Die Rabenmutti
 
Kinderwunsch reloaded: Nein heißt Nein

Es ist einer dieser Momente, bei dem mein Blick über die Geschwisterbilder streift und ich kurz inne halten muss. Ein Stich. Direkt in meiner Brust. Auf dem Bild lächeln mir meine beiden wunderschönen Mädchen entgegen. Ihr Lächeln vermag es normalerweise mein Herz zu erwärmen.

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Doch in der letzten Zeit habe ich immer öfter das Gefühl, dass etwas fehlt. Oben rechts. Die weiße Ecke.

Da gehört irgendjemand hin. Nein, nicht irgendjemand. Mein Kind. Unser Kind. Unser drittes Kind. Was wir nicht haben. Aber welches ich mir so sehr wünsche…

10 Gründe gegen ein drittes Kind
Vor einiger Zeit habe ich 10 Gründe, die gegen ein drittes Kind sprechen verbloggt. Es war eine Aneinanderreihung pragmatischer Gründe, die einfach gegen ein drittes Kind für uns sprechen. Die meisten Gründe haben etwas mit Geld zu tun: Wohnung zu klein, Auto zu klein, keine Altervorsorge möglich. Geld, Geld, Geld. Es geht immer um das Geld! Oder auch nicht. Naja, doch, schon…

Ich denke, dass vor allem Geld für meinen Mann eine Rolle spielt. Aktuell verdiene ich durch mein Nebengewerbe einfach recht wenig Geld und kann damit gerade mal meine Fixkosten deckeln: Schulden durch das Studium, Finanzierung von Smartphone, PC und Co. Mein Mann bezahlt den Rest und damit auch größten Batzen. Ohne seinen Zuverdienst stünden wir ziemlich schlecht da. Allein die Miete frisst monatlich einen Tausender. Hinzu kommen weitere Wohnungs-Kosten, Kitagebühren, Lebensmittel – das kennen alle. 

Viele Kinder bedeuten viel Verantwortung
Alles lastet auf den Schultern meines Mannes. Und damit fühlt er sich einfach enorm unter Druck gesetzt. Er sagt ganz klar „Nein“ zum Dritten Kind. Und Nein heißt dabei Nein. Selbst, wenn ich die gesamte Care-Arbeit übernehmen würde (was ich niemals schaffen könnte!) würde mein Mann bei einem Nein bleiben, sagt er. Neben fehlenden Nerven, fehlender Me-Time und fehlender Pärchenzeit, fehlt einfach das Geld dafür.

Natürlich kann man zurückstecken, wenn man will. Aber das will mein Mann nicht. Wobei – Moment, eigentlich will ich das auch nicht. Aktuell ist es nicht so, dass wir jeden Cent zweimal umdrehen müssen, um zu leben. Ich war an diesem Punkt, lebte in Kinderarmut. NIE wieder! Wenn eine größere Anschaffung ansteht (neuer PC), dann kaufen wir das meist in Raten. Wir fahren mehrmals im Jahr für ein paar Tage in den Urlaub und nehmen beim Einkaufen auch gern mal einfach etwas mit, weil wir Lust drauf haben. Wir sind nicht arm, wir sind nicht reich. Uns geht es einfach gut. Es ist ein Lebensstandard den wir uns erarbeitet haben und nicht aufgeben möchten. Zu Recht.

Ich halte es für völlig legitim, dass mein Mann Nein sagt, aus Angst den Lebensstandard aufs Spiel zu setzen. Doch da fängt die eigentliche Misere eigentlich erst an. Sozialer Abstieg, wegen Kindern? Sollten Kinder nicht eigentlich eine Bereicherung sein? Die Zukunft des Staates? Unsere Zukunft? Stattdessen sehen wir dabei ganz pragmatisch einen Abstieg, finanzielle Einbußen, ein Nein zum weiteren Kind.

Babybäuche überall
Doch warum wünsche ich mir so sehnlichst noch ein Baby, wenn die damit verbundenen Einbußen scheinbar überwiegen? Wen ich eigentlich auch nicht verzichten mag und unser Leben gerade liebe. Ehrlich? Ich weiß es nicht. Je mehr Schwangere ich in meinem Umfeld sehe, desto trauriger werde ich. Eine liebe Mama, die ich mag, ist gerade schwanger und ihr Babybauch wächst ins Unermessliche. Jedes Mal, wenn ich sie sehe, werde ich ein wenig neidischer. In meiner Social Media-Blase werden aktuell ständig Mamabloggerinnen schwanger oder sind frisch mit dem Babyglück beschenkt worden. Und jeder einzelne Post, jedes einzelne Bild sticht… Ich vergieße heiße Tränen. Heimlich.

Liegt es daran, dass wir eigentlich zu dritt sein müssten? An meinem Sternenbaby? Kurz vor Marie war ich bereits schwanger. Ich verlor das Baby recht früh – für den Arzt damals keine große Sache, für mich aber schon. Womöglich kommt das Gefühl „hier fehlt jemand“ daher, dass ich den Verlust nicht verarbeitet habe?

Sehnsucht nach Glück
Oder liegt es daran, wie unheimlich glücklich ich gerade mit meinem Baby bin? Möchte ich dieses Glück nochmal duplizieren? Werde ich süchtig nach Babyflausch? Süße Babys können eine richtige Droge sein. Die Verbindung mit Marie ist sehr besonders und innig. Sie bei mir zu haben und Liebe zu schenken, macht mich unglaublich glücklich. Zu sehen, wie ihre große Schwester mit ihr spielt, für sie da ist, sie beschützt, macht mich so sehr stolz und wärmt mir das Herz. Bin ich süchtig nach Glückshormonen? Glücksgefühlen, weil ich jahrelang unglücklich war? Weil meine Kindheit eher düster und traurig war?

Und, wenn das wirklich die Gründe sind, sind sie legitim? Darf ich mir deswegen ein drittes Kind wünschen? Oder wird mir daraus nun ein Strick gedreht? Ist es egoistisch, noch glücklicher sein zu wollen? Auf Kosten der anderen Kinder? Immerhin werden auch sie den sinkenden Lebensstandard zu spüren bekommen. Ebenso wie mein Mann. Vielleicht wird der Druck auch noch größer auf ihn. Aber gerät er vielleicht auch unter Druck, wenn er meinen großen Kinderwunsch spürt? Wenn er realisiert, dass er da ist und statt zu weichen größer wird? Hält unsere Ehe dem Druck stand, bis die Zeit sich dem Wunsch annimmt und einen Riegel davor schiebt?

Welche Konsequenzen erwarten mich nun
Diese Fragen quälen mich seit einiger Zeit. Doch noch mehr quält mich die Frage, wie lange dieser Wunsch anhalten wird. Ob ich es später nicht bereuen werde, den Wunsch ignoriert zu haben. Ob es überhaupt einen Ausweg aus dieser Situation gibt, der alle Beteiligten glücklich macht, alle Bedürfnisse erfüllt. Eines ist mir klar: Ich möchte meinen Mann zu nichts drängen, den Kinderwunsch nicht zu sehr forcieren. Nein heißt Nein. Auch bei Männern. Ich möchte nicht, dass er mir zu Liebe doch einlenkt und sich auf ein drittes Kind einlässt. Ich möchte, dass, wenn er es tut, es aus Liebe geschieht. Aus Liebe zum Kind. Aus der Liebe Vater zu sein.

Die Situation ist ziemlich verzwickt. Da ist ein Kinderwunsch, Liebe, Neid, Eifersucht, Trauer, Sehnsucht. Mein Mann ist sich mit seinen Gefühlen sicher. Für ihn kommt kein drittes Kind in Frage, Emotional und Rational. Ich bin es nicht. Ich bin eine tickende Zeitbombe, die entweder irgendwann hochgeht und die Familie in Stück zerreißt, oder sich als Blindgänger herausstellt. Ich hoffe auf Letzteres.
 
 

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