Emil & Ida
 
Dann schrei doch! Mach ich auch!

In unserer Welt gilt es als nahezu desaströses Verhalten seinen Kindern gegenüber laut zu werden. Wer seine Kinder anschreit, verletzt ihre kleinen zarten Seelen. Zerstört Vertrauen, Bindungen. Wer schreit erzieht Kinder, die irgendwann auch wieder ihre Kinder anschreien werden.

Emil & Ida: Dann schrei doch! Mach ich auch!
Miriam Burdelski

Wenn ich höre wie andere Menschen ihre Kinder anschreien zucke ich innerlich zusammen. Leide ich mit. Würde ich gerne dazwischen gehen. Die Kinder aus der Situation heraus nehmen. Sie trösten, halten, beschützen.

Ja, Schreien ist gemein. Und laut. Und zu Recht lesen wir immer und überall das man seine Kinder auf keinen Fall anschreien soll. Das man an sich als Mutter arbeiten muss, ständig, an seiner Geduld und wenn es einen in den Fingern juckt, endlich auch mal seiner Wut freien Lauf zu lassen, dann hat man vielleicht schon lange vorher etwas falsch gemacht. Denn wieso hat man denn Kinder die einen so ärgern, dass man schreien möchte? Ist die Erziehung nicht schon längst vorher gescheitert?

Bekomme ich die Rache für meine Erziehung immer postwendend? Habe ich ein besonders schwieriges Kind? Habe ich besonders schwache Nerven? Bin ich weniger geduldig als die anderen Mütter, die nie laut werden? Warum bin ich so fehlbar und die anderen nicht? Wieso ist mein Kind so anstrengend und die anderen nicht?

Heute morgen klettert Emil zu mir ins Bett. Es ist kurz nach sechs. Wir haben noch Zeit. Ich mache mir einen Kaffee und wir lesen. Draussen ist es noch dunkel, Ida schläft. „Schön haben wir es, oder Mama?“ fragt Emil. Ja, nicke ich. Wir teilen uns eine kleine Schüssel Cranberries. „Wir essen heimlich im Bett,“ kichert Emil, als sei dass das größte Geheimnis, das wir nun für Tage mit uns tragen werden. Um kurz vor sieben gehe ich duschen. Emil bleibt im Bett und blättert noch in Büchern.

Ich wasche meine Haare. Weint jemand? Ich spüle sie schnell aus, wickele ein Handtuch um mich, mir ist kalt. Es tropft auf den Holzboden. Ich öffne vorsichtig die Tür zu Idas Zimmer. Sie schläft tief und fest. Wer weint denn dann? Ich gehe ins Schlafzimmer. Es tropft kalt von meinen nassen Haaren. „Weinst du?“ fragte ich besorgt. „Was ist los?“ Keine Ahnung woher der Sinneswandel rührt, aber Emil sieht mich böse an und sagt: „Ich habe dich immer wieder gerufen! Du hast gar nicht zugehört!“ Ich ziehe mein Handtuch hoch. „Ich kann dich unter der Dusche nicht hören,“ sage ich. „Du musst zu mir kommen, wenn du mir was sagen willst.“ Emil schreit und zetert. Er hätte Tausend Mal gerufen, um mir etwas zu erzählen, und ich hätte nicht zugehört! „Ich konnte dich aber ja gar nicht hören,“ versuche ich es noch mal. Emil tritt wütend die Decke weg. Dabei fällt ein Wasserglas zu Boden. „Selber Schuld!“ ruft er wütend und verlässt das Zimmer. Wie jetzt, selber Schuld? Denke ich.

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