Hm, das Umwelt­-Thema war natürlich schon damals immer wieder mal präsent. Neben der atomaren Bedrohung, die in den Medien eine große Rolle spielte. Aber klar: Der GAU in Tscher­nobyl ... das ist ziemlich nah an uns herangerückt. Plötzlich durfte man nicht mehr draußen im Re­gen rumlaufen, weil der nicht nur sauer, sondern sogar radioaktiv war. Aber demonstriert habe ich nie, meine Freunde auch nicht.
Andrea: Obwohl es natürlich Demos gab. Gegen die Wiederaufbereitungsanlage in Wackersdorf zum Beispiel. Da war richtig was los – genauso wie heute am Hambacher Forst. Ich glaube, wenn man jung ist, kommt es sehr darauf an, was man für eine Peer Group hat. Man geht einfach mit den anderen mit und wird von dieser Gruppe geprägt. Bei mir kam das erst viel später. Erst mit den Kindern ist mir meine Mitverantwortung klar geworden.

Habt ihr ein schlechtes Gewissen euren Kindern gegenüber?
Volker: Vielleicht wäre es ein Zeichen größerer Reife, aber ich habe tatsächlich kein schlechtes Gewissen. Ehrlich nicht. Ich führe kein überbordendes Leben und habe mir noch nie mal eben so einen Las-Vegas-Trip oder Ähnliches gegönnt. Sicher hätte ich aktiver sein können – so wie du, Samuel –, aber Menschen, die so früh so klare Ansichten haben, gibt es eben nicht sehr viele.
Samuel: Trotzdem kann ich überhaupt nicht verstehen, weshalb nicht wenigstens die Politiker durchgreifen. Die schauen doch größtenteils einfach zu, wie es immer weiter den Bach runtergeht.
Volker: Na ja, Politiker sind nicht in erster Linie Umweltschützer. Wenn es zum Beispiel um den Kohleabbau geht, dann sehen die natürlich auch die Arbeitsplätze, die da dranhängen. Letztendlich können sie nicht einfach auf den Tisch hauen, sondern stehen zwischen den Interessen mächtiger Konzerne.
Andrea: Ich finde sowieso, dass es nichts bringt, mit dem Finger auf andere zu zeigen. Zu diskutieren, ob nun die Politiker schuld sind oder die vorherige Generation, das ist Unsinn. Der Mensch ist generell sehr träge – egal, ob alt oder jung – und handelt erst, wenn’s richtig wehtut.

Der Sommer 2018 war ja nun schon beunruhigend heiß. Zumindest im Norden ist der Boden regelrecht verbrannt.
Samuel: Man könnte auch sagen ... es war schön warm. Aber dass die Eltern- Generation nicht allein die Verantwortung trägt, merke ich inzwischen auch. Bei den Demos weiß ich genau, welche meiner Mitschüler die Sache ernst nehmen ... und wer nur mitgeht, um Schule zu schwänzen und eigentlich der Meinung ist „Bringt ja eh alles nix, was geht’s mich an?“.
Penélope: Aber was tust du denn noch – außer zu demonstrieren?
Samuel: Ich achte zum Beispiel darauf, dass wir zu Hause weniger Fleisch essen und Glasflaschen verwenden. Auf nachhaltige Klamotten. Und zur Schule fahre ich natürlich öffentlich.
Penélope: Wir leben relativ weit von der Schule entfernt. Meine Mutter bringt mich deshalb mit dem Auto, das dauert sonst ewig.
Samuel: Echt? Ich fahre auch etwa 50 Minuten in die Schule. Da wäre ich konsequenter. Man kann ja nicht etwas einfordern – und sich dann selbst mit dem Auto vorfahren lassen. Einige Schüler haben übrigens – statt zu demonstrieren – die Parkplätze vor der Schule blockiert, um da auch mal ein Zeichen zu setzen.
Penélope: Na ja, dafür kaufe ich mir zum Beispiel kaum Klamotten. Ich habe fünf Hosen im Schrank – das reicht mir völlig. Wenn Freundinnen shoppen gehen, bin ich sicher nicht dabei.

Flugzeug CO2
plainpicture/Cultura/Seb Oliver
Wie viel Mobilität hält der Planet noch aus?

Viele von euch machen ja nach dem Abschluss ein Gap Year und reisen dann durch die Welt ...
Samuel: Ja, ich habe jetzt auch zur Konfirmation das Geld für einen Flug nach Ecuador bekommen. Allerdings lebt dort mein Vater, den ich zuletzt als Dreijähriger gesehen habe. Da werde ich 13 Stunden in der Luft sein. Und ich habe ein sehr schlechtes Gewissen. Fliegen werde ich trotzdem, aber dann auch Geld spenden, und alles tun, um den Schaden zu begrenzen.
Andrea: Ja, das ist verständlich, dass du deinen Vater sehen möchtest. Aber einfach nur so zu fliegen, in den Urlaub, weil das bequemer ist und schneller geht, das kommt für mich und meinen Mann nicht mehr in Frage. Da ist in unseren Köpfen inzwischen eine Grenze entstanden, die wir nicht mehr überschreiten.
Volker: Respekt! Fehlt dir da nicht auch etwas?
Andrea: Es ist ein gutes Gefühl, seinen Werten entsprechend zu handeln. Die deutsche Mittelschicht ist ja sehr aufgeklärt, was Umweltthemen angeht, tut aber oft das Gegenteil, weil sie einfach genug Geld zur Verfügung hat ... für Flüge und Ähnliches. Wir fahren zum Beispiel nur dorthin, wo wir mit dem Zug gut hinkommen. Georgien, wo wir sehr gern hinreisen würden, fällt jetzt leider flach. Aber dafür erspart sich meine Familie die kognitive Dissonanz . Und beruflich habe ich auch keine Gewissensbisse mehr, weil ich seit Jahren nur noch für grüne Firmen arbeite.
Volker: Okay, im Job komme ich um Flüge nicht herum, weil ich zu vielen Veranstaltungen, über die ich als Journalist berichte, einfach nicht mit dem Zug reisen kann. In der Stadt brauche ich aber kein Auto, ich besitze auch keins. Für private Reisen leihe ich mir öfter eins aus. Und versuche dann, Einwegbecher an den Autobahn-Raststätten einzusparen.

Ach ja, die Getränke-Nummer. Der Ökonom Niko Paech meint ja, dass wir unser schlechtes Gewissen oft einfach in Bionade ertränken.
Volker: Es mag nur ein kleiner Beitrag sein, aber ein Einwegbecher weniger ist einer weniger. Und ich merke auch, dass meine Kinder einen Einfluss auf mich haben. Meine Tochter ernährt sich seit einer Weile vegan. Seitdem achte ich auch darauf, weniger Fleisch zu essen. Und wenn, nur Gutes vom Bio-Metzger.
Samuel: Irgendwie würde ich aber schon gern mehr tun, als das bisschen, was man so privat macht. Ich hätte gern mehr Einfluss. Es nervt mich auch, dass ich noch nicht wählen darf.
Andrea: Aber jeder kann sich doch selbst überlegen, was er beitragen kann. Ich habe zum Beispiel gerade mit anderen eine Firma im Bereich nachhaltiger Fonds gegründet.
Samuel: Gute Idee. Meine große Leidenschaft ist, mit Freunden Filme zu drehen. Da könnte ich das Thema natürlich auch aufgreifen – und eine Doku drehen. Ich habe schon länger so eine Idee.
Penélope: Und ich bearbeite gerade meinen kleinen Bruder, damit er freitags auch mit zur Demo kommt. Der interessiert sich sonst noch gar nicht für so was ...

Was können wir tun?

Niko Paech Oekonom
Augustin LE GALL/HAYTHAM-REA/laif
NIKO PAECH, Volkswirt und Umweltökonom ohne Auto und Smartphone

Der Volkswirt und Umweltökonom Prof. Niko Paech hat kein Auto, ist Vegetarier, besitzt kein Smartphone. Er lebt und fordert die „Kunst der aktiven Selbstbeschränkung“. Er hält auch immer wieder Vorträge in Schulen.

Hier fünf Anstöße zum Selbst-aktiv-Werden.

Mach dir nichts vor
Mit dem Auto täglich in der Stadt rumkurven? Nach Lust und Laune Fleisch essen? Und in den Ferien das Weite suchen? „Die Leute argumentieren heute so, dass sie im Winter unbedingt auf die Malediven fliegen müssen, weil ihnen das Wetter in Deutschland nicht zuzumuten sei. Ich halte das für neo-feudale Anmaßung“, empört sich Niko Paech. Auch die digitale Technik, die vor ein paar Jahrzehnten noch reine Fiktion war, wird heute von uns als unentbehrlich dargestellt. „Dabei untergräbt auch sie unsere Lebensgrundlagen. Wenn der Strom ausfällt, bricht das soziale Gefüge dieser Gesellschaft zusammen.“
Wirklich so schlimm? Laut Paech befinden wir uns in einem gigantischen Selbstversuch, dessen möglichen fatalen Ausgang wir verdrängen. Was aber können wir gegen die große Selbstüberschätzung tun? „Man kommt schon mit Anstand weiter, nämlich mit der einfachen Frage: Was steht mir eigentlich zu? Was brauche ich wirklich? Die Selbstbeschränkung ist die wichtigste Fähigkeit des 21. Jahrhunderts.“ Paech hält sich für nichts Besonderes – und gerade das macht ihn wohl zu einem verantwortungsbewussten Menschen: „Ich bin – wie jeder von uns – nur ein einfacher kleiner Homo sapiens. Sag dir täglich: Ich bin nicht Captain Kirk!“

Fang bei dir an
Gegen den Schulstreik ist nichts einzuwenden, nur reicht das Demonstrieren natürlich nicht aus, wenn man etwas verändern will. Auf die Politik könne man da lange warten, meint Niko Paech: „Politiker werden von Mehrheiten gewählt, die man mit Argumenten nicht erreichen kann. Um ihre Macht zu erhalten, verteilen sie dann Geschenke auf Kosten der Ökosphäre.“ Umso mehr wundert es ihn, wenn ihm von jungen Demonstranten Manifeste vorgelegt werden, in denen steht, die alleinige Verantwortung für die Umwelt trügen die Erwachsenen, sie selbst hätten damit nichts zu tun. „Schuldzuweisungen bringen gar nichts. Aus der ‚Fridays for Future‘-Bewegung kann nur etwas werden, wenn die Jugendlichen selbst Verantwortung übernehmen – und ihren Prinzipien treu bleiben. Wir brauchen einen Aufstand der Handelnden, der Nichtheuchelnden.“ Schon früher seien die Öko-Bewegung und die Linke daran gescheitert, dass die Leute Wasser predigten und Wein tranken. „Die Glaubwürdigkeit und Durchsetzungskraft von wichtigen gesellschaftspolitischen Forderungen wird so untergraben“, stellt Paech fest. Seine Botschaft an die Kinder: „Macht es den Erwachsenen nicht so leicht, euch nicht ernst zu nehmen.“

Sei mutig
„Verantwortung spielt in unserer Gesellschaft eine viel zu geringe Rolle, es gibt ja kaum noch Regulative“, so der Ökonom. Nicht in der Politik und manchmal auch nicht in der Erziehung. Es brauche innere Stärke, um sich zu fragen: „Was sind die Folgen meines Handelns? Und wenn ich die nicht absehen kann, unterlasse ich die betreffende Handlung. Auch dann, wenn die Mehrheit das nicht tut.“ Wie viel Kraftaufwand das tatsächlich erfordert, wissen auch Eltern, die versuchen, sich gegen das Killerargument „Das dürfen aber alle!“ durchzusetzen. „Im Zweifel knicken wir ein, weil wir auf keinen Fall als spießig oder rückständig gelten wollen“, meint Paech. Oder einfach erschöpft sind. Der Trick: Gemeinsam ist man stärker! Also:

CO2
plainpicture/cgimanufaktur
Wie groß ist mein CO2-Abdruck?

Gründe ein Widerstandsnest
„In der Gruppe fällt es viel leichter, sich an neue und ungewohnte Regeln zu halten. Alle machen das Gleiche, und man konkurriert untereinander nicht“, erklärt Niko Paech. Eine Nachbarschaft, ein Freundeskreis oder erst mal auch nur eine ganz gewöhnliche Familie kann zum Widerstandsnest, zur Subkultur werden. „Alle politische Entwicklung seit dem Zweiten Weltkrieg war nie etwas anderes, nämlich das Resultat kleinerer Widerstände von Minderheiten“, so Paech.
Was also hält er von Greta und den „Fridays for Future“-Demos? „Greta ist ein Mädchen, das gerade im Fokus der Medien steht, so als ob es keine anderen Mädchen gäbe, die irgendwo ein Plakat hochhalten. Wir werden sehen, was sie in zwei Jahren macht, bis dahin wird sich schon herausstellen, ob man die Bewegung ernst nehmen kann.“

Schreibe selbst Geschichte
Menschen wie jene, die sich am Hambacher Forst nicht alles gefallen lassen, setzen neue Entwicklungen in Gang: „Zumindest für Konzerne wie RWE und Vattenfall ist die Welt seither nicht mehr dieselbe“, meint Paech. Und natürlich kann auch eine gewöhnliche Schulklasse etwas ausrichten: „Bei meinen Vorträgen schlage ich den Schülern vor, zum Beispiel die erste Kerosin- und Einwegverpackungsfreie Schule zu werden. Das wäre doch ein glaubwürdiges Zeichen.“ Was würde passieren? „Man würde mit Kamera-Teams vorbeikommen, man würde ihnen Orden verleihen, der Bundespräsident würde anreisen. Das wäre doch ein Abenteuer, wenn Schüler selbst Geschichte schreiben, indem sie eine nachhaltige Zukunft vorleben, statt sie nur zu fordern.“

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