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Einer schreit immer – die Wahrheit über das Leben mit Zwillingen Christine, 49, alleinerziehend

Bloggerin Anne Attersee – Einer schreit immer
© Einer schreit immer – Die Wahrheit über das Leben mit Zwillingen
Seit fast sieben Jahren ist Christine alleinerziehend. Sie betreibt nicht nur den Blog „Mama arbeitet“, sondern hat jetzt auch ein Buch über das Leben als Alleinerziehende geschrieben.

„Zeit- und Geldnot“ sind das Schwierigste daran, wenn man drei Kinder alleine großzieht. Und dann ist da noch die große Verantwortung, die auf einem lastet.“ Christine betreibt nicht nur den Blog „Mama arbeitet“, sondern hat jetzt auch ein Buch über das Leben als Alleinerziehende geschrieben. Denn Geschichten wie ihre gibt es viele: Jede fünfte Familie in Deutschland ist eine Einelternfamilie, 90% davon sind Frauen, nur 10% der Alleinerziehenden haben 3 oder mehr Kinder. Viele davon lieben in Armut und von Transferleistungen.

Seit wann bist du alleinerziehend – wie war die Trennung?

Ich betreue meine Kinder seit Dezember 2009 alleine, und die Trennung war überaus anstrengend, auch, weil der Exmann sie nicht akzeptieren wolle. Ich musste noch 6 Monate unter einem Dach mit ihm zusammen wohnen, wofür es bestimmte Regeln braucht, um wirksam zu sein (Trennungsjahr, Scheidung und so – mit den Kindern gegen seinen Willen auszuziehen, wäre Kindesentzug gewesen). Als der Mann dann Ende Juni 2010 auszog, war ich unendlich erleichtert. Es war fürchterlich, über viele Monate und Jahre. Mein erster Gedanke? Sowas wie „Scheiße, ich muss hier raus. Und die Kinder auch.“

Welche neuen Herausforderungen sind auf dich zugekommen?

Sehr stressig waren die vielen Anwaltsbriefe, Verhandlungen um Unterhalt, Gerichtstermine, Anträge für Wohngeld und Sozialleistungen, und die Sorge um die Existenz, denn ich wurde 1 1/2 Jahre nach der Trennung auch noch arbeitslos und bekam eine Eigenbedarfsküdigung von meiner Vermieterin. Mein ganzes Leben stand Kopf. Ich habe vor lauter Stress sehr viel Gewicht verloren, dabei war ich vorher auch schon eher schlank. Und so musste ich lernen, gut für mich zu sorgen, zum Beispiel durch Kochen – das hatte vorher immer mein Mann gemacht, und er kochte wirklich gut.

Du bist eine sehr gebildete Frau – wie schaut es jobmäßig aus?

Hahaha. Trotz bester Zeugnisse, Promotion, Arbeitserfahrung und Motivation fand ich leider keinen Job mehr nach der betriebsbedingten Kündigung im Jahr 2011. Also habe ich mich selbstständig gemacht als freie Journalistin und Texterin, was exrem hart war ohne Kontakte, mit 45 Jahren, und in einer Sparte, in der es gute Freiberufler en Masse gibt. Heute funktioniert das ganz gut, ich habe mir einen festen Kundenstamm aufgebaut, aber in den ersten beiden Jahren war mein Verdienst lächerlich gering.

Was ist das größte Problem von Alleinerziehenden?

Eine enorm schlauchende Mischung aus Zeit- und Geldnot, kombiniert mit riesiger, dauerhafter Verantwortung. Außerdem werden wir immer noch stigmatisiert, schief angesehen, als gescheiterte Existenzen betrachtet. Oft denken oder sagen die Leute, man müsse doch etwas falsch gemacht haben, habe selbst Schuld, und müsse nun halt damit klarkommen. Vielleicht aber war diese Trennung das beste, was den Kindern und der Frau passieren konnte, denke ich dann. Denn einfach so, aus einer Laune heraus, trennt sich niemand mit Kindern!

Ist die Situation europaweit gleich? Gibt es spezielle Länder in denen es Frauen besser geht?

Mein Freundinnen in Skandinavien haben es wesentlich besser. Als ich im letzten Job in einem internationalen Team arbeitete, trennten sich gerade einige Frauen, so auch ich, und wir sprachen darüber, wie das jeweils abläuft. Es ist in Skandinavien deutlich einfacher für Alleinerziehende, Familie und Beruf unter einen Hut zu bekommen, weil die Firmen und die ganze Gesellschaft viel familienfreundlicher sind. Auch die Trennung und Scheidung selbst laufen schneller und problemloser ab, das ist in Deutschland alles noch sehr bürokratisch. Viele meiner Freundinnen aus Skandinavien leben das Wechselmodell mit den Kindsvätern, und es geht allen gut damit – was daran liegt, dass sich die Väter auch schon vor der Trennung regelmäßig und intensiv um ihre Kinder gekümmert haben.

Wie viele alleinerziehende Männer gibt es? Prozent? Wie ist deren Siutation?

Nur 10% der Alleinerziehenden in Deutschland sind Männer. Sie kümmern sich meist um ältere Kinder, ab Vorschulalter oder Grundschulalter, was natürlich viel einfacher ist, als sich um ein Baby oder Kleinkind zu kümmern. Väter, die Babys und Kleinkinder betreuen, sind statistisch quasi nicht existent! Dazu kommt, dass Väter wesentlich mehr Anerkennung für ihre Leistung erhalten als alleinerziehende Mütter, auf denen eher herumgehackt wird. Einem Vater wird Respekt gezollt, der erhält leichter Unterstützung von Freunden, Nachbarn, Familie und auch dem Staat (dazu gibt es Studien).

Wie kann die Politik konkret helfen? Was gehört geändert?

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