Kinderalltag
 
Alles hat ein Ende

Als Mutter weiß man vom ersten Tag an, dass der Tag irgendwann kommen wird. Man begleitet durch die ersten Monate, beobachtet was das Kind lernt und freut sich über jede kleine Neuerung. Später wird es selbstständiger und plötzlich zieht unser Baby, das gerade noch an unsere Brust gehangen ist, aus.

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A Star is born
Kaum ist das Kind auf die Welt gebracht setzt ein Rauschzustand ein, der für Euphorie und Vergessen sorgt. Die letzten 16 Stunden, die man vor Schmerzen geschrien hat und die 9 Monate voller Übelkeit, schlafloser Nächte, Rückenschmerzen, Übergewicht und Stimmungsschwankungen verschwimmen zu einer blassen Erinnerung. Es bleibt ein kleines Bild, das klar und deutlich auf unserem Bauch liegt. Das schönste Kind aller Zeiten liegt da. Objektiv betrachtet, meist reichlich zerknautscht, mit ungesunder Hautfarbe und voller Käseschmiere, Blut und allerhand anderer Substanzen. Subjektiv mein Kind und wunderschön.

Das Zentrum verschiebt sich
Wenn die kleine Sonne in unser Leben getreten ist, dann wird Mama von dem zentralen Platz im kleinen eigenen Universum verdrängt. Statt im Mittelpunkt des eigenen Lebens zu stehen, ist man plötzlich ein bedeutungsloser Planet und im Zentrum strahlt ein neuer Stern. Alles dreht sich um das kleine Wesen. Baby-Blues und Nachwehen zum Trotz tut man alles um das Kleine rundum glücklich zu machen. Anfangs ist das nicht viel, was es braucht. Milch, Windeln und Schlaf und schon ist die Welt für das Baby in Ordnung. Aber dabei bleibt es nicht.

Die Ansprüche steigen
Mit Milch lässt sich das Kind bald nicht mehr abspeisen. Feinste Speisen von geprüfter Bioqualität, vorzugsweise eigenhändig und schonend gegart, werden dem Wonneproppen handwarm und in mundgerechten Portionen dargereicht. Mit dem Kleinen stellt auch Mama ihre Ernährung um und ernährt sich fast ausschließlich von Babybrei-Resten. Es kommt der Tag, da greift das Kleinkind selbst zu Löffel, oder Gabel und schaufelt die Nahrung selbst in die unersättliche Futterluke. Das Nahrungsspektrum ändert sich und der Windelinhalt verliert alle Eigenschaften, die ihn fast wohlriechend gemacht haben. Die Haufen stinken ordentlich und Mama hält beim Wickeln den Atem an.

Es geht bergauf
Die Windel fällt bald. Zuerst untertags, dann auch in der Nacht. Das Kleine geht in die Kita. Der erste kleine Trennungsschmerz. Das Mutterherz blutet, wenn das Kind an der Scheibe in der Kita klebt und heult, oder die Pädagogin es weinend wegträgt. Man gewöhnt sich daran und auch der erste Schultag ist kein Problem. Anfangs noch nicht viel anders, als die Kita. Nach ein paar Jahren treten Freunde in das Leben des Kindes. Zuerst gleichgeschlechtliche, dann auch mal erste unschuldige Erfahrungen mit dem anderen Geschlecht. Liebeskummer, Aufklärung und zwischendurch Pubertät. Das Kind nabelt sich langsam, aber sicher ab. Die Gespräche werden einsilbig und wenn man als Mutter ehrlich ist, dann weiß man wenig vom eigenen Kind. Es teilt Geheimnisse und erzählt von großen und einschneidenden Dingen. Die kleinen Dinge, die den Alltag und das Leben ausmachen, bespricht das Kind mit seinen Freunden.

Teenager nerven
Nach einer turbulenten Zeit pendelt sich das Kind schließlich im Leben ein. Es findet seinen Weg, lernt zu lernen und arbeitet sich durch die Schule. Später startet es ein Studium, oder steigt ins Berufsleben ein. Das Baby, das wir im Arm hielten, als es knapp über 3kg wog, darf wählen und das Gesetz erklärt es für mündig. Was schon lang gelebte Praxis ist, ist jetzt amtlich. Mama hat nichts mehr zu melden. Man lebt nebeneinander im selben Haushalt. Einer kauft ein, einer isst es auf. Einer räumt auf, der andere macht Dreck und Unordnung. Das Leben mit einem Teenager, auch wenn er eigentlich schon 20 ist, ist schwierig und man sehnt sich den Tag herbei, an dem das Kind endlich auszieht.

Es ist soweit
Tja, genau das ist mir vor zwei Monaten passiert. Meine Älteste, die 20 Jahre lang in meiner Obhut war, unter meinem Dach gewohnt hat und ihre Füße unter meinen Tisch gestellt hat, ist ausgezogen. Vieles ist einfacher und harmonischer geworden. Mein Mann und ich leben mit den drei gemeinsamen Kindern in einem Haushalt. Das Zimmer, das meine Älteste belegt hatte, haben wir innerhalb eines Tages in ein dringend benötigtes Kinderzimmer umgebaut. Wir haben beide tatkräftig (und nicht ganz uneigennützig) beim Auszug geholfen und sichergestellt, dass auch wirklich Alles in die neue Wohnung überstellt wird. Die Freude ist groß, aber genauso groß ist ein ganz anderes Gefühl!

Unerwartete Gefühle
Das Verhältnis zu meiner Tochter ist besser geworden, seit sie ausgezogen ist. Die kleinen Reibungspunkte im Alltag sind weg und unser Verhältnis ist unbelasteter. Wir telefonieren und ich freue mich immer sehr, wenn sie sich meldet. Vielleicht habe ich jetzt sogar mehr Anteil an ihrem Leben, als vorher. Was ich aber nicht leugnen kann, ist die Tatsache, dass ich sie vermisse. Ich vermisse nicht das Frühstücksgeschirr, das am Küchentisch vergessen wird, die Berge von Wäsche, die erst dann im Badezimmer gelandet ist, wenn der Kasten drohte leer zu werden, oder die nächtlichen Telefonate, die deutlich über Zimmerlautstärke geführt wurden. Ich vermisse mein Kind.

Ich vermisse mein Kind
Das Kind, das ich in den letzten 20 Jahren, mit wenigen Ausnahmen, immer in Reichweite hatte und an dessen Alltag ich teilhaben konnte. Ich wusste jeden Tag, dass sie zu Hause ist und dass sie wohlbehalten in ihrem Bett angekommen ist. Ich wusste, wenn sie verschläft, was sie isst und welche Kleidung sie trägt. Nein, ich will auf keinen Fall, dass sie zurückkommt. Wir haben keinen Platz und das Zusammenleben klappt nicht reibungslos. Ich vermisse sie einfach und fürchte mich jetzt schon vor dem Tag in vielen Jahren, wenn das letzte Kind uns verlassen wird und ich alleine mit meinem Mann in der leeren Wohnung sitze. Bis dahin werde ich mein Blog hoffentlich vom Mama zum Großmutterblog umgestalten können.
 

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