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Spielplatz - Ort des Horrors Wie mich die Ängste um meine Kinder quälen

Kolumne: Lieber echt als perfekt - Klettergerüst
© John-james Gerber/shutterstock
Klettern, springen, balancieren – Kinder wollen sich ausprobieren. Eigentlich ein Grund zur Freude, doch unsere Autorin Lea Kästner berichtet davon, wie sie oft mit ihren Ängsten kämpfen muss, wenn ihre Kinder Neues austesten.

"Mama, guck maaaaal!" Als ich nach oben schaue, bleibt mein Herz fast stehen. Wir befinden uns an einem Strand in Dänemark. Meine Tochter ist mit anderen Kindern auf einen der großen Bunker geklettert und steht gefährlich nah an dessen Rand. Vor ihr ein metertiefer Abgrund. Ich reiße mich zusammen. "Oh, toll!" kommt es aus mir heraus und ich versuche zu lächeln. Doch am liebsten würde ich ihr zurufen, dass sie sich sofort aber vorsichtig auf den Bauch legen und vom Rand des Bunkers robben soll. Blitzartig erscheinen viele kurze Sequenzen vor meinem inneren Auge. Wie meine Tochter über ihre eigenen Füße stolpert, wie eine plötzliche Windböe sie zum Wanken bringt, wie eines der anderen Kinder sie anrempelt. Innerhalb von drei Sekunden stürzt sie in meinem Kopf auf etwa 50 verschiedene Art und Weisen in die Tiefe. Bricht sich Beine, Arme, das Rückrad oder fällt aufs Gesicht. Ich sehe Platzwunden, Krankenwagen und Rollstühle und merke, wie mir der Schweiß ausbricht.

Ich überspiele meine Angst

Als ich mich umschaue, sehe ich die Eltern der anderen Kinder, die ihrem Nachwuchs entspannt zuwinken und genüsslich an ihrem Coffee-to-go-Becher schlürfen. Sehen sie denn nicht, was ich sehe: unsere Kinder in einer äußerst riskanten Lage? In Lebensgefahr?! Da ich scheinbar die einzige Person bin, die das so sieht, behalte ich meine apokalyptischen Gedanken lieber für mich und sorge mit gespielter Gelassenheit dafür, dass meine Tochter schnell wieder den Rückweg antritt. Doch in mir tobt es, ich bin fix und fertig.

Der Beginn der Horrorvisionen

Diese Art von Angst kenne ich erst seit ich Kinder habe. Das erste Mal überkam sie mich, als ich mit unserem damals eineinhalbjährigen Sohn auf dem Spielplatz war und er rutschen wollte. Er stieg die Leiter hoch und als er oben ankam und wartete, bis die anderen Kinder gerutscht waren, befürchtete ich, dass er jeden Moment rückwärts vom Rutschturm fallen könnte. Ich fragte mich, wie es möglich sei, dass so eine gefährliche Rutsche auf einem öffentlichen Spielplatz stehen darf. Doch auch damals schien sich sonst niemand diese Gedanken zu machen. Alle waren ausgelassen, die Kleinen – stolz wie Bolle – winkten ihren Eltern zu, diese winkten zurück und zu meinen Horrorvisionen gesellte sich ein amtlicher Schweißausbruch. Als mein Sohn endlich unten war, wollte ich ihn davon abhalten, sich noch einmal todesmutig auf die Rutsche zu begeben. Ich bugsierte ihn Richtung Wippe. Mein Freund teilte meine Sorgen nicht. Stattdessen äußerte er eine ganz andere Befürchtung: Ich könnte durch mein Verhalten meine Angst auf unseren Sohn übertragen und ihn zu einem übervorsichtigen Kind machen.

Kinder einfach machen lassen?

In der Zeit danach las ich viel zu dem Thema und sprach mit anderen Eltern darüber. Da waren ein paar wenige Mütter und Väter, die ähnliche Ängste kannten, doch die fast einhellige Meinung war: Man sollte Kindern etwas zutrauen und sie ruhig machen lassen, auch wenn es schwer fällt. Übertriebene Ängste führten dazu, dass die Kinder sich selbst irgendwann weniger zutrauen.

Doch was sind übertriebene Ängste? Ist es übertrieben, sich davor zu fürchten, dass mein Kind vom Klettergerüst fällt? Ist gerade einem Vorschüler in der Schule meiner Kinder passiert – Arm gebrochen. Ist es verkehrt, mein Kind auf eine Gefahr hinzuweisen? Ist es falsch, mir meine Angst anmerken zu lassen?

Mir ist klar, dass ich nicht jedem Impuls von Angst direkt nachgeben sollte. In der Regel gehe ich noch einmal in mich und frage mich, was mich gerade so verunsichert. Ich renne nicht direkt mit weit aufgerissenen Augen hinter meinen Kindern her und zerre sie von Klettergerüsten, Rutschen und Bunkern. Meist halte ich inne und checke: "Ist das jetzt gerade wirklich gefährlich? Oder geht deine Phantasie mit Dir durch?" Doch manchmal ist es schwer, die Grenze zu finden.

Wann ist die Grenze von angemessener Sorge zu unangebrachter Panik überschritten und wann von Sorglosigkeit zu Verantwortungslosigkeit? Gerade Letzteres finde ich auch wichtig. Schließlich möchte ich Kinder erziehen, die sich zwar etwas trauen, jedoch auch einen gewissen Respekt vor möglichen Gefahren verspüren. Kinder, die merken, wann etwas wirklich zu hoch, zu schnell oder zu dunkel ist. Die sich nicht bei jeder Gelegenheit mit dem Rad einen bewaldeten Abhang runterstürzen, als Teenager Mopedrennen im Großstadtverkehr veranstalten oder direkt nach der Führerscheinprüfung das Auto mit 220 km/h ausfahren. Gott bewahre!

Ob das klappt weiß, ich nicht. Ich bin immer noch dabei, den berühmten goldenen Mittelweg zu finden. Ich lächele und winke oft, obwohl mir nicht danach ist. Dass ich aus meinem Sohn keinen Angsthasen gemacht habe, weiß ich spätestens seitdem er mir neulich eine erschreckend steile Treppe in unserer Nachbarschaft gezeigt und mir verraten hat, dass er genau die am liebsten mit seinem Roller runterspringt. Ich habe gelächelt, auch wenn mir das Blut in den Adern gefror. Noch überlege ich, wie ich mit dieser Information umgehen soll.

Bereits erschienene Kolumnen von Lea Kästner:


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