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Hallo liebe Wolke Ich hab's verstanden.

Blog Hallo liebe Wolke Ich habe verstanden
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Hallo liebe Wolke, verstehst du manchmal etwas, einfach so? Eigentlich sollte ich ins Bett gehen, denn Schlaf fehlt mir. Und nicht nur der. Nur: Irgendwie kann ich nicht, irgendwie muss ich dir schreiben, weil ich mich gerade so einsam fühle, und das ist ja meistens der Punkt, an dem ich dir schreibe.

Oder wenn was Lustiges passiert. Oder was Trauriges. Oder etwas, das mich wütend macht. Heute Abend fühle ich mich einsam und ich habe etwas verstanden, ich hab verstanden, warum etwas so ist, wie es in mir ist.
 
Gestern
 
Gestern sagte mir jemand, die Natur hätte es nicht vorgesehen, dass sich eine Person allein um ein Kind kümmert, es groß zieht und allein dafür verantwortlich ist. Denn, um ein Kind großzuziehen, braucht es ein ganzes Dorf. Sagt man ja so. Wir haben unser kleines Dorf verloren. Bei meiner Tochter und mir gibt es keine Mitte mehr, in die sie sich, beschützt von zwei Seiten, kuscheln könnte. Bei uns gibt es nur noch mich, die immer stark sein muss, und es sein kann, die den Rucksack der Verantwortung allein trägt, die die bösen Tiere verjagt und ihr sagt:
Hab keine Angst! 
Es ist nicht so, als wäre es mir nicht klar gewesen, was die Natur eigentlich vorgesehen hat, als würde ich das nicht unterschreiben wollen, bloß hat mir dieser Kommentar eine Frage beantwortet, die ich seit Wochen mit mir, irgendwo zwischen Herz und Kopf, herum trage. Und vielleicht, sehr wahrscheinlich sogar, stellt sie sich mein kleines Leben auch.
 
Reparieren
 
Es ist nun ein halbes Jahr her, dass wir ganz alleine sind, das ist noch keine lange Zeit, um Pflaster wachsen zu lassen, um sich das selbst zu kitten, was zu reparieren ist. Glaub mir, liebe Wolke, ich kann meine Frage selbst nicht mehr hören, die ich mir wieder und wieder stelle. Denn wenn man sich Fragen zu oft stellt, werden sie nicht besser wie ein guter Wein, sie verlieren an Perlkraft, aber sie verschwinden nicht. Ich hab mich gefragt, warum ich mich in manchen Stunden immer noch mit den Gedanken an O., an denjenigen abquäle, der mit mir die Mitte gebaut hatte. Für mein kleines Leben. Und auch für mich. Aber das, was mir gestern jemand gesagt hat, das hat mir die Antwort gegeben. Einfach so.
 
Der Geschmack
 
Als ich noch allein war, ohne Kind, da war eine Trennung zwar schmerzlich, aber sie hat nicht so eine tiefe Schneise der Verwüstung hinterlassen wie die vor ein paar Monaten. Sowohl bei mir als auch bei meiner Tochter, die immer noch jeden Tag nach ihm fragt, der ich immer noch erklären muss, warum wir nun wieder ganz allein sind, warum wir sonntagsmorgens nicht mehr zu Dritt am Frühstückstisch sitzen und jemand Brötchen für uns alle kaufen geht, warum wir nicht gemeinsam das Meer besuchen und niemand anderes mehr außer mir die Murmelbahn aufbaut, die ich einfach nicht entsorgen konnte, obwohl ich es besser getan hätte, damit wir nicht mehr daran erinnert werden.
Es war der Geschmack von dem, was die Natur vorgesehen hat und „Familie“ nennt, den ich noch schmecke, der sich nicht so einfach vertreiben lässt, und den ganz besonders meine kleine Tochter immer noch auf der Zunge trägt und ihn in ihr Herz eingeschlossen hat. Ich wünschte, ich könnte die süßeste Schokolade der Welt erfinden, damit sie vergessen kann.
 
Versprechen
 
Manchmal dauert es bei mir bis der letzte Groschen fällt, was nicht bedeutet, dass ich mich jetzt weniger einsam fühle. Aber manchmal, da spürt man es ganz deutlich, dass man stärker sein muss, als man dachte je sein zu können. Wir leben in einer zivilisierten Welt, wir müssen uns nicht vor wilden Tieren fürchten, ich muss nicht mehr darum bangen, dass mein kleines Leben und ich jämmerlich zugrunde gehen, weil uns unser Beschützer verlassen hat. Aber manchmal eben, da fühlt es sich genau danach an.
 
Ich habe meiner Tochter etwas versprochen. Und es ist kein Versprechen, es ist eine Garantie. Eine Garantie dafür, dass sie für ewig geliebt sein wird und dass sie sich immer sicher fühlen darf. Weil ich da bin. Und ich werde stärker sein als alle wilden Tiere, als alle schlechten Träume und bösen Geister, manchmal sogar als ich selbst: Ich muss stark für zwei sein.
 
Vielleicht, meine liebe Wolke, ist das gar nicht so schwierig wie ich in manchen Momenten denke; in den Momenten, wenn ich mich einsam fühle und dir schreibe. Weil sonst gerade keiner da ist, mit dem ich reden kann.
Es ist nichts Außergewöhnliches mehr, dass man mit seinem Kind allein ist, dass man sich allein durch die Wildnis schlägt, die sich „Leben“ nennt. Viele tun das. Es ist ab und zu etwas anstrengend, wenn man das tun muss, was sonst zwei tun: Auf ein kleines, wertvolles Leben aufzupassen. Es zu beschützen und es sicher auf den Weg zu tragen, der vor ihm liegen mag. Nein, außergewöhnlich ist das nicht. Und die Stärke dafür zu finden, das ist nicht schwer, denn sie kommt aus der Liebe. Ganz wie von selbst.
 
Und morgen früh, wenn ich mit meinem kleinen Leben zu Zweit, und gar nicht allein, am Frühstückstisch sitzen werde, dann weiß ich, dass ich es verstanden habe, warum ich mir die Frage so oft stellte. Loslassen und den Groschen fallen zu lassen, das ist nämlich nicht unbedingt meine Stärke, liebe Wolke, aber irgendwann gelingt mir das auch noch. Ganz bestimmt sogar.
 
Flieg schön, meine Wolke!
 

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