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Neue Studie Lähmendes Lampenfieber: Eine einzige Handbewegung hilft sofort

Tennisspielerin vor dem Aufschlag
© FocusStocker / Shutterstock
Tennisstars, die den Matchball ins Aus schlagen, Prüflinge, die plötzlich nichts mehr wissen, und Menschen, die beim Vortrag vor Aufregung kein Wort rausbringen: Sie alle leiden unter Versagen unter Stress. Aber Hilfe ist in Sicht: Sportpsycholog:innen haben einen simplen Trick entwickelt, der Menschen mit lähmendem Lampenfieber sofort helfen kann.

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Gleich bist du dran. Du weißt, was du sagen willst und hast dir alles genau zurechtgelegt. JETZT! Alle gucken dich erwartungsvoll an – und du bringst keinen Ton raus. Diese Blockade heißt in der Fachsprache "Choking under pressure", etwa "Atemnot unter Druck", und ist nicht nur bei vielen Menschen im Alltag, sondern vor allem bei Spitzensportler:innen sehr gefürchtet.

Die Arbeitsgruppe Sportpsychologie von Prof. Dr. Jürgen Beckmann an der Technischen Universität München (TUM) ist dem Phänomen schon länger auf der Spur. Dabei haben die Forscher:innen in verschiedenen Untersuchungen festgestellt, dass es hilfreich ist, wenn die Betroffenen einen Tennisball etwa 15 Sekunden lang mit der linken Hand kräftig zusammendrücken. Und zwar bei so unterschiedlichen Sportarten wie Beachvolleyball, Fußball, Golf und Turnen.

"Wir haben bereits in mehreren Sportarten die positive Wirkung eines dynamischen Handdrückens mit der linken Hand zeigen können", so Prof. Beckmann. "Unsere Idee war nun, diesen Handgriff auch im Tennis anzuwenden. Die Probanden, männliche Kaderathleten im Alter von 17 und 18 Jahren, haben dafür den Tennisball direkt vor dem Aufschlag dynamisch mit der linken Hand gedrückt."

Mit dem Trick treffen Tennisspieler unter Druck besser

Die Versuchspersonen wurden in zwei Gruppen geteilt. Die Sportler der ersten Gruppe praktizierten den "dynamischen Handgriff“, drückten also vor dem Aufschlag zehn bis 15 Sekunden lang einen Tennisball in der linken Hand. Die zweite Gruppe drückte den Schlägergriff mit der rechten Hand, ebenfalls über zehn bis 15 Sekunden.

Anschließend sollten alle Teilnehmer zwei Runden à jeweils acht Aufschlägen mit einem bestimmten Ziel schlagen, die erste Runde ohne Druck, die zweite mit. In der ersten Gruppe, die mit der linken Hand einen Ball gedrückt hatte, blieb dabei die Genauigkeit auch beim Durchgang mit Druck stabil. Bei der zweiten Gruppe fiel dagegen die Genauigkeit und damit die Leistung ab.

Der "dynamische Handgriff“ entspannt offenbar das Gehirn

Hinter diesem Versuch stand die Annahme der Forschungsgruppe, "dass die rechte Gehirnhälfte eine ganzheitliche Ausführung einer hochautomatisierten Bewegung begünstigt, während die linke Gehirnhälfte durch sprachliche Repräsentation eher zu einer Zerlegung der Bewegungsausführung führt." (Sehr salopp übersetzt: dass die rechte Gehirnhälfte für einen automatischen Ablauf der geübten Bewegung sorgt, die linke Gehirnhälfte aber sozusagen dazwischenquatscht und das Ganze ins Stocken bringt.) "Dies beeinträchtigt den Bewegungsfluss und führt zu größerer Ungenauigkeit", erläutert Prof. Beckmann.

Die Forschenden gingen davon aus, dass das Drücken der linken Hand die rechte Gehirnhälfte stärker aktiviert und damit unterstützt. Aber offenbar passierte im Gehirn der Sportler etwas anderes, als sie den Ball drückten: Bei EEG-Untersuchungen zeigte sich, dass eher ein Entspannungseffekt im Gehirn, sozusagen ein Reset-Mechanismus, eintrat.

Gute Nachricht: Es geht auch ohne Tennisball!

Aber braucht man für diesen Effekt unbedingt einen Tennisball? Offenbar nicht, wie sich bei weiterer Forschung herausstellte. Zwar eignen sich Tennisbälle besonders gut, weil sie sehr fest sind und solch ein hoher Widerstand beim Drücken auch wichtig für die erwünschte Wirkung ist. Aber offenbar genügt es auch, einfach nur die leere linke Hand zur Faust ballen und 15 Sekunden kräftig zusammenzudrücken.
Nachdem der Bericht in der Fachzeitschrift "Scientific American" erschienen war, meldeten sich Artisten, die das Handdrücken bei Auftritten erfolgreich nutzen konnten. Und auch in der Medizin gab es erste erfolgversprechende Ergebnisse. So half der dynamische Griff auch einer Gruppe von Menschen, die an nicht organisch bedingtem Schwindel leiden.

Mehr noch: Nach der weltweiten Veröffentlichung dieser Ergebnisse stellt sich zunehmend heraus, dass der dynamische Handgriff sich auch außerhalb des Sports einsetzen lässt. Es spricht also nichts dagegen, den dynamischen Griff auch vor Prüfungen, Vorträgen und anderen Situationen einzusetzen, die typischerweise mit Lampenfieber verbunden sind. Ob der dynamische Handgriff auch Kindern helfen könnte, wurde noch nicht erforscht.

Bleibt die Frage, ob auch Linkshänder:innen die linke Faust ballen sollen – oder lieber die rechte? Diese Frage können die Forschenden leider auch noch nicht beantworten. Sie haben die Wirkung bisher nur an Rechtshänder:innen untersucht, weil, so die Wissenschaftler:innen, die Interaktionen der Hirnareale im Scan bei ihnen eindeutiger lokalisiert sind. Da gilt also für Linkshändige ebenfalls: einfach mal ausprobieren!

Quellen:

Jürgen Beckmann, Lukas Fimpel, V. Vanessa Wergin: "Preventing a loss of accuracy of the tennis serve under pressure" In: PLOS One, veröffentlicht am 21.7.2021 DOI: 10.1371/journal.pone.0255060

"Eine Technik gegen Versagen unter Druck" Pressemeldung der TU München vom 16.3.2022.

ELTERN

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