Alternative Wohnformen
 
WG mit unechten Zwillingen

Schon mal drüber nachgedacht, mit einer anderen Familie zusammenzuziehen? Klingt nach Stress, hat aber eine ganze Menge Vorteile. Unsere Autorin Sinah Nicklaus hat so eine Art Villa Kunterbunt besucht.

Alternative Wohnformen: WG mit unechten Zwillingen
Credit: Emma Kate Buchanan
Inhalt: 
Mitbewohner-MemoryJeder, wie er magSind das Zwillinge?Freiräume für alleAuf der Suche nach alternativen Wohnformen?

Ein Wohngebiet nördlich der Hamburger Stadtgrenze. Rote Backsteinbauten reihen sich aneinander, Einfamilienhäuser mit großen Gärten und viel Platz – Vorstadtvorteile. Das Haus, das wir suchen, sticht gleich heraus. Es ist ein wenig größer, kubisch, weißer Klinker, irgendwie anders. Amanda öffnet uns die Tür. „Kommt rein, wir haben schon mal mit dem Frühstück angefangen!“ Im Flur hört man viele Stimmen und fröhliches Lachen. An einen großen Wohnbereich schließt die offene Küche an, dort steht ein Esstisch, daran viele Stühle und ein Sofa – gemütlich. Und man hat einen guten Blick in den großen Garten. Pfannkuchen, Obstsalat, frische Brötchen und eine Kerze stehen auf dem Tisch, fast alle Bewohner sitzen drum herum, zwei krümelverschmierte Kleinkindgesichter grinsen uns an. Hier fühlt man sich auf Anhieb willkommen. Sind das zwei junge Elternpaare mit jeweils einem Kind und die gut gelaunte Oma? Nein, hier frühstückt keine Familie. Wir besuchen eine Wohngemeinschaft. Eine Wahlfamilie.

Mitbewohner-Memory

Credit: Emma Kate Buchanan

Also erst mal sortieren: Amanda, 28, ist die Mama der eineinhalb Jahre alten Marit, die vor Freude immer wieder von ihrem Hochstuhl hüpft. „Wir lieben Besuch“, erklärt Birgit, 60, die gar nicht die Oma von Marit ist. Auch nicht die von Noah, ebenfalls anderthalb – der auf dem Schoß von Jannis, 25, sitzt, und mit dessen Unterstützung genüsslich in einen Apfelpfannkuchen beißt. Jannis ist keineswegs Noahs Papa, aber sein Kumpel. Franziska, 31, lacht: „Aber ich bin Noahs Mama.“ Alles klar. Wenn Bernd, 47, Amandas Partner, wie jetzt gerade zu Besuch ist, freuen sich alle über seine Pfannkuchen zum Frühstück.

Am Tisch fehlt heute Jonas, 48, der hier lebt und an den Wochenenden sein Zimmer mit seinen zwei jüngeren Kindern, zwölf und 15, teilt. Insgesamt hat er sogar vier Kinder, zwei sind schon erwachsen. Lea, 24, ist das neueste Mitglied der Gruppe, sie besucht heute ihre Cousine. Arne, 24, ist auf Fahrradweltreis – er lässt aus Asien grüßen. Einmal durchgezählt: Zu den festen und regelmäßigen Bewohnern des Hauses gehören also sieben Erwachsene, zwei Kleinkinder und zwei Teenies. Im Wohnzimmer auf einem Sessel hat sich noch ein schwarzer Kater zusammengerollt. Marla, die WG-Hündin, hat sich heute zurückgezogen, sie ist ein liebevoller Familienhund, aber fremdelt anfangs mit neuen Gesichtern. Zur großen Freude aller ist das nächste WG-Baby schon auf dem Weg – Amanda ist im siebten Monat schwanger.

Jeder, wie er mag

Credit: Emma Kate Buchanan

Viele Personen und Persönlichkeiten mit unterschiedlichen Bedürfnissen, die hier unter einem Dach leben. Dass Studenten mit kleinen Kindern zusammenwohnen, entspricht eher nicht dem gängigen Klischee. Jannis, der in Hamburg studiert, erklärt: „Ich war noch nie der Typ, der Lust auf Partymarathon in der WG hat. Ich fahre auch lieber mit dem Rennrad übers Land, als ständig ins Kino zu gehen. Ich möchte nach dem Studium mit Kindern arbeiten, daher war es für mich enorm spannend, Marit und Noah von Geburt an bei ihrer motorischen und kognitiven Entwicklung beobachten zu können.“
 
Birgit ist wirklich schon Oma. Sie zog, als ihre eigenen Kinder aus dem Haus waren, zunächst in die Stadt: „Hamburg-Eppendorf, mittendrin. Um mich herum tobte das Leben. Aber ich war trotzdem nicht glücklich – man wird komisch, wenn man zu viel mit sich allein ist. Dieses Haus gibt mir Energie, ich bin mit Franziska und Noah meist früh morgens die Erste, die hier unten in der Küche ist. Ich liebe diese Zeit am Tag, da hat das Haus eine ganz besondere Stimmung, bevor dann Leben in die Bude kommt.“
 
Marit und Noah werden die Erwachsenengespräche am Tisch zu langweilig, sie düsen gemeinsam ab, auf das riesige von Jonas und seinen Kindern gebaute Sofa. In diesem Haus ist alles ein bisschen größer. Gemeinschaftstauglich eben. Und in diesem Fall: ein Traum zum Hüpfen. Birgit macht mit, Jannis auch, es wird jetzt richtig wild. Amanda mahnt kurz, die Blumentöpfe bitte stehen zu lassen. Noah wird von Jannis durch die Luft gewirbelt, alles im Griff. Das scheint ein Teil des Erfolgsrezepts dieser WG zu sein: Wer gerade Kraft und Lust hat, bringt sich ein. „Wir sind für jede Hilfe dankbar, erwarten aber nichts“, da sind sich die beiden Mütter einig. „Ich bin ein bisschen Teilzeit-Papa ohne Verpflichtungen“, wirft Jannis ein. „Kann man das so sagen?“

Sind das Zwillinge?

Credit: Emma Kate Buchanan

Wenn man die beiden Kinder mit Nicht-Oma Birgit und Nicht-Papa Jannis beobachtet, könnte man meinen, sie seien Zwillinge. Tatsächlich sind sie auch am selben Tag in der WG geboren – beide als Hausgeburt. Klingt unglaublich. „Vielleicht kam es so, weil wir so sehr co-schwanger waren“, überlegt Amanda. Andere WG-Mitbewohner haben sich auch ganz schwanger benommen.

Am Tag vor den Geburten, als Amanda schon lange über dem Termin und Franziska eigentlich noch gar nicht dran war, wurde Birgit plötzlich nervös und fing an, das ganze Haus zu putzen, Nestbautrieb bei der Mitbewohnerin. Und dann ging es tatsächlich los: Marit kam nachts in der Badewanne in einem der drei Badezimmer zur Welt. Es war eine schnelle und komplikationslose Geburt. Die gemeinsame Hebamme hatte allerdings kaum Pause zum Durchatmen, bis sie den Geburtspool für Franziska aufbauen musste. Gegen Mittag war dann auch Noah da. „Es war ein Wochenende, an dem alle männlichen WG-Mitbewohner zufällig nicht da waren“, erinnert sich Birgit. „Als hätten sie was geahnt.“ Danach war das WG-Leben anders.

Zwei Babys waren in den Alltag eingezogen. Beide Mütter sind von Geburt an alleinerziehend, dennoch mangelte es Marit und Noah nie an männlichen Bezugspersonen. Einer der zahlreichen Vorteile einer Wohngemeinschaft. „Ich hätte mich im Alltag mit Baby einsam gefühlt, ohne meine Mitbewohner. Beim ersten Kinder ehrlicherweise auch ein wenig hilflos“, gesteht Franziska. Im Souterrain des Hauses haben die Bewohner einen Yoga-Raum und ein Gästezimmer eingerichtet. Es ist eigentlich fast immer jemand zu Besuch: die echten Großeltern, Eltern, Freunde oder Leute, die für eine Zeit Lust auf Gemeinschaft und Projekte haben. In der Garage gibt es eine Holzwerkstatt, im Garten ein Gewächshaus – alles gemeinsame Projekte. Amanda hat das Haus 2014 gefunden und wusste sofort, dass es sich für eine WG eignet. Ende des Jahres zog sie mit den ersten Mitbewohnern ein. Heute betreut sie Wohnprojekte für Familien mit Kindern in ganz Deutschland. „Es geht vor allem darum, dass Menschen sich wieder richtig begegnen. Dass Kinder nicht in der Isolation einer Kleinfamilie aufwachsen, die zwar ein bewährtes Modell ist, aber viel Potenzial von Gemeinschaftlichkeit ausschlägt“, findet Amanda.
 

Freiräume für alle

Credit: Emma Kate Buchanan

Während Noah mittagsschlafmüde wird, scheint Marit unendliche Kraftreserven zu haben. Die Kinder waren von Geburt an sehr unterschiedlich. Noah schlief zuerst schlecht, sowohl tagsüber als auch nachts, Franziska beneidete Amanda um die ausgeglichene Marit, und sorgte sich um Arne, der im Zimmer nebenan wohnt: „Die ganze Nacht Geschrei. Aber Arne hat gelassen reagiert und mir immer wieder versichert, dass das für ihn kein Problem sei. Das hat mir viel Druck genommen.“

Franziska bringt den müden Noah ins Bett, oben, in einem der zwei Zimmer, die sie mit ihrem Sohn bewohnt. „Das geht inzwischen so schnell bei Noah, den legt man hin, und er schläft allein ein.“ In diesem Moment wiederum beneidet Amanda ihre Mitbewohnerin. Die Aufteilung des Hauses ist für die Bedürfnisse einer WG optimal: zwei Schlafzimmertrakte und in der Mitte, im Erdgeschoss, der zentrale, riesige Wohnbereich. Da sitzt jetzt Bernd, er ist auf einem Sessel eingeschlafen, inmitten von Kinderspielzeug. Amanda macht mit Marit eine Pause auf dem Sofa. Trotz der vielen Menschen im Haus herrscht eine erstaunlich ruhige Atmosphäre.

Birgit kommt vom Einkaufen zurück und belädt mit Jannis zusammen den einen von zwei Kühlschränken. „Jeder kauft für sich selbst ein, gegessen wird dann trotzdem meist zusammen.“ Einsamkeit lässt diese Wohnform nicht zu. Die beiden erzählen von den Menschen, die in den letzten Jahren mit ihnen hier im Haus gewohnt haben: Filmfreaks, Musiker, Weltreisende, exzellente Köchinnen. Im Sommer werden Lagerfeuer veranstaltet, bei Festen ist die ganze Wohngemeinschaft eingeladen – egal zu welchem Anlass, das ist Ehrensache.
 
Als beide Kinder wieder wach sind und eifrig helfen, den Geschirrspüler auszuräumen, fragt man sich schon, ob es eigentlich immer so idyllisch zugeht. Kopfschütteln. Nein, es gab Phasen, da waren ständig alle krank und haben sich immer wieder gegenseitig angesteckt. Es gibt auch mal Streit und Diskussionen, Augenrollen am Abendbrottisch. Wo viele Charaktere miteinander leben, sind Meinungsverschiedenheiten vorprogrammiert – wie in jeder ganz normalen Familie auch. Das WG-Leben, ob nun mit oder ohne Kinder, liegt nicht jedem. Aber diese Gemeinschaft hier scheint ein gutes Team zu sein. Ihr Haus ist nicht nur von außen etwas Besonderes in dieser Straße, es ist das Haus von Menschen, die den Mut haben, ein wenig von ihrer Privatsphäre gegen ein Leben in Gemeinschaft einzutauschen.
 

Auf der Suche nach alternativen Wohnformen?

Credit: Emma Kate Buchanan

Wer Interesse an Wohnprojekten hat, der wird hier fündig: Im Wohnprojekte Portal der Stiftung Trias: www.wohnprojekte-portal.de oder im Forum Gemeinschaftliches Wohnen: www.fgw-ev.de. Das GEN-Netzwerk (GEN-Deutschland, GEN Europe) lädt Interessierte regelmäßig zu Veranstaltungen und Festivals ein.