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Interview „Wild Child“-Autorinnen: Kinder sehnen sich nach echten Erlebnissen

Interview mit Wild-Child Autorinnen: Mädchen gärtnert draußen
© Katya Shut / Shutterstock
Dr. Eliane Retz und Christiane Stella Bongertz geben in ihrem neuen Buch „Wild Child“ Impulse für ein glückliches Familienleben. Im Interview erläutern sie unter anderem, wie ein bindungs- und bedürfnisorientierter Ansatz Eltern auch in der Pandemie helfen kann.

Kurz zusammengefasst: Worum geht es in eurem neuen Buch?

C.S.B.: Wir wollen Eltern von Kindern zwischen ungefähr eins und fünf Mut machen und zeigen, wie man eine konstruktive Balance zwischen den Bedürfnissen der Familienmitglieder findet. Hier unterstützen wir die Eltern ganz praktisch mit vielen Lösungsimpulsen und Fallbeispielen. Also: Wie begleitet man Wutausbrüche? Wie meistert man schwierige Zahnputz-Situationen? Wann ist mein Kind bereit, in die Kita zu gehen? Wie funktioniert das mit dem Töpfchen? Zusätzlich geben wir ihnen fundiertes Wissen über die kindliche Entwicklung mit, denn Verständnis macht vieles leichter. Man könnte sagen: Es ist ein Nachschlagewerk, wissenschaftsbasiert und bindungsorientiert.

Es trägt den Titel „Wild Child“. Warum erschien euch gerade dieser Ausdruck so treffend?

C.S.B.: Weil „wild“ in unseren Augen für Unverfälschtheit steht: Kleine Kinder sind noch völlig authentisch und ohne Kalkül. Wir meinen also nicht unbedingt ein wildes Verhalten, zurückhaltende Kinder sind in diesem Sinne genauso wild. Sie alle folgen einem evolutionären Programm und das lässt sie zwischen zwei Polen pendeln: der Geborgenheit einerseits, die Mama und Papa hoffentlich bieten, und dem Streben nach Autonomie andererseits – also nach „ich will das selbst machen und bestimmen“. Das machen die Kinder nicht, um zu trotzen und den Eltern auf die Nerven zu gehen, sondern um eines Tages unabhängig zu werden und ohne die Eltern leben zu können. Hinzu kommt, dass kleine Kinder aufgrund ihrer Gehirnentwicklung ihre Impulse noch nicht oder nur sehr begrenzt kontrollieren und sich selbst regulieren können. Dadurch können zum Beispiel Wutausbrüche so wild werden. Statt Schimpfen brauchen die Kinder dann dringend die Hilfe der Großen.

Was bedeutet Attachment Parenting in diesem Zusammenhang?

C.S.B: Der Begriff Attachment Parenting – wörtlich übersetzt heißt das ja eigentlich nur Bindungselternschaft – wurde vom US-amerikanischen Kinderarzt William Sears in den Achtzigerjahren geprägt. Ihm ging es erst mal vor allem um Babys. Wir haben bindungsorientierte Erziehung im Buch so beschrieben, dass die Definition auch auf Kleinkinder und ältere Kinder passt: Wäre das Kind eine Pflanze, will die bindungsorientierte Erziehung es nicht zurechtstutzen, sondern ihm ein Gerüst sein, an das sich das zarte Pflänzchen anlehnen kann, bis es ein großer starker Baum ist. Das Gerüst steht einerseits für die Orientierung, die man dem Kind im Alltag durch beispielhaftes Vorleben gibt – aber auch für sinnvolle Grenzen. Und diese Grenzen sollte man dem Kind so nachvollziehbar machen, wie das im jeweiligen Alter eben möglich ist. Auch wenn Kleinkinder die Worte noch nicht ganz verstehen, begreifen sie durchaus, dass Mama oder Papa den Schokoriegel nicht aus reiner Gemeinheit nicht kaufen, sondern weil sie einen wichtigen Grund haben. Traurig oder wütend sind sie dann natürlich trotzdem, das gilt es dann gemeinsam durchzustehen. 

Eliane, du berätst Eltern bei konkreten Problemstellungen. Siehst du gerade bei Familien mit Kleinkindern Schwierigkeiten, die vor allem auf die anhaltende Pandemie zurückzuführen sind? Welche sind das – und wie können Eltern deiner Meinung nach ihren Kindern und sich selbst bindungs- und bedürfnisorientiert helfen?

E.R.: Eine große Herausforderung ist die andauernde Ungewissheit und geringe Planbarkeit – gerade das ist für Familien nicht gut aushaltbar. Ungefähr vor Weihnachten waren viele Kinder wirklich im Kindergarten angekommen, hatten Freundschaften geschlossen, und dieser Prozess wurde dann durch den Lockdown unterbrochen. Es wäre wichtig, dass man Familien dann bei Wiedereingewöhnungsprozessen sehr verständnisvoll und unterstützend begegnet. Die Idee, dass sich Eltern bindungs- und bedürfnisorientiert helfen, klingt gut, aber man sollte hier nicht eine zu große Verantwortung auf die Elternschultern abwälzen. Viel wichtiger ist eine gute Kooperation von Kita, Elternhaus und Arbeitgebern.

Psychische Belastungen zeigen sich natürlich in allen Altersgruppen. Meiner Erfahrung nach sind aber besonders etwas ältere Einzelkinder betroffen, die durchgängig wenig Kontakte zu anderen Kindern hatten und deren Eltern sehr gestresst auf die Pandemie reagiert haben, zum Beispiel wegen fehlender Unterstützungsangebote. Hohe Belastungen zeigen sich vor allem bei den Jugendlichen, aber auch bereits bei Kindern ab dem Vorschulalter, die oft ihre Freunde sehr stark vermissen. 

Gibt es auch positive Entwicklungen?

E.R.: Ja. Gerade Väter von Babys und Kleinkinder, die im Home Office arbeiten, betonen immer wieder, dass das Arbeiten von Zuhause sehr gut funktioniert und sie so von Anfang an eine aktive Elternschaft leben können. Und auch die Mütter finden das natürlich sehr positiv. Dass man dazu erst eine Pandemie braucht, sollte uns doch sehr nachdenklich stimmen und es ist zu hoffen, dass Eltern auch in Zukunft mehr Freiräume in Bezug auf Arbeitsplatz und Arbeitszeit eingeräumt werden. 

Viele Kinder haben im vergangenen Jahr mehr Zeit in den eigenen vier Wänden verbracht. Computer und Fernseher mussten oftmals als Betreuungsersatz herhalten. Wie können Eltern und Kinder jetzt wieder aus diesen Verhaltensmustern herauszufinden? 

E.R.: Erstmal würde ich das nicht so pauschal formulieren: Ich sehe viele Eltern, die sich seit über einem Jahr förmlich zerreißen, um alles unter einen Hut zu bekommen. Sie arbeiten in Schichtsystemen und tun alles dafür, um ihre Kinder möglichst gut durch die Pandemie zu bringen. Aber das Herausfinden aus den angesprochenen Verhaltensmustern muss gar nicht so schwer sein: In engen Bindungsbeziehungen verbringt man gerne Zeit miteinander. Sind diese vorhanden, finden Kinder es immer besser, etwas mit Mama und Papa zu machen, als eine weitere Folge Peppa Wutz zu sehen. Sie sehnen sich nach echten, authentischen Erlebnissen und Abenteuern. Dazu muss man Kinder nicht motivieren, denn sie tragen ja eine große Portion Erkundungsverhalten in sich. Diesen Erkundungsdrang können sich Eltern jetzt zu Nutzen machen: Anstatt ein Hörspiel anzumachen, gehen sie mit ihren Kindern draußen toben. Letztendlich sind die Eltern aber für das Klima in der Familie verantwortlich und somit auch dafür, die Mediennutzung aller Familienmitglieder in der hoffentlich bald nahenden Postpandemie kritisch zu reflektieren. 

Was, wenn ein Kind nach den Lockdown-Maßnahmen anderen Menschen gegenüber fremdelt? Das kann den Neustart in der Kita betreffen oder das langersehnte Wiedersehen mit den inzwischen geimpften Großeltern. 

E.R.: Dass Kinder gegenüber fremden oder wenig vertrauten Personen erstmal eine gewisse Zurückhaltung zeigen, ist kein Effekt der Pandemie. Diese kindlichen Verhaltensweisen gibt es schon immer und diese sind sogar positiv. Das Kind differenziert zwischen fremd und vertraut. Es weiß, wer seine Bindungs- und Bezugspersonen sind und wo es Schutz und Hilfe bekommt. Dass Großeltern, die ein Baby und Kleinkind selten sieht, mit der Enttäuschung zurechtkommen müssen, dass ihr Enkelkind erstmal auf Distanz bleibt, ist also einfach eine Realität. Hier ist das kindliche Bedürfnis nach „Gebt mir Zeit“ wichtiger als das Bedürfnis von Oma und Opa. Was jedoch ganz sicherlich ein Pandemie-Effekt ist: Die Ermahnungen, Abstand einzuhalten und dass viele Kinder es schlichtweg nicht gewohnt sind, viele Leute auf einmal zu treffen – etwa im Rahmen einer größeren Familienfeier. Und dass man Gesichter plötzlich ohne FFP-Maske sehen kann. Manche Kinder verbringen jetzt schon den Großteil ihrer Kindheit in der Pandemie und es wird wahrscheinlich viel Begleitung brauchen, dass die Kinder die bisherigen Gewohnheiten wieder ablegen können. Hier ist es sehr wichtig, dem Kind Zeit zu lassen, mit ihm zu sprechen, Gefühle zu verbalisieren und eine sichere Basis zu sein. 

Wild Child von Eliane Retz und Christiane Stella Bongertz Buchcover
© Piper

Dr. Eliane Retz ist Pädagogin, systemische Beraterin und Mutter von zwei Kindern. Seit vielen Jahren berät sie Eltern mit Babys und Kleinkindern bindungsorientiert.

Christiane Stella Bongertz ist Autorin und Kommunikationswissenschaftlerin. Zu ihren Schwerpunkten zählen Kleinkind, Familie und Psychologie. Ihre Artikel erscheinen in unterschiedlichen Magazinen, unter anderem auch auf Eltern.de. Stella lebt mit ihrer Familie in Schweden.

Wild Child, Piper Verlag GmbH, München 2021.

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