Kinderalltag
 
Die irrationale Schuld

Meine Kinder haben Windpocken. Was ein wenig wie ein Outing klingt, ist auch eines. Wer den Satz schon mal im Lift gehört hat, während die eigenen Kinder sich angeregt mit den anderen unterhalten haben und sich verdammt nahe gekommen sind, der kennt dieses mulmige Gefühl.

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Das kann man ja nicht machen!
Mutterinstinkt ist eine tolle Sache. Die eigenen Nachkommen beschützen und sie vor allem Unheil bewahren. Das ist unser Job. Wenn uns jetzt plötzlich eine andere Mutter erzählt, dass ihre Kinder eine ansteckende Krankheit haben, dann schaltet sich dieser Instinkt ein und meldet sich lautstark zu Wort. Was bitte macht die gute Frau dann mit ihren kleinen Bazillenschleudern in der Öffentlichkeit? In so einem Fall sollte man doch zu Hause im Bett bleiben und dafür sorgen, dass möglichst niemand anderer unter der Krankheit zu leiden hat.

Vorsicht, Glashaus
Allerdings wendet sich das Blatt, wenn man selber betroffen ist. Die armen Kleinen kann man ja schlecht zu Hause einsperren. Das wäre ja unmenschlich. Man muss eben in Kauf nehmen, dass die eigenen Kinder andere anstecken. Ist ja eigentlich nichts Schlimmes und gehört einfach zum Leben dazu. Das Leben muss weitergehen und wir alle haben Besorgungen zu erledigen und andere Verpflichtungen.

Schlechtes Gewissen
Natürlich geht niemand mit hochansteckenden Kindern raus. Ich habe momentan, dank der Windpocken, seit 2 Wochen keine Sonne mehr gesehen und kämpfe mit dem Lagerkoller, aber trotzdem bleibt ein schlechtes Gewissen. Ich habe nämlich insgesamt drei Kinder. Mein Sohn hatte als erster die Windpocken. Die Krankheit dauert etwa 10 Tage, 2-3 Tage vorher ist er ansteckend und nach 14-21 Tagen bricht die Krankheit aus.

Heimaturlaub
Wenn man das durchrechnet ergibt sich, dass ich zuerst einmal 10 Tage mit meinem Sohn daheim bleiben müsste. Danach, auch wenn es keine Krankheitsanzeichen gibt, prophylaktisch sofort mit den beiden anderen. Das kann dann aber nochmal 10 Tage dauern, bis die beiden Mädels auch Windpocken bekommen. Haben Sie die Krankheit dann, heißt es auf jeden Fall 10 Tage drin bleiben. Insgesamt müsste man also, um sicher niemanden anzustecken, 30 Tage, oder mehr daheim bleiben.

Es geht nicht anders
Im Fall von Windpocken, und das hat uns auch unsere Kinderärztin geraten, kann man tatsächlich nichts tun. Solange die Kinder keine Krankheitsanzeichen haben, sollen sie in die Kita gehen. Es geht einfach nicht, alle drei Kinder für ein Monat in die Wohnung zu sperren, weil sie demnächst krank und ansteckend werden. Auch die Leiterin der Kita hatte damit kein Problem. Schließlich gehen alle meine Kinder in dieselbe Kita und mein Sohn hat dort sicher alle Kinder angesteckt, wenn sie noch schon krank waren. Also Kita zusperren, oder in Kauf nehmen, dass ein Virus umgeht.

Es bleibt ein Gefühl
Trotzdem man selbst ganz rational mit den kranken Kindern rechnet, bleibt ein Gefühl. Ablehnung, Unverständnis, was auch immer. Letztens, mein Sohn war krank mit meinem Mann daheim, war ich mit den beiden anderen im Lift. Dort habe ich beim Smalltalk einer netten Nachbarin mit zwei Kindern erzählt, dass der Bruder Windpocken hat, worauf sie erzählt hat, dass sie das vor ein paar Wochen hatten. Was bei so einer Aussage an Gedanken ihren Lauf nehmen ist wirklich beschämend. Sie ist schuld! Nach einem kurzen Überschlagen der Inkubationszeiten und eine schwache Erinnerung, wann man sich das letzte Mal im Lift getroffen hat und schon steht fest, dass der heimtückische Virus von dort gekommen ist.

Anklage
Rational betrachtet ist mir völlig klar, dass es nicht durchführbar ist, jede mögliche Ansteckungsgefahr zu bannen und beim leisesten Verdacht mit den Kindern daheim zu bleiben. Trotzdem schreit mein Unterbewusstsein, dass hier fahrlässig gehandelt wurde. Fast schon Körperverletzung hat sie begangen. Dabei kann die liebe Nachbarin genauso wenig dafür, wie andere. Sie hat ein kleines und eine älteres Kind und sicher war nur der Kleine krank. Mit roten Punkten habe ich ihn nie gesehen, also muss sie sich diesbezüglich korrekt verhalten haben. Wenn man nur ein Kind hat, das krank wird, dann kann man auch nicht die Inkubationszeit berechnen. Aber Mutterinstinkt ist nicht rational.

Praktischer Mutterinstinkt
Auch wenn man natürlich verhindern möchte, dass die Kinder krank werden und leiden, so gibt es auch ganz andere Beweggründe, seine Kinder gesund zu halten. Nicht jede Mutter kann es sich leisten zwei Wochen das Kind zu pflegen, wenn es krank ist. Viele haben einen Job, aber auch wenn man „nur“ Hausfrau ist, gibt es Termine, Vorhaben und Pläne, die man umdisponieren muss, wenn ein Kind krank ist. Hat man, so wie ich drei Kinder, dann ist schon das Bringen zur und das Holen von der Kita ein Projekt, wenn man ein Kind nicht in die Nähe der Kita bringen sollte, es aber auch nicht alleine daheim lassen kann.

Restrisiko
Potentiell ist jedes Kind ansteckend. Das Immunsystem ist noch in der Lernphase und durch den ständigen engen Kontakt mit anderen Kindern drehen die Keime eine Runde nach der anderen. Ist ein Kind krank, dann hat es in der Kita, oder der Schule und auch auf dem Spielplatz nichts verloren. Mütter, die ihre Kinder morgens mit verschiedenen Medikamenten aufputschen, sind zum Glück die Ausnahme. Die meisten Mütter sind verantwortungsbewusst und lassen ihre Kinder daheim. Dass es vor jeder Krankheit aber eine Inkubationszeit gibt, in der die Kinder teilweise über Wochen ansteckend sind, ohne selbst Symptome zu zeigen, macht es leider unmöglich, Ansteckungen zu verhindern.

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