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Bade- und Schwimmsicherheit bei Kindern “Kinder sollten niemals unbeaufsichtigt im Wasser sein – auch nicht in der Badewanne!“

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© Monkey Business Images / Shutterstock
Seit Jahren ist ein Rückgang der schwimmfähigen Kinder zu beobachten. Durch die Pandemie hat sich diese Entwicklung noch verschärft: Lange waren Schwimmbäder geschlossen, Kinderschwimmen wie Seepferdchen-Kurse, Babyschwimmen oder das Schulschwimmen fanden nicht statt. Was es damit auf sich hat, wie Kinder (wieder) Freude am Wasser entdecken und wie sich Eltern gut vorbereiten, beantwortet uns Michael Dietel von Bäderland Hamburg im Interview.

Teilweise gibt es neunjährige Kinder, die noch nie in einem Schwimmbad waren. Und die Zahl der Nichtschwimmer steigt immer mehr. Viele Kinder sind selbst nach der Grundschule keine sicheren Schwimmer:innen – eine problematische Entwicklung. Im Gespräch mit Michael Dietel klären wir die möglichen Ursachen und suchen Ansätze, wie Eltern und Kinder dem Wasser wieder näher kommen – und Spaß dabei haben.

Eltern.de: Wie kommt es, dass heutzutage immer weniger Kinder schwimmen können? Ist das nicht paradox? Oder liegt es an der Tatsache, dass Kinder heute so beschäftigt wie nie sind und bereits in jungen Jahren so einige Freizeitaktivitäten auf dem Plan haben? Schwimmen ist doch mit das Wichtigste, was Kinder lernen sollten?

Michael Dietel: Es gibt keine flächendeckende, bundesweite Erhebung zur Schwimmfähigkeit von Kindern. Dazu kommt, dass lokal durchgeführte Statistiken meist auf Eltern-Umfragen beruhen. Und da stellt sich schon die Frage, was die Befragten eigentlich unter sicherem Schwimmen verstehen. Das ist nämlich weder schon mit dem Seepferdchen noch erst mit dem Gold-Abzeichen erreicht.  

Aber ich muss Ihnen recht geben. In der heutigen Zeit konkurrieren viele Aktivitäten um wenig Freizeit. Die meisten Kinder sind lange in der Kindertagesbetreuung und besuchen später Ganztagsschulen. Im schwimmlernfähigen Alter bleibt also wenig Zeit für private oder familiäre Wassergewöhnung und Schwimmkurse. Viele Familien verlassen sich dann zwangsweise auf die Schulen. Doch hier beginnt der Schwimmunterricht erst in der dritten Klasse. In Hamburg ist das immerhin zuverlässig und flächendeckend der Fall. In anderen Gemeinden und Bundesländern sieht das vielleicht anders aus. Es ist wichtig, dass Eltern vorher aktiv werden und zum Beispiel an den Wochenenden regelmäßig mit ihrem Nachwuchs ins Schwimmbad gehen. Natürlich gibt es auch hier viele Alternativen der Freizeitgestaltung. Aber Kinder sollten möglichst früh und ohne Druck ans Wasser gewöhnt werden. Das geht am besten mit der Familie.

Eine weitere Beobachtung ist, dass die generelle Bewegungsfähigkeit der Kinder abnimmt. Es sind einfach so viele andere Dinge wichtig. Da wird auch das Erlernen der komplexen Schwimmbewegung schwierig.

Schwimmkurse für Babys: Was halten Sie davon? Hilft es schon kleinen Kindern und Babys, die mögliche Angst vor Wasser loszulassen oder gar nicht erst zu entwickeln?

Grundsätzlich ist für frühe Wassergewöhnung kein spezieller Kurs notwendig. Aber das Babyschwimmen ab drei Monaten ist eine wunderbare Möglichkeit, Kinder spielerisch und voller Freude mit Wasser in Berührung zu bringen. Die Kursleiter:innen gehen sensibel mit den Kleinen um und können auch den Eltern bei etwaigen Ängsten helfen. Denn diese übertragen sich in jedem Alter nur zu leicht aufs Kind. Außerdem gewöhnen sich die Kinder so schon früh an die Umgebung des Schwimmbads. 

Unsere Kurse bauen aufeinander auf. So haben wir mehrere Babyschwimmkurse für verschiedene Altersstufen und später auch die Aqua Kita, in der Kleinkinder gezielt gefördert und aufs Schwimmen lernen vorbereitet werden. Wer von Anfang an daran gewöhnt ist, im Wasser zu planschen, muss später keine großen Hürden überwinden.

Wie und wann gewöhnt man sein Kind am besten an Wasser? Haben Sie ein paar ultimative Tipps für Eltern, wie sie ihr Kind optimal bei der Wassergewöhnung oder beim Schwimmkurs begleiten können oder es darauf vorbereiten können?

Wassergewöhnung startet im ganz jungen Alter zu Hause mit dem ersten Reinigungsbaden und Planschen in der Babybadewanne. Dazu gehört zum Beispiel auch das Tröpfeln von Wasser auf den Kopf und später das eigenständige Sitzen und Aufstehen im Wasser. Natürlich immer unter Aufsicht. Dabei kann es gern richtig doll platschen und spritzen. Eltern sollten ihre Kinder beim Planschen ruhig das Badezimmer unter Wasser setzen lassen und keine unnötigen Verbote aussprechen. Es ist wichtig, den Kindern Freude am Umgang mit Wasser zu vermitteln – und beim heftigen Planschen gerät ganz automatisch Wasser in die Augen oder auf den Kopf. Diese Freude in der heimischen Badewanne oder Dusche hilft enorm dabei, später leichter schwimmen zu lernen. Natürlich geht Sicherheit immer vor und Kinder sollten niemals unbeaufsichtigt im Wasser sein. Auch nicht in der Badewanne. 

Das Drama ist vorprogrammiert: Mein Kind mag kein Wasser im Gesicht und hasst es, die Haare zu waschen – denn da wird der Kopf ja auch nass. Wie kriege ich es also ins Schwimmbad und mache ihm das Schwimmen schmackhaft?

Eltern üben am besten schon zu Hause mit ihren Kleinen, ganz ohne Druck. Dabei können sie ihrem Kind auch vormachen, wie es wild planschen kann. Da darf das Wasser ruhig mal überschwappen. So bleiben Gesicht und Haare ganz gewiss nicht trocken – und das spielerisch. 

Ab wann empfehlen Sie einen richtigen Schwimmkurs mit Seepferdchen-Abzeichen?

In der Regel sind Kinder mit etwa fünf Jahren dazu in der Lage, zielgerichtete Schwimmbewegungen umzusetzen und den Anweisungen der Kursleiter:innen zu folgen. Deswegen starten unsere Schwimmkurse ab fünf Jahren. Die Kinder müssen sich für einen Seepferdchen-Kurs auch schon sicher von ihren Eltern lösen können. Das ist natürlich alles ganz individuell und manches Kind ist auch früher oder später dran. Der größte Fehler ist es, das Kind zu drängen und ihm dabei die Freude am Umgang mit Wasser zu nehmen.

Warum zögern Eltern heute, was Schwimmkurse angeht? 

Wir stellen gerade nach der langen Corona-Pause eine sehr große Nachfrage fest. Aber es gibt viele Freizeitangebote, die um den vollen Wochenplan der Kinder konkurrieren. Dazu kommen Eltern, die keine Aufmerksamkeit für Schwimmkurse aufbringen, da ihnen selbst der Bezug zum Schwimmen fehlt. Das hat oft soziokulturelle Gründe.

Wie sieht es mit der Beaufsichtigung von schwimmenden oder planschenden Kindern aus? Oder anders gefragt: Gibt es überhaupt einen Zeitpunkt, ab dem man sein Kind ganz unbesorgt unbeaufsichtigt im Wasser lassen kann? 

Grundsätzlich sind die Eltern für die Sicherheit ihrer Kinder verantwortlich. Bevor diese sichere Schwimmer sind, sollte ein Elternteil nie mehr als zwei Kinder beaufsichtigen – und das im Idealfall nicht weiter als eine Armeslänge entfernt. Dafür ist es wichtig zu wissen, dass Kinder erst mit absolviertem Bronze-Abzeichen als sichere Schwimmer gelten – noch nicht mit einem Seepferdchen. 

Sollte anfangs immer auch ein Becken für Kleinkinder verfügbar sein – also eine Art Planschbecken? Oder reicht unter ständiger Aufsicht auch ein normales Becken? 

Nichtschwimmer und „Seepferdchen“ dürfen grundsätzlich nicht ins Tiefwasser – die Begleitperson sollte sicher stehen können. Für das eigene Wasserentdecken ist aber ein Kleinkindbereich sinnvoll. Hier können die Kinder das Element spielerisch und selbstbestimmt erkunden. Ansonsten bieten sich die warmen Lernschwimmbecken an.

Was packen Eltern am besten für einen Ausflug ins Schwimmbad oder Hallenbad ein? Was darf nicht fehlen?

Bei ganz kleinen Kindern eine Schwimmwindel, vielleicht einen Bademantel zum Warmhalten, eine Banane oder anderen kleinen Snack, eine Trinkflasche, eine Wasch- und Bodylotion – und natürlich ein Handtuch. Bei älteren Kindern kommen dann noch Dinge wie eine Schwimmweste oder eine Schwimmnudel dazu – wobei Letztere und auch Bretter zum Schwimmen lernen, in der Regel ausgeliehen werden können, wenn Eltern die Bademeister:in freundlich fragen.

Wie kann man vielleicht auch Eltern die Angst nehmen, mit ihrem Kind oder ihren Kindern schwimmen zu gehen (weil sie sich überfordert fühlen, nicht gut genug vorbereitet etc.)?

Babyschwimmkurse sind auch an Eltern gerichtet, geben Empfehlungen und nehmen Ängste. Auch bei Kursen für ältere Kinder sind die Schwimmlehrer:innen stets ansprechbar und geben Tipps. Wenn noch jemand als Unterstützung mitgenommen werden soll, ist das gelegentlich möglich, aber nicht dauerhaft. Generell können sich die Badegäste mit ihren Fragen auch an die Bademeister:innen im Schwimmbad richten. 

ELTERN

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