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Geschichten vom Kinderkriegen: die eindrucksvollste Geburt

Da ich mir ja in der vergangenen Woche schon erste Gedanken zur Geburt gemacht habe, muss ich euch langsam wirklich mal weiter von „meinen“ bisherigen Geburtserfahrungen berichten. Ehrlich gesagt waren das ausbildungsbedingt ganz schön viele und manchmal auch ganz schön kurze Geburten, sodass ich mich an manche Details kaum noch erinnern kann. An eine Situation kann ich mich allerdings noch so gut erinnern, als wäre es erst letzte Woche gewesen.

Milch & Mehr: Geschichten vom Kinderkriegen: die eindrucksvollste Geburt
iStock, bingaroony

Das war wirklich die eindrucksvollste, schönste Geburt, die ich bislang miterleben durfte. Und zwar war es quasi eine afrikanische Dorfgeburt, obwohl ich noch nie auf diesem aufregenden Kontinent unterwegs war.

Es ist nicht selbstverständlich, dass man als Medizinstudent bei Geburten dabei ist. Viele meiner Freunde und Freundinnen haben maximal bei einem Kaiserschnitt assistiert. Ich bin sehr glücklich, dass ich die Erfahrung mehrmals machen durfte und die betroffenen Frauen mich in dieser intimen Situation dabei haben wollten. Hier lernte ich nicht für den Beruf, sondern wirklich fürs Leben.

Die Geschichte spielt in einem fernen, kleinen Land in Vorderasien. Ich habe ein Praktikum gemacht. Eigentlich wird in diesem Land mit hohen medizinischen Standards gearbeitet, vergleichbar mit den hiesigen. Allerdings gibt es in diesem Land auch eine größere Gruppe Einwanderer aus einem ganz, ganz armen afrikanischen Staat mit vielen Problemen.

Aus genau diesem Land stammte die Gebärende. Sie war erst vor Kurzem aus ihrer Heimat gekommen. Geflüchtet vor Armut, Elend und Krieg. Sie konnte allenfalls ein paar Wortfetzen der Landessprache und nur minimalstes Englisch. Somit bestand die Kommunikation unter allen Beteiligten weitestgehend auf Mimik und Gestik. Mit Händen und Füßen. Ein Blick auf die Krankenakte verriet mir, dass das Mädchen ein bisschen jünger war als meine kleine Schwester. Sie erwartete nun ihr zweites Kind. Das erste war vor etwas mehr als einem Jahr zu Hause zur Welt gekommen. Meine Schwester hatte gerade ihr Abitur gemacht und bereitete sich auf ein Studium vor.

Sie, also die Gebärende, war ein ganz zierliches Geschöpf, auf den ersten Blick zerbrechlich, auf den zweiten stählern. Vermutlich in der Kindheit unterernährt. Und auch wenn ich schon oft dachte, dass ein schwangerer Bauch nicht solche Dimensionen annehmen könnte, hatte ich wieder einmal das Gefühl, noch nie einen größere Babykugel gesehen zu haben. Als ich die Kreis-Box* betrat, war sie gerade unter akuten Wehen. Ihr Gesicht war schmerzverzehrt. Schweißperlen zierten die Stirn. Auf der Sprache, die keiner von uns verstand, jammerte sie leise ausatmend vor sich hin. Ein melodischer Singsang. Nicht aufdringlich. Sofort viel mir auf, dass der werdende Vater fehlte, dafür aber eine etwas ältere Frau nicht von ihrer Seite wich.

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