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Interview mit Sandra Runge #GleichesRechtfürEltern: Was im neuen Koalitionsvertrag Hoffnung macht

#GleichesRechtfürEltern: Sandra Runge
© Manu Wolf
Wochenlang hat BRIGITTE gemeinsam mit ELTERN und der Initiative #proparents Petitions-Stimmen gesammelt, um die Rechte von Eltern im Job zu stärken. Rechtsanwältin Sandra Runge und das gesamte Kampagnenteam freuen sich besonders über zwei Punkte im neuen Koalitionsvertrag.

Die neue Regierung steht, der Koalitionsvertrag auch – und speziell über zwei Stellen hat sich das gesamte Kampagnenteam von #GleichesRechtfürEltern besonders gefreut. Welche sind das und warum ist die Freude hier so groß?

Die erste Stelle, die uns hoffen lässt, dass sich die rechtliche Lage für Eltern im Job verbessern wird, findet sich auf Seite 121. Hier haben die Koalitionsparteien vereinbart, das Allgemeine Gleichbehandlungsgesetz (AGG) zu evaluieren. Man will Schutzlücken schließen, die es in dem Gesetz aktuell noch gibt, man will den Rechtsschutz verbessern und den Anwendungsbereich ausweiten. Genau das haben wir in Bezug auf das Merkmal "Elternschaft" in diesem Jahr immer wieder gefordert: "Elternschaft" bzw. "Fürsorgeleistung" soll als Diskriminierungsmerkmal in das AGG aufgenommen werden. Denn dann wäre es für Eltern oder Menschen mit Fürsorgeaufgaben leichter, sich gegen Benachteiligungen zu wehren.

So explizit ist es im Koalitionsvertrag allerdings noch nicht formuliert…

Stimmt. Aber das AGG wird definitiv auf den Prüfstand kommen. Das ist schon mal ein Riesenerfolg sowie eine Grundvoraussetzung, dass die Thematik überhaupt politisch bearbeitet wird. Dabei hoffen wir sehr, dass unsere konkreten Forderungen auf der Agenda der Koalitionsparteien stehen und berücksichtigt werden.

Über welche Stelle habt ihr euch außerdem gefreut?

Im Kapitel über Kinder und Familien wird versprochen, den elternzeitbedingten Kündigungsschutz auszuweiten: Er soll künftig nicht mehr mit der Elternzeit enden, sondern drei Monate länger gelten. Das ist immer noch ein sehr kleines Zeitfenster. Doch es würde jungen Eltern etwas mehr Luft verschaffen und einen fairen Wiedereinstieg ermöglichen. Außerdem werten wir diesen Passus als eine deutliche Bestätigung der möglichen Widerstände, auf die Eltern im Arbeitsleben stoßen können.

Auf BRIGITTE.de, ELTERN.de und in unseren Magazinen haben wir in der ersten Jahreshälfte ja immer wieder über die Aktionen berichtet, mit denen wir gemeinsam mit euch für bessere Elternrechte getrommelt haben: Über unsere Petition auf openPetition etwa, in der wir die Aufnahme von Elternschaft ins AGG forderten und für die wir mehr als 50 000 Stimmen sammelten. Oder über unseren Besuch bei Bundesjustiz- und familienministerin Christine Lambrecht im Juni. Doch auch danach ist eine Menge passiert. Erzähl doch mal…

Meine Co-Initiatorin Karline Wenzel und ich haben uns ab August intensiv in den Wahlkampf gestürzt. Wir haben viele Hintergrundgespräche geführt und erreicht, dass führende Politiker:innen wie Annalena Baerbock, der familienpolitische Sprecher der CDU Marcus Weinberg, Dorothee Bär von der CSU, oder Nicole Bauer von der FDP offiziell unsere Petition unterstützt haben. Einige Politiker:innen standen uns in Insta Lives auf dem #proparents-Kanal oder bei einer Podiumsdiskussion auf der Karrieremesse HerCareer Rede und Antwort. Und natürlich haben wir im Netz und in vielen Interviews weiter für unsere Forderung geworben. 

Offenbar mit Erfolg, wie man jetzt sieht. Doch ein Koalitionsvertrag ist natürlich noch kein Gesetz. Was muss denn in den nächsten Monaten passieren, damit sich tatsächlich die rechtliche Lage von Eltern verbessert? 

Zunächst mal müssen unsere Forderungen weiter durch Zahlen und juristische Gutachten untermauert werden. Wir freuen uns deshalb schon sehr auf die Studien zum Thema "Elterndiskriminierung im Job", die Anfang 2022 von der Antidiskriminierungsstelle des Bundes veröffentlicht werden. Diese Zahlen dürften erheblich dazu beitragen, dass das Thema noch breiter in der Politik und in der Öffentlichkeit diskutiert werden. Und natürlich werden auch wir weiter Druck machen, bis ein entsprechender Gesetzesentwurf erarbeitet und dann hoffentlich schnell verabschiedet wird. 

Wie kann euch jede und jeder dabei unterstützen?

Wir freuen uns immer sehr, wenn uns Eltern, aber auch Menschen, die in verantwortungsvollen Positionen oder in der Politik aktiv sind, in den sozialen Netzwerken folgen und unsere Inhalte verbreiten. Und wir sammeln nach wie vor die Berichte von Eltern, die wegen ihrer Fürsorgeaufgaben im Job Nachteile erfahren haben! Wenn Euch so etwas passiert ist, kontaktiert uns gern auf Instagram oder unter proparentsinitiative@gmail.com. Wir dokumentieren diese Fälle und stellen auch – sofern gewünscht – Kontakt zu Journalist:innen her, die darüber berichten. Und natürlich freuen wir uns auch immer über Ideen und Kontakte, die unser Netzwerk größer und stärker machen. Generell sind wir überwältigt von der riesigen Unterstützung, die wir in diesem Jahr erlebt haben. Dafür möchten wir uns sehr herzlich bedanken: Ihr seid großartig!


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