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„Du musst auch mal an dich denken“ Muttivations-Sprüche? Nein danke!

Frau guckt genervt aufs Handy
© fizkes / Shutterstock
Unsere Autorin Katrin Wilkens hat drei Kinder und einen chronisch kranken Mann. Hilfe nimmt sie gern an. Süßliches Säuseln eher nicht

Mein Lieblingssatz ist ja: „Du musst auch mal an dich denken“, gleich gefolgt von „Ich könnte das nicht“ und „Ich bewundere dich, wie du das alles schaffst“. 

In solchen Situationen kaue ich angestrengt auf meiner Backentascheninnenseite (die arme Backentascheninnenseite, ich bewundere sie, wie sie das aushält …) und denke, ja, ich bewundere mich auch, wie ich das schaffe, all diese Doof-Sätze auszuhalten, ohne zu schreien. 

Motivationssprüche sind schlimm, finde ich. Schlimmer als Glückskekssprüche (die sind wenigstens noch in glutenfreiem Backwerk versteckt, das Tauben sehr gern mögen), schlimmer als Kalendersprüche (die einem wenigstens noch so wichtige Tage wie den 7. August memorieren: der Tag des Bieres. Oder den 14. November: der Tag der Gewürzgurke). Und noch viel schlimmer als der Lebertran, den ich als Kind immer schlucken musste, mit der sinnigen Erwachsenen-Erklärung: „Das macht, dass du nicht krank wirst.“ Ich war dauernd krank UND musste dieses Zeug schlucken. 

So ähnlich ist es mit den „Muttivationssprüchen“ auch. (Entschuldigung, aber wenn man sich zu oft diese doofen Sprüche anhört, muss man ja zwischendurch irgendwas Sinnvolles machen, ich denke mir dann immer neue Wörter aus.)

Warum steht das in keinem Mutter-Pass: „Achtung, wenn Sie mehr als ein Kind gebären, werden Sie nicht nur oft von Rota-Viren geplagt, sondern auch von mitfühlenden Nachbarn, die wissen wollen, wie es Ihnen geht, wie Sie das schaffen und ob sie etwas tun können. Nehmen Sie dieses Angebot bloß nicht zu wörtlich. Ebenso wenig wie den Satz:

Ich könnte das nicht.

Denn der heißt übersetzt: Ich wollte das nicht. Was ich mag, sind ehrlich gestammelte Versuche: „Ich weiß nicht, wie ich fragen soll …“ 

Die zeigen, dass es den Fragenden nicht um das Abhaken von Konventionen geht, sondern dass es ihn interessiert. In echt. Und in Farbe. Und: Es ist auch gar nicht schlimm, wenn es andere mal NICHT interessiert, wie es mir geht. Tut es mich ja auch nicht immer. Aber dann auch nicht fragen. 

Muttivationssprüche entlasten den, der sie sagt („Ich habe ja nachgefragt …“), helfen dem, der sie gesagt bekommt, aber keinen Zentimeter weiter. Und: nein! Es ist kein bezeugtes Mitgefühl, nachzufragen, wenn man eigentlich keine Zeit für eine Antwort hat. Es ist ein schlechter Versuch, sich selbst einzureden, man sei ein empathischer Mensch, der mitfühlen könne, weil er sich kümmere. So. Einmal gesagt. 

Meine Coaching-Ausbildungsleiterin (gesprächsgeschult!) kam mal zu mir, steckte den Kopf zur Tür rein und sagte: 

Frau Wilkens, ein Satz nur: Wie geht es Ihrem Mann?

Der musste zu der Zeit von einem Tag auf den anderen aufhören zu arbeiten, Pflegestufe 3 beantragen, täglich 50 Tabletten schlucken und sein Testament schreiben, und ich sollte – einen Satz nur – sagen, wie es ihm geht? Ernsthaft?? Ich entschied mich für ein nebulöses „Ach, wir schlagen uns recht wacker“ – was zu der Zeit, so stand ich unter Strom, doppeldeutiger hätte gemeint sein können, als es sich anhörte. Und dann bekam ich meinen Lieblingssatz serviert: „Wissen Sie, es ist jetzt ganz wichtig, dass Sie auch an sich denken.“

Mmmmhhh. Mach ich. Aber davor noch die Buntwäsche, das Lernentwicklungsgespräch, die vergorene Milch aus dem Kühlschrank entsorgen, trösten, organisieren, kochen. Arztbesuche, Müll, Krankenkassenanträge, Schwimmunterricht. Irgendwas habe ich vergessen, was war das noch? Ach, ja, richtig: Ich soll an mich denken.

Manchmal komme ich dieser Venedig-Rhetorik (Maske, Porzellanlächeln) zuvor und sage: „Wir kommen ganz gut zurecht, was auch daran liegt, dass ich ab und zu ganz bewusst an mich denke.“ Dann hat zwar meine Backentascheninnenseite ordentlich was auszuhalten, aber ich verkürze das Gespräch und kann früher wieder an den Kleiderschrank gehen, der noch aussortiert werden muss, den Liebeskummer des Größten trösten und einen Vorsorgetermin beim Zahnarzt ausmachen.

Was hilft denn wirklich, wenn man als Mutter kurz vorm Verzweifeln ist? Mir hat einmal eine Nachbarin stumm ein Stück Torte vor die Tür gestellt – wenn’s nicht zu viele werden, ist das schon mal ein guter Anfang. Blumen sind auch immer toll. Oder einfach mal den Autoschlüssel borgen und durch die Waschstraße fahren, aussaugen, wiederbringen – man, was wäre das für eine Entlastung. Mir hilft auch meine beste Freundin Marion, drei erwachsene Kinder, sieben Schildkröten, eine Scheidung, die in solchen Momenten immer wissend kichert und sagt:

Ja, aber du weißt ja: Das wird auch noch eine ganze Weile so weitergehen. Du darfst jetzt noch nicht schlappmachen. 

Was sich im ersten Augenblick wie ein ekliges „Sei hart und jammere nicht“ anhört, ist eigentlich Galgenhumor und macht mir einmal mehr klar, was ich zwischendurch immer vergesse: Es ist absurd, was unsere neoliberale Gesellschaft mitunter von uns Müttern verlangt, wenn sie uns suggeriert: Alles ist möglich – ihr müsst euch nur gut organisieren und genug anstrengen.

Marion weiß das. Und sie weiß auch, wie es sich anfühlt, wenn man spät um 21 Uhr noch bügelt. Sie würde deshalb nie sagen: 

Toll, wie du das machst! 

Sondern höchstens: „Bügelfrei!“ Wenn ich im November jammere: „Ogott, ich brauch noch so viele Päckchen für den Adventskalender“... schickt sie wortlos 17 eingepackte (!) Parfümpröbchen und 12 Rubbellose – meine Rettung.

Mir hilft es auch eher, einen Zoom-Abend mit Freunden zu veranstalten zu dem Thema „Meine größte Eltern-Panne“ als irgendwelche Wortspiele à la „Sei einzig, nicht artig“. Denn für so eine Zuckerwatten-Sprache haben wir Eltern oft keine Zeit, der Reis brennt an, der Hund muss raus.

Gibt es eigentlich auch Sprücheausnahmen? Ja, mein Nachbar hat mir zu Weihnachten eine alte Handwerkerregel auf einen Hoodie drucken lassen. „Nach fest kommt lose.“ Nur dieser eine Satz. Aber damit war alles gesagt. Und meine Backentascheninnenseite konnte das tun, was sie schon so lange wollte: sich mal erholen!

ELTERN

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