Fips & ich
 
Alles anders, alles schlechter? 12 Monate Baby-Bilanz

„Alles ändert sich.“ Das ist der Satz, den man als Schwangere wohl am häufigsten hört. „Jaja“, denkt man sich. „Was auch immer. Krieg‘ ich schon hin!“ Klar kriegt man das (abgesehen davon, dass man keine Wahl hat). Aber was dieses mysteriöse ALLES ist… davon hat man absolut keine Ahnung.

Der kleine Hamburger, 12 Monate, Baby
iStock, Bychykhin_Olexandr

Der Fipspapa und ich ahnten, dass es wohl irgendwie damit zu tun haben müsste, dass Fips unser neuer Lebensmittelpunkt sein würde: Wenig Zeit für uns, dachten wir, vermutlich auch erst mal kein Sex und man würde nachts halt öfter mal Windeln wechseln müssen. Aber pffft! Das sollte schlimm sein? Wir waren doch ein gutes Paar! Das würden wir schon hinkriegen! Schließlich war unser Fips ein echtes Wunschkind!

WAS BEDEUTET DIESES „ALLES ÄNDERT SICH“?

In zwei Wochen wird Fips ein Jahr alt: Mein Baby wird ein Kleinkind. Meine Elternzeit endet und mit flauem Herzen versuche ich Bilanz zu ziehen. Mein altes Leben war Arbeit, war Yoga, war Musik, war eine nachsichtige und empathische Beziehung, war viel Zeit zum Schreiben. Und wenn ich das so hinschreibe, möchte ich gleichzeitig lachen und weinen. Denn der Schwangerschaftssatz stimmt. ALLES hat sich verändert. Und dieses ALLES ist u.a. dies:

  • 12 Monate habe ich keine Nacht durchgeschlafen.
  • 12 Monate habe ich keine Mahlzeit in Ruhe verzehrt.
  • 12 Monate habe ich viel zu viel Junkfood reingestopft.
  • 12 Monate habe ich Körperpflege und Hygiene im Schnelldurchgang betrieben.
  • 12 Monate habe ich keinen Sport gemacht.
  • 12 Monate habe ich keine Ahnung, was in der Welt vor sich geht.
  • 12 Monate habe ich kaum Zeit für Freundschaften.
  • 12 Monate stehen Beziehung und Liebesleben ziemlich am Rand.
  • 12 Monate habe ich fast nur über Babykram gesprochen.
  • 12 Monate habe ich oft außer „Kuckuck“ tagelang fast gar nichts gesagt.
  • 12 Monate habe ich gestritten, geweint und unter Unsicherheit gelitten.
  • 12 Monate ziehen mir Hormone, Veränderungen und Unstetigkeiten immer wieder den Boden unter den Füßen weg.

Und ja, jetzt heule ich doch. Weil so wenig von dem übrig ist, was ich war. Und noch mehr, weil diese Liste so verdammt negativ formuliert ist. Mein Kind fühlt sich nicht wie etwas Schlechtes an! Und doch liest sich die Liste wie die Taten eines Zeiträubers und Lebensfressers.
Aber was ist es denn nun?! Ist mein Kind das „Schönste auf der Welt“, wie die Happy-Hippo-Instamamas es auf ihren Sauberfrau-Accounts propagieren – oder hat #regrettingmotherhood einfach recht? Stimmt meine Liste oder wiegt ein „Ma-ma!“ aus dem Mausezähnchenmund schwerer? Ich kann es nicht beantworten.

IST NEGATIV AUSGEDRÜCKT AUCH ECHT NEGATIV?

„Diese Liste ist so verdammt negativ formuliert“, habe ich geschrieben. Ja. Wie soll man auch positiv umschreiben, dass man nicht mehr Pipi machen kann, ohne dass einem jemand an der Unterhose baumelt? Dass man kaum Zeit hat, sich ein Frühstücksbrot zu schmieren und tagsüber Schokolade und Junk reinstopft, um nicht vor Hunger umzukommen? Dass einem Hände und Lippen einreißen, weil man zu Trinken vergisst? Dass man mit struppigen Beinen und Augenbrauen in fleckigen Klamotten rumläuft? Dass man mit dem Partner häufiger wegen fehlender Nähe streitet als sich einfach mal in den Arm zu nehmen? Dass man vor lauter Zombie-Modus manchmal völlig vergisst, dass man eine Persönlichkeit und so was wie Humor besitzt?

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