Nachhaltigkeit
 
Was tut ihr für die Umwelt?

Kann man als Familie nachhaltig leben – wenn sich die Wegwerfwindeln türmen und der Kleinwagen dem Minivan weicht? Falsche Frage: Es muss gehen, damit wir unseren Kindern einen lebenswerten Planeten hinterlassen. Wir zeigen euch, wo ihr ansetzen könnt, ohne euer Leben komplett auf den Kopf zu stellen.

CO2-Footprint Fußabdruck
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Inhalt: 
Das DilemmaSchrittweise ein bisschen kleinerWo fangen wir an?Wie lässt sich CO2 im Alltag sparen? Das haben wir an zwei Musterfamilien durchgespieltKlimaneutral leben – geht das?

Das Dilemma

unser Planet, Herzform
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Das Umweltbundesamt und viele andere Rechner arbeiten mit der Maßeinheit CO2-Äquivalente (CO2e). Darin werden verschiedene Treibhausgasemissionen zusammengefasst. Gesprochen wird aber in der Regel von CO2-Emissionen.

Eigentlich hätten wir am 2. August 2019 für dieses Jahr aufhören müssen einzukaufen, Auto zu fahren und zu duschen. Ab diesem Datum, dem sogenannten Erdüberlastungstag, haben wir die natürlichen Ressourcen unseres Planeten überschritten. Mit anderen Worten: Wir haben in den ersten sieben Monaten des Jahres für unseren Lebensstil so viel Natur verbraucht, wie die Erde in einem Jahr rechnerisch regenerieren kann – das haben Forscher des Global Footprint Networks ermittelt. Wir Eltern stecken in einem Dilemma. Einerseits tragen wir schon allein dadurch, dass wir Kinder in die Welt gesetzt haben, zur Übernutzung der Erde bei. Denn jeder neue kleine Mensch verbraucht Ressourcen, von denen wir jetzt schon zu wenig haben. Ein Grund, warum Frauen wie die britische Sängerin Blythe Pepino oder die Braunschweiger Lehrerin Verena Brunschweiger lautstark verkünden, aus Klimaschutzgründen auf Kinder verzichten zu wollen.

Wir Eltern haben uns anders entschieden, zum Glück. Trotzdem kann uns der Umwelt- und Klimaschutz nicht kaltlassen, schließlich geht es um die Zukunft unserer Kinder. Sie werden mit dem leben müssen, was wir ihnen hinterlassen. Und das ist den älteren heute schon bewusst, wie die Fridays for Future-Demonstrationen von Schülern beweisen. Bisher aber lebt die Menschheit auf deutlich zu großem Fuß, wir Deutschen ganz besonders. Schuld sind vor allem die hohen CO2-Emissionen. Wenn wir das Minimalziel von höchstens zwei Grad Erderwärmung erreichen wollen, muss der CO2-Ausstoß drastisch sinken. Minus 80 bis 95 Prozent gegenüber dem Stand von 1990 hält das Umweltbundesamt (UBA) für notwendig.

Wie die Reduktion gelingen soll, wird derzeit heftig diskutiert. Den Emissionshandel ausweiten oder eine CO2-Steuer einführen? Klar ist nur: CO2 muss teurer werden, damit sich klimafreundliches Handeln auch finanziell lohnt. Denn bisher kostet ein klimaschädlicher Flug oft weniger als eine Zugfahrt, ein Elektroauto ist deutlich teurer als ein vergleichbarer Benziner. Auch das macht es Familien schwer, im Alltag nachhaltig zu leben. Mit ein paar Bioäpfeln im Einkaufskorb und einer LED -Birne im Kinderzimmer retten wir das Klima nicht. Vegan leben, in eine kleine Niedrigenergiewohnung ziehen, das Auto verkaufen und Reisen auf den Campingplatz im Nachbarort beschränken, ist für die allermeisten Familien aber auch keine Option. Wo kann man anfangen, ohne das Leben, das mit Baby eh schon auf dem Kopf steht, vollends zu verkomplizieren? ELTERN zeigt euch, wie ihr euren Alltag klimafreundlicher gestalten könnt. Und wir stellen euch eine fünfköpfige Familie aus Berlin vor, die ein Jahr lang versucht hat, ihre eigene CO2-Bilanz zu optimieren. Mit Erfolg.

Schrittweise ein bisschen kleiner

Schornsteine Fabrik Umwelt
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Natürlich ist es für das Klima gut, wenn wir nur heimisches Biogemüse essen UND das Auto gegen ein Lastenfahrrad tauschen UND Ökostrom beziehen UND mit dem Elektrobus zur Arbeit pendeln. Nur: Wer schafft das schon? Statt sich über die eigene Unzulänglichkeit zu grämen und in eine Das-bringt-doch-alles-nichts-Schockstarre zu verfallen, sollte man irgendwo anfangen. Der erste Schritt ist, den eigenen CO2-Fußabdruck zu ermitteln. Das ist die Menge Kohlendioxid, die jeder von uns in einer bestimmten Zeit verursacht. Der Durchschnittsdeutsche hat einen CO2-Fußabdruck von 11,6 Tonnen (t) pro Jahr. Wollen wir die Erderwärmung begrenzen, muss der Abdruck langfristig auf unter eine Tonne sinken. Von jetzt auf gleich wird das nichts, denn allein die Infrastruktur in Deutschland schlägt mit 0,73 t CO2 pro Kopf zu Buche. Doch jeder kann versuchen, sich dem Ziel anzunähern.

Wo fangen wir an?

Lieber auf die Mittelmeerreise verzichten – oder nur noch mit dem Fahrrad zur Arbeit? Oder beides? Hier seht ihr, was wirklich wie viel CO2 verbraucht. Die Zahlen basieren auf Angaben von atmosfair.de, uba.co2-rechner.de, co2online.de, Systain, UBA und WWF.

Flug nach Australien, hin und zurück, zwei Erwachsene mit Baby 18,08 t
Kreuzfahrt, 7 Tage, zwei Personen mit Baby 3,84 t
Pendeln zur Arbeit, 40km täglich/Oberklassewagen, Ausstoß pro Jahr 2,78 t
Heizen, unsaniertes Einfamilienhaus, 160 m², Ausstoß pro Jahr 2,70 t
Pendeln zur Arbeit, 40 km täglich/Mittelklassewagen, Ausstoß pro Jahr 1,97 t
Mischkost für eine Durchschnittsfrau, Ausstoß pro Jahr 1,44 t
Vegetarisches Essen für eine Durchschnittsfrau, Ausstoß pro Jahr 1,10 t
Heizung, Niedrigenergiehaus, 160 m², Ausstoß pro Jahr 1,06 t
Veganes Essen für eine Durchschnittsfrau, Ausstoß pro Jahr 0,87 t
Mallorca-Flug, hin und zurück, zwei Personen mit Baby 0,86 t
Pendeln zur Arbeit, 40 km täglich, Fahrgemeinschaft, Ausstoß pro Jahr 0,71 t
Wäschetrockner Energieeffizienzklasse B, bei tägl. 1 Trocknung, Ausstoß pro Jahr 0,66 t
Pendeln zur Arbeit, 40 km täglich, U-, S-, Straßenbahn, Ausstoß pro Jahr 0,56 t
1 l Milch am Tag, Ausstoß pro Jahr 0,53 t
Heizung, Wohnung, 75 m², vollsaniertes Haus, Ausstoß pro Jahr 0,53 t
Strom konventionell, dreiköpfige Familie, Ausstoß pro Jahr 0,52 t
Inlandsflug Berlin – Köln, hin und zurück, zwei Personen mit Baby 0,42 t
1 T-Bone-Steak (500 g) wöchentlich, Ausstoß pro Jahr 0,32 t
Lebensmittelabfälle pro Kopf, Ausstoß pro Jahr 0,23 t
Wäschetrockner Energieeffizienzklasse A+++ bei tägl. 1 Trocknung, Ausstoß pro Jahr 0,20 t
Täglich eine 60°C-Wäsche, Ausstoß pro Jahr 0,16 t
Autofahrt Berlin – Köln, hin und zurück, zwei Personen mit Baby 0,13 t
Viel heizen (22°C statt 20°C), Reihenhaus 100 m², zusätzlicher Ausstoß pro Jahr 0,13 t
1 Longsleeve weiß aus Baumwolle (Herstellung, Transport) 0,07 t
Einbau Spararmaturen, Reihenhaus, 100 m², Einsparung pro Jahr –0,06 t
Täglich eine 30°C-Wäsche, Ausstoß pro Jahr 0,05 t
Weg zur Kita Kleinwagen, 2 km täglich, Ausstoß pro Jahr 0,04 t
Ökostrom, dreiköpfige Familie, 3000 kWh Jahresverbrauch, Ausstoß pro Jahr 0,03 t
Täglich ein Coffee to go, Ausstoß pro Jahr 0,03 t
Zugfahrt Berlin – Köln, hin und zurück, zwei Personen mit Baby 0,02 t
1 Kinderstrickjacke aus Acryl (Herstellung, Transport) 0,01 t

Wie lässt sich CO2 im Alltag sparen? Das haben wir an zwei Musterfamilien durchgespielt

"Im Frühjahr muss ich in die Sonne!"

Familie Ankhol lebt in der Großstadt, 80 m2 Altbau, ungedämmt. Hannes fährt morgens mit der U-Bahn ins Büro, Steffi bringt Mia, 1, und Lara, 3, zu Fuß zur Kita und nimmt dann den Bus zur Arbeit. Ein Auto haben sie trotzdem, um zweimal im Monat die Großeltern im Umland besuchen zu können. Die Einkäufe erledigt Steffi zwischendurch im Supermarkt. Gekocht wird, was schmeckt, und dazu gehört auch Fleisch. Familie Ankhol liebt ihre Wohnung. Viel Platz ist nicht, deshalb überlegt sie sich Anschaffungen gut. Kram für die Kinder wird häufig gebraucht gekauft. Im Winter ist die Wohnung kühl. „Bei den hohen Decken würden wir uns arm heizen“, sagt Steffi. Stattdessen ziehen alle dicke Pullis an. Im Frühling ist Steffis Drang nach Wärme so groß, dass die Familie für zehn Tage nach Fuerteventura fliegt. Im Sommer geht’s mit dem Auto an die Nordsee. Auch andere Fahrten, etwa zu Freunden im Süden, machen sie mit dem Wagen.

Das könnte Steffi ändern:
Auf den Flug nach Fuerte will Steffi nicht verzichten. Am Dämmzustand des Hauses kann sie nichts ändern, beim Strom schon. Sie wechselt zu einem Ökostromanbieter und verwendet konsequent LED-Lampen. Für die Fahrten zur Oma nutzt sie Carsharing, für den Besuch bei den Freunden die Bahn. Beim Kochen reduziert sie das Fleisch und versucht, mehr saisonal, regional und bio einzukaufen. Überhaupt achtet sie darauf, möglichst langlebige Produkte anzuschaffen. Um ihren eigenen CO2-Ausstoß zu kompensieren, spendet Steffi 50 Euro an die Klimaschutzorganisation Atmosfair.

"Ohne zwei Autos geht es nicht!"

Julia und Felix Rehmann haben sich eine Doppelhaushälfte in einem Neubauviertel einer Kleinstadt gekauft. Ein Niedrigenergiehaus, das war ihnen wichtig. Felix pendelt jeden Tag mit dem Dienstwagen zur Arbeit. Wenn er früh losfährt, braucht er eine halbe Stunde. Sonst dauert es doppelt so lange. Es gibt eine Bahnanbindung, aber Felix müsste mit dem Rad dorthin fahren und umsteigen. Das ist ihm zu umständlich. Julia arbeitet als Lehrerin, gerade ist sie mit der jüngsten Tochter, 4 Monate, in Elternzeit. Die beiden Jungs gehen in die Kita. Theoretisch bräuchte Julia kein Auto. Die Kita ist zu Fuß erreichbar, und auch zur Schule könnte Julia mit dem Fahrrad fahren. Praktisch funktioniert das mit drei Kindern morgens aber nicht. Auch nachmittags braucht Julia den Wagen, um die Jungs zum Turnen zu bringen oder einkaufen zu fahren. Felix arbeitet viel und verdient gut. Seiner Familie soll es an nichts mangeln. Platz genug für schöne Sachen haben sie. Allerdings achtet Felix bei Neuanschaffungen auf möglichst hohe Effizienz und Haltbarkeit. Im Frühjahr fährt Familie Rehmann nach Spanien, im Frühherbst geht es an die Ostsee. Den Sommer werden sie im Garten verbringen, Freunde einladen, grillen.

Stau Abgase Umwelt CO2
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Das könnte Felix ändern:
Der größte Posten ist die Mobilität. Würde Felix statt eines Oberklassewagens Mittelklasse fahren, könnte er 1,4 t CO2 einsparen. Aber eigentlich nerven Felix die ständigen Staus, und er überlegt, doch die Bahn zu nehmen. Würde der Arbeitgeber statt dem Dienstwagen ein ÖPNV-Ticket bezahlen, läge die Einsparung bei 3,9 t CO2. Beim Konsum möchte Felix keine Abstriche machen. Aber er wechselt zu einem Ökostromanbieter. Da er ein bisschen Geld übrig hat, investiert er 5000 Euro in einen Windpark.

Die folgende Tabelle kannst du in der Mobil-Ansicht nach links und rechts verschieben.

WAS CO2-VERBRAUCH STEFFI ANKHOL CO2-EINSPARMÖGLICHKEIT CO2-VERBRAUCH FELIX REHMANN CO2-EINSPARMÖGLICHKEIT
Heizung 1,05 t 1,05 t 0,56 t 0,56 t
Strom 0,42 t 0,03 t 0,37 t 0,02 t
Mobilität 0,39 t 0,30 t 5,04 t 3,63 t/1,15 t
Flugreise 1,13 t 1,13 t  -  -
Ernährung 1,54 t 1,35 t 2,27 t 2,27 t
Konsum 2,07 t 1,97 t 4,45 t 4,45 t
Öff. Emissionen 0,73 t 0,73 t 0,73 t 0,73 t
Gesamt 7,33 t 6,56 t 13,42 t 11,66/9,18 t
Ersparnis (eigen)   0,77 t   1,76/4, 24 t
Ersparnis (andere)   2,17 t   1,05 t

Klimaneutral leben – geht das?

Papa Kind Fahrrad
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100 Berliner Familien, Paare und Singles haben sich ein Jahr lang daran versucht. Das Experiment „Klimaneutral leben in Berlin“ (KliB) unter Leitung des Potsdam-Instituts für Klimafolgenforschung zeigte zweierlei: Es ist möglich, die eigene Klimabilanz deutlich zu verbessern, ohne gleich in einer Hütte im Wald hausen zu müssen. Aber selbst ambitionierte Haushalte können ihren CO2-Fußabdruck maximal halbieren. Karin Beese hat mit ihrem Mann und den Kindern Nika, 8, Hannah, 4, und Mira, 2, das Experiment gewagt.

Karin, ihr habt versucht, klimaneutral zu leben. Wie muss man sich das vorstellen: Tragen deine Kinder ausschließlich ungefärbte Bio-Schafwolle und essen selbst angebautes Gemüse?
Nein, so ist es natürlich nicht. Wir leben relativ normal. Wir waren schon vor dem Projekt sensibel für das Thema Klimaschutz und hatten zum Beispiel Ökostrom. Und wir essen vegetarisch. Aber wir hatten ein Auto und haben es immer noch.

Ein Auto in Berlin? Warum?
Wir nutzen es hauptsächlich für größere Fahrten, zum Beispiel zu meinen Eltern. Mit dem Auto brauchen wir zwei Stunden, mit Bus und Bahn wären wir über vier unterwegs und müssten dreimal umsteigen. Das ist mit Kindern ein Riesending. Ich nehme auch morgens manchmal das Auto. Mein Mann fährt die Kinder mit dem Fahrrad zur Kita – eins sitzt hinten, eins vorne. Mir ist das im Stadtverkehr zu riskant. Da hat das Experiment übrigens sehr geholfen, weil es zeigte: Man kann sich total verrückt machen und ein schlechtes Gewissen haben, weil man drei Kilometer mit dem Auto gefahren ist. Aber theoretisch könnte man das jeden Tag machen, und der CO2-Fußabdruck wäre immer noch kleiner, als wenn man in den Urlaub fliegt.

Markt regional einkaufen bio Umwelt
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Wie habt ihr euren CO2-Ausstoß eigentlich gemessen?
Wir mussten jeden Sonntag in ein Online-Programm eintragen, welche Verkehrsmittel wir genutzt und was wir gegessen haben und wie hoch zum Beispiel unsere Konsumausgaben waren. Dann bekamen wir angezeigt, bei welchem CO2-Fußabdruck wir rauskommen, wenn wir so weiterleben. Und wir konnten uns mit den anderen Teilnehmenden vergleichen. Das hat sehr motiviert.

Fandet ihr es schwierig, klimafreundlich zu leben?
Die ersten Wochen sind einfach. Man fährt nirgendwo hin und kauft weniger ein. Nach drei Monaten dachte ich: „Wir können aufhören, ich habe es verstanden.“ Aber irgendwann stellt man fest: Die Kinder sind gewachsen, oder irgendwas ist kaputt. Dann braucht man doch neues Zeug.

Das habt ihr dann Secondhand oder von lokalen Produzenten gekauft?
Weil wir beide berufstätig sind, haben wir nicht die Zeit, ständig in irgendwelche Secondhandläden zu gehen. Wir haben ein Netzwerk von Freundinnen, die uns Sachen geben. Und die Kleinen tragen die Kleidung der großen Schwester. Aber wir haben auch Sachen online bestellt, weil wir abends zu erschöpft waren, um noch mal loszuziehen. Die Kunst ist, die Balance zu finden: Wie weit kann ich mein Verhalten umstellen, damit es dauerhaft funktioniert? Es bringt ja nichts, ein Jahr lang vorbildlich zu leben und hinterher alles über Bord zu werfen.

Viele Menschen verbinden Klimaschutz mit Verzicht. Wie hast du das empfunden?
Wir wollten ursprünglich mit Freunden aus Polen Urlaub in Portugal machen – ein bisschen Wärme zu Ostern. Das haben wir mit steigendem Bewusstsein gelassen und stattdessen zusammen Urlaub in Polen gemacht. Da lag tatsächlich noch Schnee, aber wir waren in einem schönen Familienhotel und hatten eine tolle Zeit. Ich glaube nicht, dass es in Portugal besser geworden wäre. Wenn man sich erst mal bewusst macht, wie wenig CO2 jedem Einzelnen von uns zusteht und dass wir permanent über unsere Verhältnisse leben, dann kann man nicht von Verzicht reden. Wir nähern uns vielmehr einem Maß an, das nachhaltig ist.

Das hört sich ganz easy an. Hattet ihr auch mal einen Hänger und wolltet hinschmeißen?
Nein, das nicht, aber ich war zwischendurch erschöpft und wütend, weil ich dachte: Ich mache mir ständig Gedanken, ob ich die Bio-Gurke aus den Niederlanden oder Nicht-Bio aus Brandenburg kaufen soll. Und anderen Leuten ist das komplett egal. Die fliegen zum Shoppen nach London. Ganz viele aus dem Projekt sind zu der Erkenntnis gekommen: Es ist zu billig, CO2 in die Luft zu pusten, wir brauchen dafür einen Preis.

Wo seid ihr während des Projekts an Grenzen gestoßen?
Beim Konsum konnten wir uns kaum verbessern. Meine beiden Großen gehen zum Beispiel reiten, das verursacht CO2, weil eine Infrastruktur dranhängt. Aber das möchte ich ihnen nicht nehmen. Wir sind bei einem CO2-Ausstoß von 6,7 t pro Person gestartet und waren am Ende des Projekts bei 5,3 t. Ich wäre gern unter 5 t gekommen. Das hätten wir geschafft, wenn wir zu Weihnachten nicht unsere Familien besucht und keine Geschenke gekauft hätten. Aber das war für uns keine Option.

Dein Fazit nach einem Jahr Experiment?
Wir haben gemerkt: Bei den großen Posten wie Ökostrom, Fliegen, Fleisch essen kann man viel CO2 einsparen, ohne seinen Alltag extrem zu erschweren. Spannend fand ich den finanziellen Aspekt. Es heißt ja immer: Nur Menschen mit viel Geld können klimafreundlich leben. Und es stimmt: Wir haben für Nahrungsmittel mehr ausgegeben, weil wir versucht haben, fast ausschließlich bio und lokal zu kaufen, was absurderweise teurer ist als importierte Ware. Aber wir konnten an anderer Stelle viel sparen, schon allein, weil wir weniger Produkte gekauft haben und nirgendwohin geflogen sind. Am Ende des Jahres hatten wir weniger Geld ausgegeben als sonst. Was uns auch klar wurde: Es muss noch viel mehr politisch passieren, damit wir auf die klimaverträgliche eine Tonne CO2 pro Kopf kommen.

Das Global Footprint Network hat eine Art Buchhaltungssystem für die Ressourcen der Erde entwickelt. Auf der einen Seite wird gemessen, wie viel Fläche und biologische Produktivität der Planet hat. Das ist die Biokapazität der Erde. Gegenübergestellt wird, wie viel Biokapazität der Mensch für seinen Lebensstil verbraucht. Daraus ergibt sich der ökologische Fußabdruck, dargestellt in „globale Hektar“ (gha). Im Moment bräuchten wir 1,7 Erden, haben sie aber nicht.

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